Döttingen

100 Prozent Natur, 0 Prozent Ertrag: Beim Spritzen gingen Reben vergessen – mit fatalen Folgen

Marc Berger betrachtet die verdorrten Beeren.

Marc Berger betrachtet die verdorrten Beeren.

Ein Mitarbeiter der Weinbaugenossenschaft Döttingen spritzte aus Versehen 22 Aren Reben nicht. Rund 2000 Flaschen sortenreiner Riesling-Sylvaner werden nie produziert.

Marc Berger schreitet durch die Reben am Probstberg. Es ist eine der besten Lagen der Weinbaugenossenschaft Döttingen. «Südsüdwest», sagt der 33-jährige Geschäftsführer und Winemaker. Riesling-Sylvaner wird hier angebaut.

Berger streicht mit der Hand durch die verkümmerten Trauben. Die Blätter haben braune Ölflecken, die Beeren sind braun und verdorrt. «Das passiert, wenn man nicht spritzt», sagt er. «Diese Reben sind Natur pur.» Quasi 100 Prozent Bio, dafür 0 Prozent Ertrag.

Ein falsches Bild von Bioprodukten

Mit Interesse hatte Berger einen Artikel in der «Schweiz am Wochenende» gelesen, in dem sich Nachbarn des Klingnauer Winzers Andreas Meier beklagt hatten, dass dieser trotz Bio-Label seine Reben spritzt. Viele Leute hätten ein verzerrtes Bild von Bio, glaubt Berger, das liege auch an der Werbung.

«Bio heisst nicht, dass nicht gespritzt wird», sagt der Luzerner. Auf den 22 Aren am Probstberg ist aber genau das passiert. Aus Versehen. Ein Ärgernis, aber immerhin kann Berger damit demonstrieren, was mit unbehandelten Reben passiert. Ein neuer Mitarbeiter hatte vergessen, dass auch diese Parzelle zur Weinbaugenossenschaft gehört. 2200 Kilogramm werden im Normalfall auf diesen 2200 Quadratmetern geerntet. Das ergibt rund 2000 Flaschen sortenreinen Riesling-Sylvaner. «Es ist ein Totalausfall, die Reben sind vom Falschen Mehltau befallen.» Dieser hat, im Gegensatz zum Echten Mehltau, zwar keinen Einfluss auf den Geschmack, aber die Ernte würde so minim ausfallen, dass sie sich nicht lohnt. «50 kg gibt das vielleicht», sagt Berger.

Zehn Winzer sind der Weinbaugenossenschaft Döttingen angeschlossen. Für drei von ihnen ist der Wein ein wichtiger Teil ihres Einkommens. Zehn Hektar beträgt die Anbaufläche, 60 Tonnen die jährliche Ernte. «Wir werden im Vorstand besprechen, wie wir den betroffenen Winzer entschädigen werden», sagt Berger, «es ist ein trauriger Moment für ihn.»

Letzte Woche hatte man den Fehler bemerkt. Mitte April beginnt man normalerweise zu spritzen. Die Weinbaugenossenschaft hat zwar kein Bio-Zertifikat, hält sich bei der Produktion aber an Bio-Normen. «Für eine Genossenschaft ist es ein langer Prozess, das Zertifikat zu erhalten», erklärt Berger. Auf Herbizide und synthetische Pflanzenschutzmittel verzichten die Döttinger. Dafür kommen wie bei Bio-Winzer Meier Schwefel, Kupfer und Tonerde zum Einsatz.

Umstellung auf Bio hapert im Aargau

Dass sich Leute erschrecken, wenn Arbeiter in Schutzkleidung die Reben spritzen, kann Berger verstehen. Aber auch er verlangt von seinen Mitarbeitern, dass sie Schutzkleidung tragen. «Auf dem Bau trägt man ja auch einen Helm», sagt Gerber. Und dass man den Schwefel riechen kann, sei zwar unangenehm, aber immerhin nehme man ihn – im Gegensatz zu synthetischen Pflanzenschutzmitteln – wahr.

Der Aargau sei eher konservativ, was die Umstellung auf Bio betreffe, bedauert Berger. «Bisher machen das nur Vereinzelte. Aber mit Andreas Meier ist ein grosser Player ins Bio-Business eingestiegen, das könnte für Nachahmer sorgen.» Berger würde es begrüssen, wenn vermehrt nach Bio-Standards produziert werden dürfte. 

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