«Der Adler und der Reiher sitzen auf dem gleichen Ast.» Mundartkünstler Simon Libsig fasste in seiner eigens für den ersten Neujahrsapéro der fusionierten Gemeinde geschriebenen Geschichte den Weg von Attelwil und Reitnau zur Fusion in seiner Art zusammen. «Die anderen, das sind etwas andere Vögel», sage jeder der beiden, und das sei gut so. Und trotzdem würden sie es schaffen, sich anzunähern. Die gut 400 zum gestrigen Apéro erschienenen Gäste zeigten ihre Zustimmung mit viel Applaus.

Für den feierlichen Anlass suchten sich die Reitnauer das exklusivste Lokal ihrer Gemeinde, das «Widenmoos», aus. Dazu hatte Daniel Bühler, Leiter des Wirtschaftsclubs (auf Reitnauer und Winikoner Boden) den Neu-Reitnauern die Türen geöffnet. Gewöhnlich haben nur Clubmitglieder Zutritt, die dank der guten Kontakte der Bühlers internationalen Wirtschafts- und Politgrössen die Hand schütteln dürfen. Neben Angela Merkel und Jean Claude Juncker fand auch Donald Trump einst den Weg ins «Widenmoos», als er «erst» Geschäftsmann war. Die Reitnauer geniessen ein Sonderrecht im eleganten Anwesen, zu dem für gewöhnlich auch Medien keinen Zutritt haben: Diskretion ist oberstes Gebot im Hause. «Wir bereiten der Gemeinde Reitnau viel Verkehr durch unsere Veranstaltungen», sagt Immobilienunternehmer und Club-Gründer Fredy Bühler (71). «Als Dank dürfen sie unsere Räume für Veranstaltungen buchen.» So richten die Bühlers auch Brunchs aus für Reitnauer Vereine aus. «Wir möchten Teil der Gemeinde sein», so Fredy Bühler, «nicht die Fremden vom Club Widenmoos.»

Anfang einer Wanderung

«Bekanntlich sind die ersten 100 Meter die anstrengendsten einer Wanderung», sagte Frau Ammann Katrin Burgherr (SVP), als sie ihre alten und neuen Untertanen begrüsste. Eine erste Stärkung im «Widenmoos» sei deshalb angebracht. Auf dem Weg, so Burgherr, werde es Stolperstellen geben, die Wanderer würden ab und zu müde. «Daraus können wir immer wieder lernen, in schwierigen Situationen einen kühlen Kopf zu bewahren.»

Der Weg hin zur Fusion war alles andere als ein Spaziergang. Nur ein paar wenige Stimmen waren Ende 2017 entscheidend, dass Reitnauer und Attelwiler jetzt die Gläser heben konnten. Zwar wurden die ersten Schritte hin zur Vereinigung, die ab 2016 erfolgten, mehrheitlich positiv aufgenommen. Attelwil hatte zunehmend Mühe, Freiwillige für Ämter zu finden. Je näher jedoch der Entscheid rückte, umso mehr wurde im viermal kleineren Attelwil die Angst breit, mit der Fusion Identität und Rechte zu verlieren. Name und Wappen sind in der fusionierten Gemeinde nicht mehr vertreten. Die Attelwiler Landwirte, die Land im Gemeindebesitz pachten, fürchteten, die Reitnauer Bauern würden ihnen das Pachtland wegnehmen, da sie sich nach der Fusion ebenfalls dafür bewerben können. Als Folge dieser Zweifel stimmten die Attelwiler an der Urne nur hauchdünn für die Fusion. Die Aufgabe des neuen Gemeinderats ist also klar: Es gilt, die Ängste ernst zu nehmen und Lösungen zu suchen.

Ein seltenes Ereignis

Die Neujahrsrede von Katrin Burgherr spricht dafür, dass der Gemeinderat diesbezüglich guten Willens ist: «Vielleicht machen wir wegen der Unerfahrenheit auch Fehlentscheide. Aber mit guter Kommunikation und Vertrauen ineinander werden wir die nötigen Korrekturen vornehmen können und gestärkt weitergehen können.»

Es ist ein seltenes Ereignis im Westaargau, wenn auf die Verschmelzung zweier Gemeinden angestossen wird. Die letzte Gemeindefusion liegt neun Jahre zurück. Am 1. Januar 2010 klangen die Gläser zur Vermählung von Aarau und Rohr. Bewusst wurde das Motto «Aarau ist ganz (R)Ohr» gewählt, um dem eingemeindeten Rohr Respekt zu zollen und zu vermitteln, dass es nicht einfach von Aarau geschluckt wird. Mittlerweile ist mit Thomas Richner (SVP), ein Rohrer, Vizepräsident des Einwohnerrats und damit zweithöchster Aarauer.

Für die nächste Generation Reitnauer ist ein Graben zwischen Alt-Attelwilern und Alt-Reitnauern kaum Thema. Am gestrigen Neujahrsapéro hoben die Jungen bereits in bunt durchmischten Gruppen ihre Gläser.