Zeitgeschichte im Bild
Als der Kadettenunterricht im Aargau noch zum Stundenplan gehörte

Bis 1972 war der Kadettenunterricht im Kanton Aargau für Schüler obligatorisch. Sie sollten so zu verantwortungsvollen Staatsbürgern erzogen werden. «Zeitgeschichte Aargau» blickt zurück.

Patrick Zehnder
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Übergabe Wanderpreis bei den eidgenössischen Kadettentagen in Aarau am 11. September 1949.

Übergabe Wanderpreis bei den eidgenössischen Kadettentagen in Aarau am 11. September 1949.

Bildarchiv: Ringier

Bis Anfang der 1970er-Jahre existierten im Kanton Aargau an allen Bezirksschulen Kadettenkorps. Der Kadettenunterricht war für Knaben obligatorisch und nach dem Zweiten Weltkrieg zunehmend umstritten.

Mit dem kantonalen Schulgesetz von 1972 wurden die Kadetten abgeschafft und durch den freiwilligen Schulsport ersetzt. Zeitgleich war auf eidgenössischer Ebene der militärische Vorunterricht durch die Nachfolgeorganisation «Jugend + Sport» (J+S) abgelöst worden. J+S bot verschiedenste Sportarten an und stand Jungen wie Mädchen von 14 bis 20 Jahren offen.

Uniform und Schiessübungen

Damit kam eine weit über hundertjährige Tradition zu einem Ende. Die Kadetten sollten Jugendliche in der ganzen Schweiz auf ihre Pflichten als verantwortungsvolle Staatsbürger vorbereiten. Deshalb kam dem damaligen Zeitgeist entsprechend der militärischen Dienstpflicht eine besondere Bedeutung zu. Bereits Johann Heinrich Pestalozzi unterhielt Anfang des 19. Jahrhunderts in seinem Institut in Yverdon ein Kadettenkorps zur körperlichen Ertüchtigung seiner Zöglinge.

Übergabe Wanderpreis bei den eidgenössischen Kadettentagen in Aarau, 11.9.1949
4 Bilder
Drei Buben auf einem Geländer bei den eidgenössischen Kadettentagen in Aarau, 11.9.1949
Schwimmwettkampf bei den eidgenössischen Kadettentagen in Aarau, 11.9.1949
Blasmusik der Zofinger Kadetten beim Umzug bei den eidgenössischen Kadettentagen in Aarau, 11.9.1949

Übergabe Wanderpreis bei den eidgenössischen Kadettentagen in Aarau, 11.9.1949

Bildarchiv Ringier

Das Kadettenjahr begann jeweils mit dem Schuljahr im April. Die eintretenden Bezirksschüler wurden uniformiert mit Mütze, Bluse, Leibgurt und zwei Paar Hosen – eine kurze für den Sommer, eine bis zur Wade reichende für die kalte Jahreszeit. Jeder erhielt auch ein Gewehr für Schiessübungen auf 200 Meter Distanz.

Zusammen mit ihren Instruktoren, allesamt Volksschullehrer, gestaltete das säbeltragende Kader aus der vierten Klasse Marschtrainings, Patrouillenläufe, Morse-Signal-Dienst, Gewehrdrill, Zielübungen und Skiwettkämpfe.

Das Freischarenmanöver ist ein Überbleibsel

Die Aargauer Kleinstädte und besonders Aarau waren bis in die 1960er-Jahre regelrechte Hochburgen des Kadettenwesens. Bei den Kadetten begann manche politische Karriere. Im Aargau fanden seit dem Zweiten Weltkrieg drei eidgenössische Kadettentage statt. Unser Bild stammt von den Kadettentagen 1949 in Aarau und zeigt die Übergabe des Wanderpreises. 1958 fand das Treffen in Brugg und 1966 in Wettingen statt. Bis zu 6000 Knaben und Burschen massen sich im sportlichen Wettkampf beim Schiessen, Seilziehen, Schwimmen, Gelände- und Orientierungslauf.

In Aarau, Brugg, Lenzburg und Zofingen sind die historischen Kadettenkorps zum festen Bestandteil des Brauchtums im Umfeld der sommerlichen Jugendfeste geworden. Vor allem in Lenzburg und Zofingen lebt die Tradition der regelmässigen «Freischarenmanöver» bis heute weiter.

Doch es gab nicht nur die schiessenden und militärisch orientierten Kadetten, wie AZ-Leser Robert Müller der Redaktion mitteilt. «Es gab auch die Kadettenmusik, wo jungen Menschen das Spielen eines Instrumentes beigebracht wurde, wo zusammen geübt und auf der Strasse Marschmusik dargeboten wurde. Diese Kadettenmusikanten bildeten auch den heute fehlenden Nachwuchs in den Musikvereinen», schreibt er.

Serie Zeitgeschichte im Bild
Die Aargauer Zeitung veröffentlicht jeweils zu Monatsbeginn in Kooperation mit Zeitgeschichte Aargau eine Fotografie aus der Aargauer Geschichte seit 1945. www.zeitgeschichte-aargau.ch

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