Lengnau

5G-Anlage im Kirchturm: Kanton prüft die Gefahr für die Mauersegler

Der Mobilfunkbetreiber Salt will im Lengnauer Kirchenturm eine 5G-Antenne installieren. Ob sie rechtens ist, prüft nun die Abteilung für Umwelt des Kantons. Bild: Sandra Ardizzone

Der Mobilfunkbetreiber Salt will im Lengnauer Kirchenturm eine 5G-Antenne installieren. Ob sie rechtens ist, prüft nun die Abteilung für Umwelt des Kantons. Bild: Sandra Ardizzone

Wegen der geplanten 5G-Mobilfunkanlage im Lengnauer Kirchturm muss sich der Kanton erstmals mit deren Verträglichkeit zu geschützten Tieren befassen. Ein vergleichbarer Fall im Thurgau endete vor Bundesgericht.

Es ist der erste Fall dieser Art im Kanton Aargau: Viele der 189 Einsprachen gegen die geplante 5G-Antenne im Turm der katholischen Kirche in Lengnau sind mit der Sorge um die geschützten Mauersegler begründet, die dort nisten (AZ vom 14. 8.). Sind die Befürchtungen um die Vögel Grund genug, dass das Baugesuch von Mobilfunkanbieter Salt doch abgelehnt wird?

Für die Geschäftsführerin der Aargauer Sektion von Bird Life, Kathrin Hochuli, ist klar: «Kann durch den Antennenbetreiber nicht gewährleistet werden, dass die Antenne die Kolonie nicht negativ beeinflusst, darf diese nicht gebaut werden.» Denn Mauersegler seien gemäss Roter Liste Schweiz als potenziell gefährdet eingestuft worden. Deshalb sei die Störung des Brutgeschäfts dieser Vögel verboten und strafbar.

Kirchenpflege berät an der nächsten Sitzung

August Schubiger ist überzeugt, dass die 5G-Handyantenne die Mauersegler nicht beeinträchtigt. Als Mitglied der Kirchenpflege Lengnau-Freienwil wehrt er sich gegen den möglicherweise entstandenen Eindruck, der Pfarrei St. Martin seien die Mauersegler egal. Er ist zuständig für die Finanzen und kennt deshalb den Vertrag, den die Kirchenpflege mit Mobilfunkanbieter Salt vereinbart hat. «Darin haben wir klar festgelegt, dass während der Brutzeit vom 25. April bis zum 31. Juli niemand den Kirchturm betreten darf.»

Diese Daten sei vom Präsidenten des Natur- und Vogelschutzvereins Lengnau bei einer gemeinsamen Begehung des Turmes genannt worden. Zudem würde eine allfällige Antenne unterhalb der Brutstäten installiert. Vögel und Antennen würden sich nicht auf derselben Ebene befinden. Als ehemaliger ETH-Professor für radiopharmazeutische Chemie beschäftigte er sich beruflich mit dem Thema Strahlung. «Die Frequenz und Intensität der Strahlung der 5G-Antenne ist innerhalb der gesetzlichen Grenzwerte nicht schädlich. Darüber hinaus stammen 90 Prozent der aufgenommenen Mobilfunkstrahlung vom eigenen Mobilgerät, dem Handy, und nicht von der Sendeanlage.» Die Strahlenwirkung sei am grössten, wenn man das Handy den ganzen Tag an den Kopf halte.

Mauersegler nisten im Turm der katholischen Kirche in Lengnau.

Mauersegler nisten im Turm der katholischen Kirche in Lengnau.

Livio Rey von der Vogelwarte Sempach räumt ein, dass Strahlungen gewisse Auswirkungen haben können. Man unterscheide zwischen thermischen Effekten, wie sie in Mikrowellen vorkommen, und nichtthermischen Effekten. «Über diese ist wenig bekannt», so Rey.

Ob die Kirchenpflege daran festhält, den Turm an Salt zu vermieten, kann August Schubiger nicht beantworten. «Das Thema ist für unsere nächste Sitzung traktandiert.» Fakt ist: Nach der Eingabe des Baugesuchs für eine Antenne auf Gemeindeebene kontrolliert die kantonale Abteilung für Umwelt, ob die Strahlenbelastung die vorgegebenen Grenzwerte einhält – dabei werden nur die Auswirkungen der Antenne auf die Menschen geprüft, nicht aber auf Tiere wie die Mauersegler. «Wo welche Tiere leben wird in einem Baugesuch nicht ausgewiesen», sagt Sektionsleiter Heiko Loretan.

Wegen der Einsprache von Bird Life und des Lengnauer Natur- und Vogelschutzvereins muss sich der Kanton jetzt nochmals mit der Antenne im Lengnauer Kirchturm und deren möglichen Auswirkungen auf die Mauersegler befassen. Ob die geschützten Vögel die Antenne verhindern könnten, kann Loretan noch nicht beantworten. «Dazu muss ich zuerst die Einwendung studieren.»

Einen vergleichbaren Fall gab es in Kreuzlingen TG. Die Beschwerdeführer zogen bis vor Bundesgericht. Sie argumentierten unter anderem mit der Schutzbedürftigkeit zweier Kolonien Mauersegler, welche in einem Mehrfamilienhaus brüteten. Die Bundesrichter hielten in ihrem Urteil dagegen, dass ohne erhärteten wissenschaftlichen Nachweis für den Artenschutz von Wildtieren kein höherer Schutzstandard festzulegen sei als für Menschen.

Ortsbildschutz kein Argument

Abschliessende Baubewilligungsbehörde für Mobilfunkantennen sind die Gemeinden. Eine Infobroschüre des Kantons hält fest: «Ohne bereits vorhandene verschärfende kantonale Vorschriften besteht keine rechtliche Grundlage für den Erlass von 5G-Moratorien, soweit geltendes Recht eingehalten wird.»

Sprich: Halten sich die Mobilfunkanbieter an das Gesetz, kann eine Gemeinde ein Baugesuch für eine Antenne gar nicht ablehnen. Und im Fall von Lengnau kann auch nicht mit Ortsbildschutz argumentiert werden, da sich die geplante Antenne versteckt im Kirchturm befinden würde.

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