Würenlingen

Arthur Schneider erlebte den Flugzeugabsturz als Kind mit: «Wir erlebten zweimal Weihnachten»

Arthur Schneider an der Absturzstelle. Die Gemeinde Würenlingen errichtete hier 1965 ein Denkmal.

Arthur Schneider an der Absturzstelle. Die Gemeinde Würenlingen errichtete hier 1965 ein Denkmal.

Vor 75 Jahren entging Würenlingen knapp einer Katastrophe. Im Ruckfeld stürzte am 25. Dezember ein US-Bomber ab. Ein Zeitzeuge erinnert sich.

Seine eigenen Erinnerungen sind vage, aber die, die ihm geblieben sind, unauslöschbar. Arthur Schneider sitzt am Esszimmertisch in seiner Wohnung in Würenlingen. Vor ihm das Buch «Kriegsjahre». Zwölf Jahre hat er dafür recherchiert, Akten zusammengetragen, Interviews mit Zeitzeugen geführt. Auf 500 Seiten hat er Material aus den bewegten Jahren zwischen 1939 und 1945 akribisch zusammengetragen. Entstanden ist ein Geschichtswerk, eine Erinnerung, ein Mahnmal, ein Gedenken an die Opfer jener Zeit. Und er hält ein Ereignis fest, das ihn und die Gemeinde bis heute prägt.

Wenn der Name Würenlingen im Zusammenhang mit einem Flugzeugabsturz fällt, kommt einem unweigerlich die Katastrophe von 1970 in den Sinn, als eine Coronado der Swissair Ziel eines Anschlags palästinensischer Terroristen wurde, bei dem 47 Menschen ihr Leben verloren.

Bilder des Swissair-Absturzes in Würenlingen von 1970:

Gut ein Vierteljahrhundert zuvor war die Gemeinde bereits einmal Schauplatz einer Tragödie. Arthur Schneider war damals dreieinhalb Jahre alt. Er sass am Weihnachtstag 1944 mit seiner Familie zu Hause an der Rebbergstrasse. «Meine Mutter lag im Wochenbett mit meiner neugeborenen Schwester Jrma, die am 18. Dezember auf die Welt kam», erzählt Schneider.

Mit der Ruhe und der Besinnlichkeit war es aber bald vorbei. Ein ohrenbetäubender Lärm schreckte die Menschen in Würenlingen auf. «Es herrschte Todesangst», sagt Schneider. «Ein amerikanischer Bomber namens Liberator (zu deutsch: der Befreier) flog in Tieflage auf unser Dorf zu.» Die Angst habe sich ins Unermessliche gesteigert. «Wo ist noch Schutz und Sicherheit? Im Freien, im Keller, oder wo? Ist es ein Irrbomber oder ein Angriff?», fasst Schneider das Entsetzen der Menschen zusammen.

Der Pilot lenkte die Maschine mit letzter Kraft über die Dächer und Häuser, in denen vor wenigen Stunden Weihnachten «das Fest der Freude gefeiert wurde», so Schneider. Es ertönte ein Knall, dann herrschte für kurze Zeit Totenstille. Die Maschine zerschellte auf dem Ruckfeld zwischen Würenlingen und Endingen. Am Himmel Fallschirme, die über dem Würenlinger Unterwald und über der Aare schwebten. Von der siebenköpfigen Besetzung überlebten drei den Absturz nicht.

«Der liebe Gott wird uns beschützen»

«Würenlingen und die Region erlebten an diesem Tag zweimal Weihnachten», sagt der heute 78-Jährige. «Unser Dorf blieb von einer Katastrophe verschont.» Seine tiefgläubige Mama mit dem Baby im Bett rief: «Geht! Ich bleibe hier, ich bete, der liebe Gott wird uns beschützen», erzählt Schneider. Der kleine Arthur stand am Garagentor, schaute dem Menschenstrom zu, der sich zur Absturzstelle bewegte, und weinte, weil er zu Hause bleiben musste.

Die Geschehnisse jenes Tages begleiteten Artur Schneider noch Jahre später. «Als Schüler musste ich mein Sackgeld verdienen. Der Mäusefang bot eine gute Gelegenheit. So war ich mit meinen Mausefallen und dem Mausemesser auf den Wiesen und Äckern der einstigen Bomber-Absturzstelle unterwegs.» Sie gehörten zu Schneiders «Mausefang-Revier». Beim Graben in die Tiefe stiess er immer wieder auf Wrackteile des abgestürzten Bombers. «Auch das Pflügen der Kulturen brachten die Zeugen der Vergangenheit ans Tageslicht», sagt Arthur Schneider – bevor er das Buch schliesst.

Autor

Daniel Weissenbrunner

Daniel Weissenbrunner

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