Schöftland
Von wegen Ruhestand: Müllers Bassstimme wird bald gebraucht

Hans Müller geht nach 24 Jahren im Gemeinderat, 12 davon als Ammann, Ende Jahr in «politische Pension». «Als Gemeindeammann musst du 24 Stunden für die Gemeinde da sein», sagt er.

Peter Weingartner
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Hans Müller ist stolz auf das umgebaute Zivilstandsamt: «Sogar aus Aarau kommen sie.» WPO

Hans Müller ist stolz auf das umgebaute Zivilstandsamt: «Sogar aus Aarau kommen sie.» WPO

Das muss ein Sänger sein! Wer Hans Müllers sonore Bassstimme hört, wenn er die Gemeindeversammlung mit natürlicher Autorität leitet, kann leicht auf den Gedanken kommen. Falsch. Hans Müller züchtet Kaninchen, fungiert als Experte, ist Ehrenpräsident des regionalen Kleintierzüchtervereins.

Einst hat er auch Musik gemacht, bei den Kadetten Piccolo gespielt, in der Knabenmusik Tenorhorn und Zugposaune. Und in der Musikgesellschaft war er Fähnrich. Er war ein böser Nationalturner. In Oberkulm holte er einen kantonalen Kranz. Ringen ist eine der Disziplinen. Als Kommunalpolitiker rang er mit Erfolg um gute Lösungen.

Kurz gefragt

Warum sind Sie Kaninchenzüchter geworden?
Ich habe als Kind ein Kaninchen bekommen. Damals hatte ich mit dem Kaninchenzüchten ein kleines Sackgeld verdient. Die verschiedenen Rassen faszinieren mich, deshalb bin ich nicht mehr davon losgekommen.


Was war für Sie ein Höhepunkt Ihrer Amtszeit?
Der «Donnschtig-Jass» im Schlosspark diesen Sommer war für mich ein Höhepunkt und ein krönender Abschluss meiner Gemeinderatstätigkeit. Zumal alle Vereine und die Dorfbevölkerung sofort mitgemacht haben.

Die Zufallspartei

24 Jahre im Gemeinderat, das letzte Dutzend als Gemeindeammann, davor vier Jahre in der Finanzkommission der Ortsbürger: Hans Müller, der auf Ende Jahr zurücktritt, hinterlässt Spuren. Dabei war ihm sein Weg nicht in die Wiege gelegt, und wenn sein Nachbar ihn nicht animiert hätte, «mach doch mit», wäre er vielleicht nie in der Politik gelandet.

Zufall, dass jener Nachbar bei der SVP war. Hans Müller: «Gut möglich, dass ich in einer anderen Partei wäre, hätte eine andere Partei zuerst angefragt.» Der (militärische) Adjutant ist kein Parteisoldat. Dabei habe er sich Bedenkzeit ausbedungen, sagt er, und Ruth, seine Frau, habe ihn ermuntert, nicht nur im Chüngeliverein mitzumachen.

Die Visitenkarte

«Bodenständig, engagiert, senkrecht», so charakterisiert ihn FDP-Präsident René Kühni, «mit konservativer Grundhaltung, immer dem Allgemeinwohl verpflichtet.» Und als stillen Schaffer mit sozialer Ader.

Zusammen mit den Ratskollegen, den Ortsbürgern und der Bevölkerung ist es ihm gelungen, das Schloss-Ensemble neu zu gestalten und zu einer repräsentativen Visitenkarte des Dorfes zu machen. «Aus Aarau kommen sie auf unser Zivilstandsamt», sagt er stolz. Schloss, Restaurant, Pförtnerhäuser, Park: Hans Müller ist der Mann für Schlossführungen, seis für Klassenzusammenkünfte oder Firmen. Als ehemaliger Baukommissionspräsident und für Bauten zuständiger Gemeinderat kennt er diese Geschichte wie kein Zweiter.

