Sonntag, kurz nach 14 Uhr: Zu Tausenden säumen Wein-Freundinnen und Festbrüder die Döttinger Strassen. Hier posieren zwei mit dem Weinglas in der Hand, dort schlängelt sich ein Glücklicher durch die Menge, der eine ganze Flasche ergattert hat. Überall Musik, Gelächter und gute Stimmung. Neben dem Wein wird auch dem Bier munter zugesprochen. Erwartungsvoll recken die Leute am Strassenrand ihre Hälse, als endlich das erste Sujet in Sicht kommt: der Kavallerieverein Zurzach. Hoch zu Ross hat er die Ehre, den 67. Winzerumzug zu eröffnen.

Die insgesamt 49 teilnehmenden Gruppen überbieten sich gegenseitig an Kreativität: Die Umzugswagen tragen übergrosse Weinflaschen, extravagante Blumenbouquets oder riesige Fässer. Oft steht auf dem Wagen auch eine Wein-Dame, die lächelnd in die Zuschauermenge winkt. Die «Wyykinger» beeindrucken mit ihrem Schiff, aus dessen Bauch sie ständig volle Weinflaschen hervorziehen. Nostalgische Gefühle wecken die Velo-Veteranen Schweiz, die auf historischen Zwei- und Dreirädern unterwegs sind – einer gar auf einer Draisine. In der Mitte des Zuges fährt die Kutsche mit der Wein-Königin, die mit drei Genossinnen an einem Weisswein nippt. Viele Lacher holen sich die vom italienischen Elternverein Döttingen eingeladenen Fanfara Bersaglieri «Scattini» aus Bergamo: Im Laufschritt schmettern die 40 Trompeter einen lüpfigen Marsch, während ihre langen, schwarzen Perücken hinter ihnen herwehen. Der Jö-Effekt gehört dem Klub Berner Sennenhunde: Sie haben sieben Prachts-Hunde dabei – natürlich mit einem Fässli um den Hals. Ein Schelm, wer sich fragt, ob diese ausnahmsweise mit Wein gefüllt sind?

«Leben praktisch am Fest»

Auch Rita und Ernst Spuhler geniessen den Umzug. An der silbernen Plakette um den Hals sind sie als Winzerfest-Gönner zu erkennen. Seit sie vor 12 Jahren nach Döttingen gezogen sind, feiern sie immer mit. «In diesen drei Tagen leben wir praktisch am Winzerfest», bekennt Rita Spuhler. «Wir wohnen ganz in der Nähe – zwischendurch gehen wir kurz nach Hause, um uns zu erholen, und kommen gleich zurück.» Das Fest tue dem Dorf gut, sagen die beiden im Brustton der Überzeugung. «Es macht Döttingen weitherum bekannt», so Ernst Spuhler. Bei der Fahrt in die Weinberge mit dem Rebbergbähnli habe er Leute ausrufen gehört: «So ein schönes Gebiet!» Auch Ernst Spuhler findet: «Es ist irrsinnig schön hier, auch dank der Rebberge.»

In Döttingen wird vor allem Blauburgunder, Riesling Sylvaner und Pinot gris angebaut. Die 25 Weinbauern produzieren insgesamt über 120'000 Liter Wein pro Jahr, 108'000 davon sind Blauburgunder. Kein Zufall also, dass das grösste Winzerfest der Deutschschweiz in Döttingen im Zurzibiet stattfindet. Dieses Jahr zieht es rund 55'000 Zuschauer an. Die hohe Besucherzahl ist im Gedränge am Strassenrand spürbar, die Plätze in der vordersten Reihe sind schnell besetzt.

Winzerfest Döttingen 2018

Winzerfest in Döttingen 2018

Alte Traditionen und sanfte Veränderungen.

Die beste Aussicht auf das Spektakel haben aber jene, die in der Tower-Bar sitzen. Der hölzerne Turm gegenüber der grossen Showbühne beim Altersheim ragt rund sieben Meter in die Höhe. Sahwanna (16), Lucas (17) und Silvan (16) haben es nicht hinaufgeschafft; sie sitzen davor im Gras. «Das Winzerfest ist ein Muss», findet Sahwanna. Die drei sind wegen der Stimmung und der guten Musik hier, «vor allem abends in der JuBla-Bar». Dort würden sie halt jeden Zweiten kennen, meint Lucas. Das Wein-Trinken haben die drei noch nicht für sich entdeckt; am ehesten noch Silvan, der ab und zu degustieren geht. Lachend sagt er: «Am liebsten habe ich Rosé, der ist am wenigsten gruusig.»

200 Flaschen verkauft

Dass Wein «gruusig» sei, ist ein Fehlurteil, das Jürg Buchmann auf keinen Fall teilen kann. Der Senior-Chef eines Wittnauer Weinguts hat seit 20 Jahren einen Stand am Döttinger Winzerfest. Doch auch er sagt, dass jüngere Leute andere Weine bevorzugen würden als die ältere Kundschaft. «Bei dem heissen Wetter sind die hellen, kühlen Weine wie der Sauvignon blanc gut gelaufen, abends haben wir mehr Roten verkauft», bilanziert Buchmann.

Etwa 200 Flaschen habe er insgesamt verkauft. «Dieses Jahr hatte es wieder wahnsinnig viele Leute», stellt Buchmann fest. «Es lohnt sich immer, ans Winzerfest zu kommen.» Auch wenn er nicht geschäftlich hier wäre, wäre Buchmann privat am Winzerfest in Döttingen anzutreffen: «Es ist einfach ein schönes Fest.»