Kein Wunder, gibt es ihn in zweifacher Ausführung, warum würde die Natur auf so eine erfolgversprechende Doppelbesetzung verzichten wollen? Sascha Hümbeli (50) und seinen Zwillingsbruder kennt die Schreibende seit Kindsbeinen und sitzt nun dem Erstgenannten aus Lengnau mit dem durchdringenden und neugierig-freundlichen Blick wieder gegenüber, um über das zwischenzeitlich Erlebte und Kommende zu sinnieren: Wohin hat es ihn verschlagen, was hat er vor und vor allem: Was hat das Leben noch mit ihm vor?

Das Hinterfragen und die Neugier hat Sascha Hümbeli von seiner Mutter quasi in der DNA mitbekommen – sein Vater stammt aus einer Arbeiterfamilie, die anpackt. Diese genetische Disposition hat ihn zunächst auf den klassischen Bildungs- und Berufsweg gebracht. Nach dem Studium der Naturwissenschaften an der Uni Zürich und dem Diplom fürs höhere Lehramt nimmt er eine Stelle an der Kanti Olten als Physikdozent an. Und obwohl ihn die Arbeit mit jungen Menschen erfüllt, bereitet ihm die wachsende Unzufriedenheit seiner Kollegen zusehends Mühe.

Vom Lehrer zum CEO zum Tänzer

Es dauert nicht lange, und sein Zwillingsbruder fühlt sein anschwellendes Missbehagen, er schlägt ihm einen beruflichen Richtungswechsel vor. Sascha Hümbeli wirft schalkhaft ein, dass er sich nie im Traum eine Karriere in der Versicherungsbranche hätte vorstellen können, wenn er dem brüderlichen Tipp nicht nachgegangen wäre. Und das habe er auch nur deshalb getan, weil er seinen Bruder nicht enttäuschen wollte mit seiner Voreingenommenheit. Nun gut, offensichtlich kannte der Bruder seine Vorzüge ja bestens, denn letztendlich dauert sein Engagement bei der Zurich Versicherungen immerhin eine ganze Dekade.

Während Sascha Hümbeli innerhalb der Gesellschaft zum CEO der Orion aufsteigt und die Branche in unorthodoxer Manier gehörig aufmischt, ist es wieder der Bruder, der ihn mit einem neuen Bazillus infiziert. Die musische Begabung wurde ihm schon früh in die Wiege gelegt, nun steht aber die Bewegung im Vordergrund. Tanzen ist das Destillat von sportlicher und musikalischer Begabung. Und wie alles Bisherige in seinem Leben, packt Hümbeli auch diese Herausforderung bei den Hörnern und lässt nicht locker, bis er es mit seiner Partnerin zum Vize-Schweizer-Meister im Latino Dance schafft.

Mit seiner Befähigung zum Führen im doppelten Sinn, lebt er sich nun in Job und Freizeit voll aus. Ob sein Tag auch 24 Stunden hat, sei hier mal infrage gestellt. In seiner Funktion als CEO und Geschäftsleitungsmitglied steht er zeitweise 300 Mitarbeitenden vor, sein Credo ist, den Menschen auf Augenhöhe zu begegnen. «Mit dieser positiven Grundhaltung fahre ich noch heute. Das Prinzip hat sich halt gut bewährt», kommentiert Sascha Hümbeli bescheiden. Er umgebe sich mit Menschen, die so ticken wie er. Und was sind denn die verheissenden Ingredienzen für den Erfolg? Die Antwort lässt nicht lange auf sich warten: Offenheit, Verantwortung übertragen, Regulatorien überdenken, Fehlerkultur einführen.

Während seiner CEO-Zeit kann er das Wachstum des Produkteportfolios im zweistelligen Prozentbereich steigern. Der Geschäftsleitung der Muttergesellschaft entgeht der rasante Aufstieg Hümbelis nicht und so wird er schon bald in ihre Mitte berufen. In dieser neuen Konstellation befasst er sich nun vorwiegend mit Zahlenreporting und Restrukturierungsfragen. Zunehmend beginnt er die Dynamik und Kreativität zu vermissen, die ihn in der vorigen Funktion umgaben und so erfüllend für ihn waren. Er fasst eine Auszeit ins Auge.

Sascha Hümbeli, Gründer der Modemarke Torland, stellt sein neuestes Jeansmodell vor.

Sommer 2018: Sascha Hümbeli, Gründer der Modemarke Torland, stellt sein neuestes Jeansmodell vor.

Die Auseinandersetzung mit sich selbst führt ihn in entlegene Länder und Gedankenwelten. Er beginnt sich mit dem Thema der Tiefe zu befassen und kommt zur Erkenntnis, dass diese nichts mit der Aussenwelt zu tun hat, sondern in einem selber nistet. Die Einkehr zu sich und die Meditation helfen ihm, zu verstehen, wie er sein Leben weiter in die Hand nehmen soll. «Loslassen ist seither mein Weg, um schöpferisch tätig zu sein», begründet Sascha Hümbeli seinen damaligen und heute noch gültigen Sinneswandel.

Zurück in der Schweiz, quittiert er als Erstes sein sicheres Dasein und begibt sich in die Selbstständigkeit. Nach einem Abstecher in die IT-Branche, wo er die Plattform «youbeee» für Erholungsreisen mit seiner Partnerin aus Wien gründet, bleibt er auch in der Schweiz nicht untätig und stellt die Musikschule und Produktionsfirma «Rockstar Music» mit befreundeten Musikern seiner ehemaligen Band «Chemistry Class» in Ehrendingen auf die Beine. Inzwischen ist er zum regelmässigen Pendler zwischen Wien und Lengnau geworden.

Eine nachhaltige Jeans

Doch wer denkt, dass Sascha Hümbelis Durst nach Herausforderung hiermit gestillt ist, irrt, wie sein neustes Projekt «Torland» eindrücklich bezeugt. Am Anfang dieser Denim-Ära steht die Idee, ein herkömmliches Massenprodukt zu verbessern – es nicht nur designtechnisch aufzupeppen, sondern auch hinsichtlich unserer gesellschaftlichen und ökologischen Herausforderungen auf ein neues Level zu bringen. So ist eine nachhaltige Jeans aus Ökobaumwolle mit Strahlenschutztasche für Handys entstanden. Was Hümbeli wohl als Nächstes vorhat?