Die Handschrift

«Als Gemeindeammann musst du 24 Stunden für die Gemeinde da sein», sagt Müller. Er sei auch schon um Mitternacht wegen häuslicher Gewalt von der Polizei aus dem Bett geholt worden, um irgendwo im Dorf eine Türe aufzubrechen.

«Man muss wissen, wie man mit den Leuten reden muss», sagt er. Etwas vom Schwierigsten sei gewesen, als es darum gegangen sei, einer drogensüchtigen Mutter ihre beiden Kinder wegzunehmen, um sie fremd zu platzieren.

Als ehemaliger Elektriker und späterer Disponent bei der IBA Aarau ist ihm die Energieversorgung stets ein zentrales Anliegen gewesen. Er sass in vielen Kommissionen, präsidierte den Regionalverband Suhrental, und einige verwirklichte und geplante Projekte tragen seine Handschrift: Grundwasseranreicherung in Staffelbach, Erdgas-Anschluss zu Heizzwecken in Schöftland, Holzschnitzelheizung in den Schlossgebäuden, Flusskraftwerke an der Suhre.

Die Gemeinde Schöftland ist in «seiner» Zeit von 2800 auf über 4000 Einwohner angewachsen. Die Trümpfe, wie er sie sieht: gute Infrastruktur, zentrale Lage, attraktive Wohnlage auf dem Land, Steuerfuss von 100 Prozent.

Die Kampfwahl

«Ein Gemeindeammann muss zuhören können», sagt Müller. Und zwar Leuten aus allen Schichten. Diese Leute haben ihn auch immer mit Glanzresultaten gewählt. «Nur beim ersten Mal gabs eine Kampfwahl», schmunzelt Müller. In der SVP-internen Ausmarchung sei er um wenige Stimmen unterlegen, bei der Wahl aber habe er obenaus geschwungen.

Parteiausschluss deswegen? Das sei diskutiert worden, habe aber keine Mehrheit gefunden. Eingeborenenbonus? Müller stammt aus einer Nebenerwerbsbauernfamilie vom Schöftler Haberberg.

Mit dem Verwaltungspersonal habe er ein sehr gutes Verhältnis gehabt, sagt Müller. Gemeindeschreiber Ruedi Maurer muss es wissen: «Hans hat um sich kein grosses Wesen gemacht; er ist sehr umgänglich, eher introvertiert, kennt Land und Leute, hat nie parteipolitisch politisiert und liess uns arbeiten.»

Die Tradition

«Ich bin gut z Schlag gekommen mit Hans», sagt Elsbeth Kaufmann, die gleichzeitig mit Müllers Wahl zum Gemeindeammann als Gemeinderätin gewählt wurde. Gemeinsam bereiteten sie unter anderem die Einbürgerungen vor. Obwohl einzige Linke im Rat und einzige Frau, hat sie Hans Müller als Mann erlebt, dem die Parteifarbe keine Rolle spielte.

«Im Gemeinderatszimmer darf man einander an den Karren fahren, aber es soll um die Sache gehen und nicht um Personen», sagt der abtretende Ammann. Die Tradition, nach jeder Sitzung noch zusammen in die Beiz zu gehen und «eins zu ziehen», hat Müller gepasst: Man kann unterschiedlicher Meinung sein, einander aber trotzdem schätzen.

Die Gesangshoffnung

Nächstes Jahr wird Hans Müller 70 Jahre alt. Eigentlich hätte er schon früher zurücktreten wollen, doch das krankheitsbedingte Ausscheiden des Vizeammanns habe ihn dazu bewogen, die Amtsperiode zu beenden. Die Grosskinder geniessen, neue Freiheiten auskosten, darauf freut er sich. «Jetzt kannst du an die Probe kommen!»

Er hört die Sänger schon. Zumal auch seine Frau deren Begehren unterstützt. Hans Müller: «Ja, Bass, das ist meine Stimmlage.»

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