Das Aargauer Kuratorium zeichnete diese Woche den Musikforscher und -dramaturgen, Kurator und Kulturpublizisten Walter Labhart mit dem Anerkennungspreis aus. Damit will das Kuratorium das Schaffen von Menschen würdigen, die wenig im Scheinwerferlicht stehen. Die selbe Tugend prägt die Arbeit von Labhart. Der 74-Jährige setzt sich dafür ein, Komponisten abseits «der grossen B» (Bach, Beethoven, Brahms) Gehör zu verschaffen. Insbesondere der Klassik in Osteuropa und Komponistinnen hat er sich verschrieben. Labhart kuratierte Konzerte, veröffentlichte Schallplatten und CDs, organisierte Ausstellungen zu Konzertprogrammen, verfasste Monografien über Aargauer Komponisten wie Peter Mieg und Werner Wehrli und verfasste Feuilleton-Artikel – auch im Badener Tagblatt.

Aufgewachsen ist Walter Labhart in Buchs bei Aarau. Bereits früh entwickelte er sein bis heute andauerndes Interesse für Kunst. Er versuchte sich selbst als Maler, stellte bereits mit 18 seine expressionistischen Aquarelle im Kunsthaus in Aarau aus. «Schliesslich siegte allerdings die Vernunft: Von der Malerei allein hätte ich nicht leben können», sagt Labhart. Er besuchte seinerzeit die Kantonsschule Aarau, damals noch ein Literargymnasium. Vor der Matur brach er die Schule allerdings ab – es war zum Zerwürfnis mit einem Professor gekommen: «Ich wurde damals in eine Ausstellung der Gesellschaft Schweizerischer Maler, Bildhauer und Architekten aufgenommen und er nicht. Von da an gab er mir nur noch ungenügende Zeichnungsnoten.»

Labhart arbeitete zunächst bei französischen Bauern auf der Pfirsichplantage, lernte bei Förstern und auf der Baustelle auch die körperlich anspruchsvolle Arbeit kennen. Dank seiner Leidenschaft für die klassische Musik fasste er schliesslich in Zürich als Journalist Fuss: Er arbeitete als Musikredaktor für das Schweizerische Musikarchiv und bei Radio DRS II. Beim Schweizer Fernsehen wurde er als Redaktor der Kulturabteilung ein enger Begleiter von Leo Nadelmann, der die ersten Musiksendungen ins Schweizer Fernsehen brachte. Mit seiner Frau Dora ist Labhart seit 1970 verheiratet.

«Da meine Frau als Primarlehrerin ein reguläres Einkommen nach Hause brachte, konnte ich mich 1975 selbstständig machen», erzählt er. Freiberuflich gibt er sich nun seiner Leidenschaft hin: der Alternativkultur in der Klassik. «Ich will einen Gegenpol zu dem, was sonst immer gespielt wird, setzen.». Die Demokratisierung des Musikstils liegt ihm am Herzen, er will Minderheiten Gehör verschaffen. In Konzerten und Ausstellungen gibt er unbekannten Komponisten und vor allem auch Komponistinnen einen Platz. «Meine Eltern wollten, dass ich Archäologe werde. Im Grunde bin ich das: Ich grabe unbekannte Komponisten aus und schenke ihnen neues Leben.» Das Vorhaben war nicht von Anfang an von Erfolg gekrönt: «Das waren zum Teil Ausstellungen, die damals kaum jemanden interessierten und total gefloppt sind.» Ganz in Künstler-Manier kann Walter Labhart heute behaupten: Die Zeit war noch nicht reif dafür.

Sein Engagement für osteuropäische Musik wurde dort bereits mehrfach gewürdigt. So bedachte ihn das tschechische Kulturministerium mit zwei Auszeichnungen und in Jihlava, wo der jüdische Komponist Gustav Mahler seine Jugend verbrachte, ist ihm eine Rose gewidmet. Für die jüdische Kultur hat Labhart eine grosse Affinität, so trägt sein einziger Sohn den hebräischen Namen Nathan. Die Familie zog vor bald 40 Jahren nach Endingen, auch wegen der dort stark ausgeprägten jüdischen Kultur. Auch in der Region macht sich sein Schaffen bemerkbar, gründete er doch den KulturKreis Surbtal mit.

Am 18. September wird Walter Labhart im Aarauer Kunsthaus der Anerkennungspreis verliehen. Der engagierte Dramaturg hat das Programm bereits selbst gestaltet. Klavierstücke und Literatur sollen an diesem Abend eine «kleine Aargauer Anthologie» bilden.