Würenlingen/Reichenburg

Der Terror des Semun A.: Spurensuche am Wohnort des Mörders

Der Todesschütze von Würenlingen war für seine Nachbarn in Reichenburg SZ nur schwer zu ertragen. Wozu er fähig war, schockiert sie zutiefst.

Die Rollläden der Wohnung im zweiten Stock sind unten. Vor dem Mehrfamilienhaus im Zentrum der Schwyzer Gemeinde Reichenburg herrscht reges Treiben: Medienleute schwenken ihre Kameras hin und her. Ein Polizist in Zivil verlässt das Haus, setzt sich in einen grauen Mercedes Kastenwagen mit getönten Scheiben und Aargauer Nummernschild und fährt ihn vor den Hauseingang.

Im zweiten Stock haben bis Anfang April die Supermarkt-Kassiererin E. B., ihre drei Kinder und deren arbeitsloser Vater, der 36-jährige Semun A. gewohnt. A., der türkischstämmige Schweizer, der sich am vergangenen Samstagabend ins Auto setzte und ins aargauische Würenlingen nahe der deutschen Grenze fuhr, um vier Menschenleben ein abruptes Ende zu bereiten. Danach erschoss er sich. Nun suchen Polizeibeamte in der Wohnung nach Spuren.

Verängstigte Nachbarn

Sie sind fündig geworden. Um die Mittagszeit geht es plötzlich schnell: Fahnder tragen Gegenstände in den grauen Kastenwagen. Dann steigen sie selber ein. Die Aargauer Polizisten rauschen davon. Zurück bleiben die Medienleute und eine Nachbarin, die dem Treiben von ihrem Garten her zugesehen hat.

Mit den abziehenden Polizisten hat der Spuk ein Ende, der die Bewohner des Wohnblocks seit dem Jahr 2012 geplagt hat. Damals zog A. mit seiner Familie von Altendorf SZ nach Reichenburg.

Im Blockinnern ist die Eingangstür zur Wohnung der Familie von Semun A. versiegelt. Gegenüber öffnet Zeri Dinic die Tür. Er hatte Angst vor seinem Nachbarn. «Nicht um mich, sondern vor allem um meine schwangere Frau», sagt er. Immer wieder geriet der 22-jährige Serbe an seinen Nachbarn, der ihn grundlos provozierte und beschimpfte: Einmal kam es zwischen den beiden sogar zu einem Glaubensstreit. Semun A. war Christ und vermutete in seinem Nachbarn vom Balkan einen Muslim. «Dabei trug ich stets eine Goldkette mit Kreuz», so Dinic, der Mitglied der serbisch-orthodoxen Kirche ist. Mit üblen Worten sei er beschimpft worden: «Arschloch, du huere Balkaner und so fort.»

Der Mörder von Würenlingen

Der Mörder von Würenlingen

Unfreundlich und aggressiv

Dinic fühlte sich auch gestört: Vor allem ob der Kamera, die sein Nachbar vor seiner Wohnungstür installiert hatte. «Er scherte sich nicht um meine Privatsphäre. Es geht doch nicht, dass einer einen die ganze Zeit im Treppenhaus filmt», so Dinic.

In der Tiefgarage habe ihn die Frau von Semun A. einmal gebeten, sich nicht mehr mit ihrem Mann zu streiten. «Ich bin mir sicher», so Dinic, «die Frau hatte Angst vor ihrem gestörten Mann. Sie sagte mir: ‹Er ist auf Medis.›»

Tief eingeprägt bei den Nachbarn hat sich die unwirsche Art von Semun A. Zum Beispiel bei Steffens, die bis vor kurzem als Hauswarte zum Rechten sahen. «Er grüsste nie», erinnert sich Georges Steffen. «Nachdem meine Frau in der Tiefgarage ihn einmal mehr grüsste und vergeblich auf eine Erwiderung wartete, beschwerte sie sich bei einem anderen Nachbarn, der gerade zugegen war. Man könne auch von Ausländern erwarten, in der hiesigen Sprache gegrüsst zu werden.» Semun A. lauschte den Worten. Draufhin soll er «wie eine Furie» auf Steffens Frau losgegangen sein. «Er hat sie aufs Übelste beschimpft», so der Hauswart.

Einem Handwerker gegenüber wurde Semun A. einmal sogar tätlich. Vor dem Wohnblock lädt ein Maler seinen Lieferwagen. Er streicht Wände in einer der Wohnungen und erinnert sich an letzten Herbst: «Als ich mit einem Kollegen die Fassade strich, riss A. unvermittelt das Fenster auf, vor dem wir gerade auf dem Gerüst standen. Er war ausser sich und beschimpfte uns. Und dann spuckte er meinem Kollegen mitten ins Gesicht.»

Als der Maler, der seinen Namen nicht nennen will, am Sonntag las, dass es sich beim Amoktäter von Würenlingen um einen 36-jährigen Reichenburger handelt, dämmerte es ihm. «Semun A. kam mir als erstes in den Sinn», sagt er.

A. war einschlägig bekannt

Die Maler, Zeri Dinic, der um seine schwangere Frau fürchtete und sich von seinem Nachbarn beobachtet und provoziert fühlte und der Hauswart, der seinen Augen nicht traute, als er Semun A. letzten Mittwoch plötzlich wieder in der vorher verlassenen Wohnung sah: Sie alle sind sich einig: Ihr arbeitsloser Nachbar tickte nicht ganz richtig, hatte psychische Probleme und war eine Belastung.

Dass er sich aber gleich eine Waffe besorgen und vier Menschen erschiessen könnte – das überstieg ihre Vorstellungskraft.

Gleich erging es dem Gemeindepräsidenten Arnold Kistler-Bellanger. Er ist geschockt. In einem Sitzungszimmer der Gemeindeverwaltung des 2900-Seelen-Dorfs sagt er: «A. war uns zwar bekannt, trat aber nie so aggressiv auf, dass wir die Polizei alarmieren mussten. Er fiel uns nicht negativer auf als andere.»

Kistler erinnert sich, wie er am 2. April Meldung über den Polizeieinsatz in A.s Wohnung erhielt. Damals suchten bewaffnete Polizisten nach Waffen, ohne fündig geworden zu sein. «Gleichzeitig mit dem Einsatz holten Beamte auf Geheiss der Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde Kesb die beiden schulpflichtigen Kinder aus der Schule ab.» Sie wurden zusammen mit ihrem jüngeren Geschwister fremdplatziert. A. wurde in eine Psychiatrie eingewiesen.

Wie es dazu kommen konnte, dass A. letzten Mittwoch wieder in seine Wohnung zurückkehrte, weiss Kistler nicht. Gegen A. lag keine Fahndungsmeldung vor. Ebenso wenig weiss Kistler, wie es nun weitergeht. «Die Kesb gab uns keine weiteren Infos, nur dass die Gemeinde für die Fremdplatzierung der Kinder aufkommen muss.»

Die zuständige Kesb Ausserschwyz mit Sitz in Pfäffikon kündigte für Dienstag weitere Informationen an. 

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