Koblenz

Wie Giroflex-Patron Albert Stoll den drehbaren Bürostuhl erfand

Der Giroflex-Bürostuhl ist eine Wohltat für den geistigen Arbeiter: die kleine Kulturgeschichte eines Möbelstücks, das Albert Stoll 1926 erfand und auf dem wir viel Zeit verbringen.

Tag für Tag sitzen wir auf ihm, drehen ihm den Hals um und stauchen ihn zusammen. Ohne ihn könnten viele von uns gar nicht arbeiten. Und trotz der Lasten und Sorgen, die er täglich trägt, fristet er ein ziemlich kümmerliches Dasein: der Bürostuhl.

Giroflex – das Schweizer Traditionsunternehmen aus dem aargauischen Koblenz war über Jahrzehnte einer der wichtigsten Bürostuhlhersteller Europas. Obwohl der Name jenseits der Landesgrenzen nur wenig bekannt ist, verdanken wir der Albert Stoll Giroflex AG, wie das Unternehmen früher mit vollem Namen hiess, eine der wichtigsten Erfindungen der modernen Zivilisation: den Federdreh mit Neigungsregler, kurz «Nereg».

Die Geschichte fängt mit einem mutigen Unternehmer an: 1870 gründet Albert Stoll im badischen Waldshut seine Fabrik für Bugholzstühle für Cafés, Hotels und Coiffeurgeschäfte. Es ist die erste Bugholzfabrik in Süddeutschland. Um den Schweizer Markt zu bedienen, eröffnet Stoll 1872 auch eine Fabrik in einer Baracke diesseits des Rheins, in Koblenz. Bald floriert das Unternehmen.

Stolls Sohn, Albert Stoll II., konzentriert sich ab den Zwanzigerjahren auf die Entwicklung von Bürostühlen. 1926 macht er die Erfindung seines Lebens und lässt sie international patentieren. Dank ihm können wir uns heute auf unseren Bürostühlen in alle Richtungen drehen und wenden wie wir wollen.

Giroflex-Verkauf: Einblick in die Produktion in Koblenz und Interview mit CEO Frank Forster

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Der erste gefederte Drehstuhl der Welt

Im Prospekt der Stuhlfabrik Albert Stoll von 1928 heisst es ganz unbescheiden: «Der ‹Nereg› ist eine Erfindung von grösster praktischer und hygienischer Bedeutung. Der Sitz passt sich selbsttätig jeder Bewegung an. Eine Wohltat für den geistigen Arbeiter.»

30 Jahre zuvor wurde der Bürostuhl erst erfunden. 1896 meldete der Amerikaner H. L. Andrews beim Patentamt in Washington einen höhenverstellbaren Stuhl für die Arbeit an der Schreibmaschine an. Er glich einem Klavierhocker mit Schraubgewinde und Rückenlehne und war vermutlich ziemlich unbequem. Vor Andrews’ Erfindung sassen Arbeiterinnen und Arbeiter allerdings auf noch unbequemeren Drehhockern aus Holz, die für die Uhrenindustrie entwickelt worden waren.

Die neueste Generation

Die neueste Generation

Der neue Bezugsstoff verwandle die Bürostühle von Giroflex «in ästhetische Klimawunder», heisst es in diesem Firmenvideo.

Der sitzende Mensch

Bis vor hundert Jahren arbeiteten ohnehin die meisten Menschen stehend auf dem Feld oder in der Industrie. Erst mit dem Einzug der Schreibmaschine in die Arbeitswelt und der Verlagerung der Arbeitsplätze in den Dienstleistungssektor wurde der Homo erectus zum Homo sedens – vom aufrechten zum sitzenden Menschen.

Aber zurück nach Koblenz: Albert Stoll III. übernimmt 1935 als 26-Jähriger die Stuhlfabrik von seinem Vater, aus der er ein internationales Unternehmen macht. 1935 werden auch das erste Mal Räder an die Füsse der Stühle montiert. 1948 ändert Stoll III. den Markennamen in Giroflex (ein griechisch-lateinisch-italienisches Kunstwort für «Drehen und Nachgeben») und ersetzt damit das sperrige Wort Federdreh.

Ab 1949 expandiert Stoll erfolgreich ins Ausland. In Belgien, Brasilien, Deutschland, Holland und Frankreich eröffnet er neue Niederlassungen. Bald verwandelt sich das Sitzgerät langsam aber sicher zur ergonomisch-technischen Meisterleistung. Aus den schlichten Holzdrehstühlen des 19. Jahrhunderts werden mit der Zeit farbenfrohe Büroträume aus Stoff, Stahl und Leder.

Ergonomie und Ästhetik

Das Modell Giroflex 64 des Tessiner Designers Paolo Fancelli etwa wird millionenfach in aller Welt verkauft – sei es als Schreibtischstuhl, Konferenzstuhl oder Chefsessel. Die modernen Stühle sind mit unzähligen Finessen versehen, bis hin zum integrierten Kleiderbügel.

Chefsessel haben zudem besonders hohe Rücken- und weich gepolsterte Armlehnen. Sie sind nicht nur Sitzunterlage, sondern stets auch Statussymbol. Im Schnitt verbringen Angestellte im Laufe ihres Lebens 55'000 Stunden im Sitzen. Nur 6500 Stunden sind sie in Bewegung, 3000 Stunden verbringen sie stehend. Auch in der Freizeit locken überall Sitzgelegenheiten: im Café, im Restaurant, im Kino, ganz abgesehen vom weichen Sofa zu Hause.

Die menschliche Wirbelsäule ist hier besonders anfällig für Verformungen. Das schreit geradezu nach ergonomischen Gegenmassnahmen. Die Ergonomie als Wissenschaft (griechisch ergon = Arbeit, nomos = Gesetz) entstand Ende der 1940-Jahre in England. Ihr Bestreben ist es, unseren Arbeitsalltag leichter und effizienter zu gestalten.

Alle 20 Minuten entspannen bitte!

Wer sich heute aber über zu lange Arbeitstage auf seinem drehbaren, höhenverstellbaren Bürostuhl beklagt, sollte hin und wieder an diejenigen denken, die das Erfolgsmodell einst ermöglicht haben. In Albert Stolls Stuhlfabrik in Koblenz betrug die Arbeitszeit 1904 noch 65 Stunden in der Woche – exklusive Pausen. Das entsprach dem Eidgenössischen Fabrikgesetz von 1877, das für Arbeiter einen Elfstundentag von Montag bis Freitag und einen Zehnstundentag am Samstag vorsah. 

Und zum Schluss noch dies: Moderne Arbeitsmediziner raten, dass man bei sitzender Büroarbeit etwa alle 20 Minuten aufstehen und sich bewegen soll – seien die Bürostühle auch noch so komfortabel. Eine leichte Übung, die Verspannungen vorbeugt und die sitzende Arbeit im Bürostuhl erleichtert, ist der sogenannte Seitennicker: Der Kopf wird langsam zur linken Seite gedreht, dann kurz nicken. Anschliessend den Kopf zur rechten Seite drehen und wieder kurz nicken. Dann wieder geradeaus sehen und entspannen.

Aber auch auf Bürostühlen kann man nicht nur sitzen: In Olten fand im Sommer 2017 nach einer zehnjährigen Pause wieder ein Bürostuhlrennen statt – mit den Startkategorien «Standard» und «Kamikaze».

Dieser Artikel erschien bereits im Juli 2017 und wird nun in leicht aktualisierter Form nochmals publiziert.

Giroflex-Verkauf: Einblick in die Produktion in Koblenz und Interview mit CEO Frank Forster

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(20.7.2017)

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