Montagsporträt

Der Fussball-Philosoph: Dieser Aargauer passt nicht ins gängige Bild eines Kickers

Alessandro Renna spielt beim FC Klingnau und studiert an der Universität Zürich Philosophie und Geschichte. Er passt nicht ins gängige Bild eines Kickers.

Die Spannungsfelder, in denen sich Alessandro Renna bewegt, könnten unterschiedlicher nicht sein. Der 28-jährige gehört als Mittelfeldspieler zu den tragenden Kräften beim Zurzibieter Fussballclub FC Klingnau, studiert an der Universität Zürich Philosophie und Geschichte und unterrichtet zu je 20 Prozent als Lehrer an der Primarschule in Rüfenach sowie an einem Sprachinstitut für Erwachsenenbildung in Baden. Dort unterstützt er

Migranten aus Krisengebieten dabei, Deutsch zu lernen. Rennas eigene Muttersprache ist Italienisch, seine Eltern sind vor Jahrzehnten in die Schweiz gekommen, genauer nach Turgi.

Dort ist er aufgewachsen und noch immer wohnhaft. Und dort startete er auch seine Fussballerkarriere. Sein Traum, auf Profiniveau Fussball zu spielen, hat sich aber nicht erfüllt: «Ich war wohl mental zu schwach oder zu sensibel», ist seine Begründung. Ausserdem sei er immer viel zu selbstkritisch gewesen und habe schon früh auch andere Wege für sich ausgelotet.

Auch deshalb wählte er am Sportgymnasium in Aarau, einer Spezialabteilung für Hochleistungssportler an der Alten Kantonsschule, die Schwerpunktfächer Philosophie, Pädagogik und Psychologie. Und war dort weit und breit – wen wunderts – der einzige Fussballer. In diesen fünf Schuljahren entdeckte er seine zweite grosse

Leidenschaft, die Philosophie: «Der für das Fach verantwortliche Lehrer, Roland Latscha, weckte meine Begeisterung dafür», schwärmt er.

Gedankliche Grenzen gesprengt

Er habe sich schon immer für Psychologie und menschliche Verhaltensweisen interessiert, doch erst als er in der Schule mit Philosophie in Berührung kam, genauer mit Immanuel Kants Essay «Was ist Aufklärung?», eröffnete sich ihm eine bis dato völlig unbekannte Welt: «Ich hatte keine Ahnung, welche Möglichkeiten kritisches Denken im Vergleich zum alltäglichen Denken hat. Philosophie hat mich geöffnet und meine gedanklichen Grenzen gesprengt», sagt er.

Immanuel Kant und Roland Latscha haben sozusagen Rennas Leben in eine neue Richtung gelenkt. Kant ist deshalb auch zentrales Thema seiner Masterarbeit und Latscha hat ihn dazu inspiriert, sein Wissen weiterzugeben – als Lehrer: «Ich will meine zukünftigen Schüler genauso inspirieren wie er», sagt Renna. Nach Beendigung seines Masterstudiums im Sommer 2020 wird er gleich anschliessend die angefangene Ausbildung zum Kantonsschullehrer abschliessen.

Alessandro Renna auf dem Sportplatz des FC Klingnau dem Fussballplatz Grie.

Alessandro Renna auf dem Sportplatz des FC Klingnau dem Fussballplatz Grie.

   

Seine Vision: «Ich werde kein Philosoph und Historiker im Elfenbeinturm sein. Ich will Menschen aufklären, ihnen etwas näherbringen und ebenfalls ihre Leidenschaft für philosophische und historische Themen wecken.» Das versucht er auch in seinem nächsten Umfeld zu erreichen, er, der als Erster in der Familie an einer Universität studiert.

Das Diskutieren verschiedener Zugänge zu einer Frage interessiert ihn: «Sei es innerhalb der Familie, in Beziehungen, mit Freunden und Kollegen, oder in meinem Fall als Mitglied eines Fussballteams mit den Mannschaftskollegen – wie spricht man am besten miteinander, damit die eigene Botschaft verständlich überbracht wird?» Er wolle seine Ideale in der Kommunikation umsetzen. Viele in seinem Umfeld hätten seine Art der Diskussion bereits übernommen. Sie hätten angefangen, mehr zu hinterfragen, und «so miteinander zu kommunizieren, wie ich das mag».

Seine Kollegen beim FC Klingnau nennen ihn nicht nur wegen seiner geplanten Schulkarriere den «Lehrer», er ist für sie der, der vieles weiss und gerne Fragen stellt: «Ich bin auch in der Mannschaft der Denker, der Taktikfreak.» Er wird als Führungsspieler bezeichnet, als Herz der

Mannschaft: «Aber das sagen andere, das sage nicht ich von mir selbst», ergänzt er. Renna ist Ende 2017 zum FC Klingnau gestossen. Bis 2013 spielte er beim FC Baden, ehe er über den FC Seefeld zum FC Tuggen im Kanton Schwyz kam. Für Klingnau entschied er sich, weil es in den unteren Ligen weniger Trainingseinheiten gibt als in der 1. Liga: «Und ich wollte mich mehr auf das Studium konzentrieren können.» Nachdem er zur Mannschaft gestossen war, stieg der Club in die zweite Liga Interregio auf, was vorher noch keiner Fussballmannschaft aus dem Zurzibiet gelungen war. Mit Renna wurde die Mannschaft 2018 auch Aargauer Cupsieger.

Umgang mit unterschiedlichsten Menschen gelernt

Im Kontakt mit seinen Mitmenschen, mit den Fussballkollegen, mit Primar- und Kantischülern, seinen Mitstudenten in Philosophie und Geschichte und den Flüchtlingen, fühlt er sich oft wie ein Wanderer zwischen den Welten: «Mit so vielen verschiedenen Menschen zu tun zu haben, ist immer wieder eine Herausforderung», sagt Renna. «Dadurch habe ich aber sehr gut gelernt, mit wem ich wie reden muss. Und ich konnte die Erfahrung machen, wie die unterschiedlichsten Menschen mit ihren Betrachtungsweisen Diskussionen bereichern können.» Den Umgang mit den verschiedensten Anspruchsgruppen zu lernen, kann für ihn als künftigen Lehrer nur nützlich sein – und als Fussballtrainer auch. Das soll nach seiner Aktivkarriere sein nächster Schritt sein.

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