Grossratswahlen

Vor 24 Jahren als Kandidat bei der Einbürgerung – jetzt für den Grossen Rat: Mehmet Isik aus Reinach

Mehmet Isik, hier im Reinacher Zentrum, ist auf dem fünften Listenplatz der SP Kulm.

Mehmet Isik, hier im Reinacher Zentrum, ist auf dem fünften Listenplatz der SP Kulm.

Der Reinacher Mehmet Isik möchte in den Grossen Rat. Auch damit Ausländer mehr Identifikationsfiguren in der Politik haben. Er repräsentiert das Vielvölker-Tal.

Im Jahr 1999 sprach ein junger Mann vor der Gemeindeversammlung von Burg. Der Sohn türkischer Einwanderer, 24 Jahre alt, wollte eingebürgert werden. «Damals musste man sich der Gemeindeversammlung noch persönlich vorstellen und erklären, weshalb man Schweizer werden möchte», sagt Mehmet Isik, heute 45. «Man wollte vor allem wissen, wie gut der Kandidat Deutsch spricht», fügt er mit Augenzwinkern an. Deutsch sprach er fliessend und «auf der Burg kannten mich die meisten». Die Einbürgerung war mit fünf Gegenstimmen ein Erdrutschsieg.

Heuer ist Isik zweifacher Vater und wohnt in Reinach, wo er SP-Vizepräsident ist. Dieses Jahr ist er erneut Kandidat. Doch für diese Kandidatur wird er wohl mehrere Anläufe brauchen. Er steht auf Listenplatz fünf der Kulmer SP-Liste für den Grossen Rat. Den einzigen SP-Sitz im Bezirk hat Alfred Merz (64) inne. Mit ihm hat die SP bei der Wahl 2012 den verlorenen Sitz zurückgeholt. Nachdem die Schweiz bei den Nationalratswahlen im letzten Jahr mehr linke Vertreter ins Parlament gewählt hat, hoffen die Kulmer SPler auf einen Reflex dieser Gesinnung auf die Bezirksebene und auf einen zweiten Sitz.

Mehmet Isik.

Mehmet Isik.

«Am Anfang steht das Interesse»

In Mehmet Isik, der erst eine Druckerlehre, später eine kaufmännische Ausbildung absolviert hat und heute im Verkauf arbeitet, pulsiert das übliche SP-Blut. Er möchte das Gesundheitswesen unter staatlicher Hoheit belassen, dazu eine Altersvorsorge, die keine Altersarmut bewirkt und höhere Kita-Subventionen.

Einen entscheidenden Unterschied gibt es da aber. Er repräsentiert als einziger der Liste die Kulmer Multikulti-Gesellschaft. In seinem Wohnort Reinach leben 41 Prozent Ausländer. Als solcher, davon ist er überzeugt, ist er ein Katalysator zur Integration. «Hätten Ausländer eine Identifikationsfigur in der Politik, würden sie sich eher dafür interessieren», sagt er.

Am Anfang stehe das Interesse an einer Bevölkerungsgruppe: Erreichen, dass sich die Menschen nicht ausgeschlossen fühlen, sondern ihren Wert erkennen. Als Secondo sieht er sich als Vermittler zwischen Ausländern und Schweizern. Einer, dessen Eltern in der Tabakfabrik von Burger Söhne gearbeitet haben und kaum Zeit für ihre Kinder hatten. Aber auch einer, der seit Kindesbeinen ein Schweizer Umfeld hatte und eine Schweizer Berufskarriere durchlief.

Mehmet Isik wurde 1999 in Burg eingebürgert.

Mehmet Isik wurde 1999 in Burg eingebürgert.

Helfen, in der Mitte der Gesellschaft anzukommen

Der Secondo-Politiker als Vermittler, das ist nicht nur eine Theorie. In seinem Quartier an der Pilatusstrasse lebt Isik das Multikulti-Reinach. Mancher Nachbar wendet sich an ihn, wenn auf einer Behörde etwas erledigt werden muss. Er übersetzt für sie, zeigt die nächsten Schritte auf und erklärt, warum in der Schweiz dieses oder jenes gemacht werden muss. «Glauben Sie mir, meine Nachbarn sind sehr froh, wenn ich ihnen die Schweizer Gepflogenheiten oder auch die Auswirkungen einer Begrenzungsinitiative auf sie erkläre», sagt er. Die Kombination von mehreren Jobs, Kinderbetreuung und fehlenden Sprachkenntnissen führe oft dazu, dass Ausländer sich nur in ihrer Diaspora bewegen «und so auch nie in der Mitte der Gesellschaft ankommen». Bezahlbare Krippenplätze für Geringverdiener würden dem bereits Abhilfe schaffen, da beide Ehegatten (oder Alleinerziehende) dadurch zur Arbeit und somit raus aus der Isolation gehen könnten.

Ein entscheidender Integrationsschlüssel sei die Bildung als Präger der Schweizer Denkweise. «Sollte ich Grossrat werden, würde ich mich für ein Schulfach einsetzen, das ein Semester lang an der Oberstufe unterrichtet wird.» Darin würden Themen wie Gepflogenheiten im öffentlichen Raum, Gefahren im Internet und der Umgang mit Geld einfliessen.

Wie sieht Isik den Bau der Moschee der Albanisch-Islamischen Gemeinschaft am Dorfeingang hinsichtlich der Integration? «Ich gehöre der islamische Konfession der Aleviten an und bin kein Moscheegänger, finde aber, man solle jedermann seinen Glauben leben lassen, solange Schweizer Gesetze und Regeln befolgt werden.»

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