Leibstadt/Windisch

Gillian Whites neue Metall-Skulpturen sind gigantisch und doch filigran

Künstlerin Gillian White hat drei bis fünf Meter grosse Skulpturen für Tanz&Kunst Königsfelden gefertigt.

Künstlerin Gillian White hat drei bis fünf Meter grosse Skulpturen für Tanz&Kunst Königsfelden gefertigt.

Erneut ist die Zurzibieter Künstlerin Gillian White für Tanz & Kunst Königsfelden am Werk – diesmal mit Metallskulpturen für «Sibil.la – Tanzgesänge». Diese sind zum Teil über fünf Meter hoch.

Verlorengehen kann diese Frau nirgends. Man wird sie stets finden, denn dafür sorgen erstens ihr silberner Lockenkopf, zweitens ihr glockenhelles Lachen und drittens ihr Schweizerdeutsch, das so gefärbt ist, dass Erinnerungen an English Breakfast Tea und Scones wachgerufen werden.

Gillian White lacht vergnügt, um sogleich ihr Gesicht in den Händen zu vergraben. «Ach, diese Wahlen in Grossbritannien», sagt sie so, dass man die Frage- und Ausrufezeichen förmlich hört. Dann schüttelt die seit vielen Jahren in Leibstadt lebende Bildhauerin energisch den Kopf: «Sprechen wir nicht von Politik.» Dafür über das, was vom 20. Mai bis 20. Juni in der Klosterkirche Königsfelden zu sehen sein wird: das grenzüberschreitende Tanz- und Musikprojekt «Sibil.la – Tanzgesänge» des spanischen Choreografen-Duos Arantxa Sagardoy und Alfredo Bravo.

Lassen wir den zwar winzigen, gleichwohl wie ein Stolperstein wirkenden Punkt im Titel weg, entdecken wir Sibylle, die weissagende Frau – das weibliche Pendant zum männlichen Propheten. Aus Gillian Whites Augen blitzt der Schalk. Sie freut sich, dass in dieser Produktion «Frauen und zumal ganz besondere, über die nicht sehr viel gesprochen wird, zum Zuge kommen». Und das nicht nur im Tanz, sondern auch in elf Skulpturen. Diese sind drei bis über fünf Meter gross, stehen beim Haupttor unter den berühmten Glasfenstern, und sind so verankert, dass vier davon – da auf Rollen – bewegt werden können. Wer davor steht, ist verblüfft. Zum einen, weil die riesigen, aus zwei Millimeter dickem Metall bestehenden Skulpturen keineswegs massig oder gar erdrückend wirken; zum anderen, weil Profile zu erkennen sind, die – je nach Lichteinfall – wie Scherenschnitte wirken.

Ideen-Quell sprudelt sofort

Wie filigran doch alles ist, denkt man und lässt den Blick rundum schweifen. «Es sind griechische, arabische und afrikanische Profile», betont die Künstlerin und verweist kurz auf die weitläufige Geschichte der Sibyllen. Hat Gillian White etwa Bücher gewälzt, um auf solch unterschiedliche Profile zu stossen? «Nein. In England gibt es eine solche Menschenvielfalt, dass man sie einfach im Kopf speichert.» Nicht nur diese – auch Ideen. Damit hat Gillian White «überhaupt kein Problem». Bekommt sie beispielsweise einen Anruf von Brigitta Luisa Merki, der künstlerischen Leiterin von Tanz & Kunst Königsfelden, beginnt der Ideen-Quell unverzüglich zu sprudeln.

«Mit Brigitta arbeite ich schon zum sechsten Mal zusammen», sagt Gillian White und schätzt, dass diese ihr «sehr viel Freiheit» einräume. Diesmal hat sich die Arbeit freilich etwas anders gestaltet. Anders als Brigitta Luisa Merki war das spanische Choreografen-Team bei der Planung und den Vorarbeiten nicht (immer) anwesend, «also haben wir viel miteinander via Fotos kommuniziert; aber ich habe die beiden offenbar überzeugt», sagt die englische Bildhauerin. Wiederum erfüllt ihr unvergleichlich optimistisches Lachen die Klosterkirche. Dann wird die Künstlerin, die einer Familie entstammt, «in der es nur Bildhauer und Ärzte gibt», ernst.

Gillian White streicht mit einem Finger behutsam über eine Skulptur. «Sie wundern sich? Nun, dieses Grau nimmt die Farbe der Beleuchtung sehr gut auf. Das gilt übrigens auch für das gelbe Haar.» Wie bitte? «Blicken Sie genau hin», fordert die Bildhauerin die Besucherin auf. Tatsächlich entdeckt diese feine Strähnen, die – gleichsam als Verstärker fungierend – die Metallskulpturen aufrecht halten. Und noch etwas, was sich beim flüchtigen Hinschauen nicht sogleich erschliesst. In Gillian Whites Raumgestaltung führt eine verborgene, schwungvolle Treppe in die luftige Höhe einer schweren Metallkonstruktion. Dort – in fast himmlischen Sphären – ist das aargauische Musikensemble Chaarts situiert.

Wie Tanz, Musik und Skulpturen an der Premiere zusammenspielen, weiss die Bildhauerin nicht. Dafür weiss sie, wie es am 20. Juni sein wird, wenn die letzte Vorstellung über die Bühne gegangen ist und sie ihren Sibyllen «Goodbye» sagen muss. Wird sie traurig sein, weil ihr Kunstwerk ein temporäres war? «Ach was», sagt sie und wirft ihrem Gegenüber einen belustigten Blick zu: «Ich bin doch auch temporär – und Sie sind das ebenfalls.»

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