Zurzach

Die Zeichen für eine Gemeindefusion stehen gut – auch ohne hitzige Debatten

Fusion ja oder nein, und, wenn ja, wie viele? Über 4000 Stimmberechtigte in den Rheintal-Gemeinden sind aufgerufen, ihre Meinung abzugeben.

Fusion ja oder nein, und, wenn ja, wie viele? Über 4000 Stimmberechtigte in den Rheintal-Gemeinden sind aufgerufen, ihre Meinung abzugeben.

Neun Zurzibieter Gemeinden folgen dem Schweizer Trend und entscheiden am Sonntag über eine gemeinsame Zukunft: die Stimmung ist erstaunlich gelassen.

Wer in diesen Tagen durch die Gemeinden des Zurzibieter Rheintals fährt, käme nicht auf die Idee, dass sich hier in Kürze Historisches ereignen könnte. Alles nimmt seinen gewohnten und geordneten Lauf. «Es ist tatsächlich seltsam ruhig», wundert sich ein Spaziergänger zwischen Bad Zurzach und Rekingen. Von den Plakaten lachen Feri, Burkart, Wermuth und werben für die National- und Ständeratswahlen am 20. Oktober. Pro oder ContraParolen für den 8. September, den Tag der Entscheidung, an dem die Frage nach der Grossfusion im Bezirk zu klären ist, sucht man hingegen vergebens.

Im Unterschied zu vielen anderen Zusammenschlussprojekten blieben hitzige Debatten und gehässige Auseinandersetzungen im seit über zwei Jahren dauernden Prozess die Ausnahme. «Offensichtlich wurde hier eine sehr gute Vorarbeit geleistet», sagt Urs Bieri vom Forschungsinstitut GfS Bern. Der Projektleitung sei es gelungen, weite Teile der Bevölkerung von den Vorteilen einer Fusion zu überzeugen.

«Wenn Gemeindezusammenschlüsse heute Erfolg haben, dann nicht zuletzt deshalb, weil die verantwortlichen Behörden dazugelernt haben», sagt Politikwissenschafter Wolf Linder in einem Beitrag in der «NZZ». «Sie nehmen Fachleute in Anspruch, welche die Auswirkungen des Zusammenschlusses so gut wie möglich abschätzen.» Die Behörden wüssten, dass es Geduld braucht und einiges an Geschick, den richtigen Moment abzuwarten.

Von 2212 Gemeinden sind 170 in einem Fusionsprozess

Trotzdem gelingt das Vorhaben nicht immer. Die Liste der verunglückten Zusammenschlüsse ist lang. In den letzten 20 Jahren scheiterten in der Schweiz mehr als 90 von über 300 Fusionen. Zwei davon auch im Zurzibiet: Siglistorf lehnte 2006 eine Heirat mit Schneisingen ab. Der letzte Versuch im Bezirk zwischen Klingnau und Döttingen scheiterte 2012 am Nein der Döttinger. Demgegenüber steht der Zusammenschluss 2014 von Endingen mit Unterendingen.

Fusionsprojekte gehören längst zum Schweizer Gemeindealltag. 1995 zählte die Schweiz erstmals weniger als 3000 Gemeinden. Seither beschleunigte sich der Prozess rasant. In den letzten zehn Jahren sind fast 500 Gemeinden verschwunden. «Die Zurzibieter Fusion entspräche dieser anhaltenden Entwicklung», sagt Urs Bieri.

Über 60 Fusionsprojekte (davon vier im Kanton Aargau) vermeldet die offizielle Liste des Bundes für das Jahr 2019. Von den noch 2212 Gemeinden befinden sich momentan über 170 mehr oder weniger intensiv in Zusammenschlussgesprächen. Davon sind bereits ein Dutzend beschlossen. Die Mehrheit kommt aus den Kantonen Bern, Freiburg und Waadt.

Zu den Gemeinden mit dem Status «beantragt» gehört noch das Zurzibieter Projekt. Am Sonntag sind die über 4300 Stimmberechtigten in Bad Zurzach, Baldingen, Böbikon, Kaiserstuhl, Mellikon, Rekingen, Rietheim, Rümikon und Wislikofen an der Urne aufgerufen, über eine gemeine Zukunft zu befinden. Damit der Zusammenschluss zustande kommt, müssen der Bezirkshauptort Bad Zurzach sowie mindestens vier weitere Gemeinden ein Ja in die Urne legen.

Sollten sämtliche Kandidaten zustimmen, würde die flächenmässig grösste Gemeinde im Aargau entstehen. Mit knapp 29 Quadratkilometern würde Mettauertal (21,59) deutlich übertroffen. Und mit über 8000 Einwohnern stünde Zurzach im Kanton an 19. Stelle.

Wer hat am Köhlerfest Grund zum Feiern?

Gerade an der Grösse und am möglichen Wegfall der eigenen Identität stören sich die Gegner. Die Befürworter sehen die Vorteile einer gemeinsamen Zukunft in einem grösseren Handlungsspielraum. Nimmt man das Ergebnis der ausserordentlichen Gemeindeversammlungen zum Fusionsvertrag Ende Mai als Massstab, stehen die Zeichen auf Fusion. Damals sprachen sich bis auf Fisibach, das sich als einzige Gemeinde aus dem Projekt verabschiedete, alle deutlich für eine mögliche gemeinsame Zukunft aus.

Urs Bieri warnt die Befürworter indes vor zu viel Euphorie. «Die Beteiligung lag zwischen 25 und 50 Prozent. Eine stille Mehrheit war an den Veranstaltungen aber nicht anwesend.» In diesem Potenzial sieht er für die Gegner die Chance, die Fusion zu verhindern. «Die Frage ist, ob es ihnen gelungen ist, diese Gruppe mit ihren Argumenten zu mobilisieren.»

Die Projektleitung wird das Ergebnis am Sonntag in Wislikofen in einem feierlichen Rahmen bekannt geben. Am Köhlerfest erfährt die Bevölkerung, ob am 1. Januar 2022 die neue Gemeinde rechtsmässig in Kraft treten wird – oder alles beim Alten bleibt.

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