Schöftland
Wort um Wort, Satz um Satz: Einstieg in die deutsche Sprache

Sechs Frauen erobern im Deutschkurs des Frauenvereins die deutsche Sprache, und zwar Wort um Wort. Der Deutschkurs für ausländische Frauen wird vom gemeinnützigen Frauenverein Schöftland organisiert.

Aline Wüst
Drucken
Deutschkurs
7 Bilder
Erlene Fahrni aus Brasilien.
Chanelle Bolliger aus der Dom. Republik.
Elsa Hernandez Rodriguez aus Mexiko.
Yudi Salcido aus Brasilien.
Marina Siegrist aus Portugal.
Konnasa Neukom aus Thailand.

Deutschkurs

Aline Wüst

Keine der sechs Frauen hätte gedacht, dass sie einmal Deutsch lernen wird. Jetzt tun sie es: Jeden Donnerstagabend treffen sie sich in einem Schulzimmer, wo in der Ecke ein Skelett steht, darüber Weltkarten baumeln, die der Lehrer herunterziehen kann, wenn er die Welt erklären will. Müssten die Frauen darauf ihre Heimat zeigen, würde keine auf die Schweiz tippen. Sie kommen aus Portugal, Thailand, Mexiko, Brasilien und der Dominikanischen Republik. Alle haben einen Schweizer geheiratet, haben ihre Heimat verlassen.

Das Meer, es fehlt

Die lustige Marina Siegrist ist aus purer Neugierde in die Schweiz gekommen. Im roten Kleid landete sie vor 24 Jahren in Kloten. «Viel zu chic für Zetzwil», sagt die Portugiesin heute. Oder Erlene Fahrni, die ihren künftigen Mann kennenlernte, als er Ferien in Brasilien machte. Sie hat zwei Kinder, vor vier Jahren kam sie in die Schweiz. Konnasa Neukom, die 51-jährige Thailänderin, die erst kürzlich mit ihrem Mann in die Schweiz zog, aber klar sagt, dass sie forever - für immer - bleiben wird. Sie ist das zweite Mal dabei und hat alle ihre Deutschbücher in Thailand vergessen.

Yudi Salcido, die brasilianische Journalistin lebt schon länger hier und vermisst trotzdem manchmal noch das Meer. Da sitzt aber auch Chanelle Bolliger, deren Mann kürzlich starb. Und schliesslich Elsa Hernandez Rodriguez, die hübsche Mexikanerin, die ganz scheu unter der Türschwelle steht beim ersten Kurstag. «Non comprende», sagt sie, als ihr die Lehrerin Myrta Steiner erklärt, wie das mit den Unterrichtsbüchern in diesem Deutschkurs funktioniert.

Myrta Steiner ist streng und hat ihre Ohren überall. Eine falsche Zeitform, ein falscher Artikel, die unkorrekte Aussprache - Myrta Steiner merkt alles, korrigiert und erklärt geduldig.

Portugiesisch ist einfacher

Am ersten Kurstag geht es um die Artikel und Nomen. Faustregel: Was man berühren kann, ist ein Nomen. Mithilfe von Kärtchen müssen die Frauen entscheiden, ob es der/die oder das Himmel heisst und ob der Himmel ein Nomen ist. «Kein Nomen», entscheidet Marina Siegrist. Warum? «Ich kann die Himmel nicht berühren.» 1:0 für Marina. «Aber du kannst ihn sehen», entgegnet Myrta Steiner. «Ich tschegge das nicht», seufzt Marina, die als Einzige gut Schweizerdeutsch spricht und hier ist, weil sie Hochdeutsch lernen muss. Sie besucht den Kurs zum vierten Mal.

Die Frauen kämpfen mit den Worten, den Regeln, den Ausnahmen. Zwei sprechen leise portugiesisch miteinander, weil das leichter fällt. Doch Myrta Steiner hört das sofort. «Hehe, sprecht Deutsch», mahnt sie. Die beiden nicken, wie beim Schummeln ertappte Schulkinder.

Männer bleiben draussen

Ein Bein wird im Deutschkurs schon mal als Wein bezeichnet. Und ganz logisch erscheint es den Frauen nicht, dass: «Ich liebe dich» kein reflexives Verb ist. «Ich verliebe mich» hingegen schon.
Genug Grammatik. Jetzt wollen die Frauen wissen, woher Elsa kommt. Konnasa Neukom, die Thailänderin, ist sich sicher, dass sie eine Asiatin ist. «Asiatic», sagt sie und zeigt auf Elsas Gesicht. «No. Mexiko!», sagt Elsa. Nicht alle verstehen das. Elsa doppelt nach: «Sonne, Sombrero, Tequila - Mexiko!» Jetzt lachen alle. Schnell ist die erste von zehn Stunden vorbei. Vor der Tür warten die Männer. Beim Kurs sind sie nicht zugelassen. Nur Frauen, das schafft Nähe. Woche für Woche treffen sich die Frauen. Weil der erste Schnee dieses Jahr ausgerechnet an einem Donnerstag kommt, fällt der Kurs einmal aus.

Beim sechsten Kurstag erzählt Yudi Salcido aus ihrem Leben. Die brasilianische Journalistin weiss von der Kraft der Sprache - der portugiesischen Sprache. Das nützt ihr nichts in der Schweiz. Beim letzten Kurstag ist sie nicht mehr hier. Weihnachten verbringt sie mit ihrem Mann und den Zwillingen bei der Familie in Brasilien. Sie hat die Tage bis zur Abreise gezählt. Auch Chanelle Bolliger, die ihren Mann verloren hat, war am vergangenen Donnerstag nicht dabei. Sie hat sich entschieden, mit ihrem Kind nach Hause zurückzukehren.

Der Korken knallt

Am letzten Kurstag, gleich nach dem Grammatikspiel, packt jede der Frauen etwas zu Essen aus ihrem Herkunftsland aus - das hat Tradition. Die Thailänderin Konnasa Neukom hat zum Beispiel Poulet-Spiesse mit Erdnusssauce gebracht. Sie spricht noch immer kaum Deutsch. Dafür schmecken die Poulet-Spiesse allen ausserordentlich gut.

Die Thailänderin sitzt stumm mit den anderen an den zusammengeschobenen Schulbänken. Sie wirkt glücklich. Sie gehört dazu. Es spielt keine Rolle, dass sie das deutsche Wort für Erdnusssauce nicht kennt. Die Anmeldung für den nächsten Kurs haben alle wieder mitgenommen. Erlene Fahrni will gleich zwei davon. «Einen schenke ich einer Afrikanerin zu Weihnachten, die wie ich in Schlossrued wohnt», sagt sie.

Dann knallt der Champagnerkorken und Marina Siegrist füllt die kleinen Pappbecher bis zum Rand.

Aktuelle Nachrichten