Es war ein historischer Tag für das Zurzibiet: Am vergangenen Sonntag stimmten acht Gemeinden der Grossfusion zu. Am 1. Januar 2022 entsteht mit Zurzach die flächenmässig grösste Gemeinde des Kantons. Dazu gehört auch Rietheim, das mit 136 Ja- gegenüber 99 Nein-Stimmen dem Zusammenschluss zustimmte.

Nach Mellikon, der einzigen der acht Gemeinden, welche die Fusion ablehnte, war das Nein-Lager in Rietheim mit 42,1 Prozent das grösste. Ist das Dorf ebenso gespalten wie das 220-Seelen-Dorf flussabwärts? Insbesondere, da die Fusionsgegner mit dem Gemeinderat eine starke Stimme hinter sich hatten. Allen voran Ammann Beat Rudolf, der sehr pointiert Stellung gegen die Fusion bezog. Und dafür Kritik auch unter der Gürtellinie erntete.

Ein warmer Spätsommermorgen in Rietheim: Ein älterer Herr hat soeben seine Geranien vor dem Haus gegossen. Er befürwortet die Fusion, vor allem aus finanziellen Gründen. Er sagt, er hätte sich einen neutraleren Gemeinderat gewünscht.

Vor allem die klar ablehnende Haltung des Ammanns habe er weniger geschätzt. «Er hätte in seinem Amt neutraler sein sollen», findet er. Jeder solle sich seine Meinung selbst bilden. Diskussionen in grösseren Gruppen findet er nicht gut, diese könnten schnell ausarten «Zum Glück ist das hier in Rietheim aber nicht passiert.»

Die Krone ist die einzige verbleibende Dorfbeiz in Rietheim

Die Krone ist die einzige verbleibende Dorfbeiz in Rietheim

Befürworterin lobt Fusionsgegner Beat Rudolf

Eine Seniorin hingegen lobt die offene Gesprächskultur, insbesondere in Rietheim. Auch für Ammann Rudolf findet sie nur anerkennende Worte. «Mit seiner von Anfang an klaren Haltung zeigte er Charakter», sagt sie, Schaufel und Besen in der Hand. Und das, obwohl sie am Sonntag ein überzeugtes Ja in die Urne legte.

Für sie ist die Fusion nötig. «Für eine Gemeinde wie Rietheim wird es immer schwieriger, alle politischen Ämter zu besetzen», begründet sie. Schliesslich seien von den knapp 720 Einwohnern nur etwas mehr als die Hälfte stimmberechtigt und somit überhaupt wählbar. «Wir sind in einem grösseren Verbund besser aufgehoben.»

Mit der Verwaltung 2000, in der sieben Zurzibieter Gemeinden ihre Verwaltung zusammenlegten, sei Rietheim ohnehin nicht mehr ganz selbstständig. Dass der Ammann anderer Meinung ist als sie, stört sie nicht.

«Er hat mit seiner Haltung einen grossen Teil der Bevölkerung repräsentiert.» Trotz der unterschiedlichen Meinungen seien im Dorf keine Feindschaften entstanden. «Rietheim bewältigte den Prozess mit Anstand.»

Trotz 42 Prozent Nein: «Keine Gräben im Dorf»

Das sieht Peter Brunschwiler ähnlich. Er zog vor acht Jahren ins Dorf. Der Zusammenhalt sei immer noch so stark wie damals, sagt er und blickt aus dem Fenster auf die Hauptstrasse, auf der Lastwagen in Richtung Koblenz vorbeirauschen. «Es hat mich erstaunt, dass keine Gräben entstanden sind», sagt er.

Dass der Gemeinderat gegen die Fusion war, habe ihn dazu bewogen, sich überhaupt damit auseinanderzusetzen. Er wolle nicht schwarzmalen, sagt er, aber er habe Angst, die Anliegen der kleineren Gemeinden könnten gegenüber jenen von Bad Zurzach untergehen. Deshalb lehnte er die Fusion ab. «Ich bin gespannt, wie es jetzt weitergeht.»

Gegen die Fusion ist auch eine ältere Rietheimerin, die schon fast 60 Jahre im Dorf wohnt und gerade am Tisch in ihrem über 150-jährigen Bauernhaus sitzt. Sie befürchtet, dass viele der Befürworter in Rietheim gar keinen Bezug zum Dorf hätten.

Und dass die Gemeinde ihre Selbstständigkeit verliert. Aber obwohl über 40 Prozent der Rietheimer am vergangenen Sonntag gegen den Zusammenschluss stimmten, ist sie überzeugt: «Es gibt keine Gräben im Dorf.» Die Bevölkerung, ob Gegner oder Befürworter, würde jetzt einfach weiter machen. «Daran können wir jetzt nichts mehr ändern.»

Das Resultat akzeptiert hat auch Ammann Beat Rudolf. Er könne zwar als Privatperson nach wie vor nicht hinter der Fusion stehen. «Der Gemeinderat hat jetzt aber ganz klar den Auftrag, das umzusetzen.» Aus der Bevölkerung erhielt er in den letzten Tagen viel Zuspruch via Telefon oder Whatsapp. Im vergangenen halben Jahr musste er aber einiges einstecken. «Ich erhielt zahlreiche Mails, die ich sofort löschen musste», sagt er.

«Es wäre gelogen, wenn ich sagen würde, es gäbe keine Gräben», ergänzt er und nennt das Beispiel einer Rietheimerin, die bei einer Diskussion für ihre Meinung hart angegangen worden sei. Er spricht auch den Leserbrief eines ehemaligen Rietheimer Vizeammannes an, der unterdessen in Bad Zurzach wohnt. Er warf darin Beat Rudolf vor, es grenze an Amtsmissbrauch, dass Rudolf sich in seiner 1.-August-Rede gegen die Fusion aussprach.

Beat Rudolf, Gemeindeammann von Rietheim

Beat Rudolf, Gemeindeammann von Rietheim

Heftige Kritik vor allem aus anderen Gemeinden

Rudolf sagt aber auch: «Der grösste Teil der Kritik, die unter der Gürtellinie war, kam aus anderen Gemeinden.» Die meisten Rietheimer, die unzufrieden waren, hätten das persönliche Gespräch gesucht.

Der Ammann sieht die Befürworter des Zusammenschlusses jetzt in der Pflicht, sich aktiv am Fusionsprozess zu beteiligen. «Die Ja-Sager sollen sich jetzt für eine neue, gut funktionierende Gemeinde engagieren und die Suppe auslöffeln.» Auch er werde sich jetzt nicht zurücklehnen. Er könne sich zudem vorstellen, in der neuen Ortschaft Zurzach in einer Kommission mitzuarbeiten.

Und als Gemeinderat zu kandidieren? «Niemals. Das wäre nicht glaubwürdig», sagt Rudolf bestimmt und ergänzt: «Nach der laufenden Amtsperiode bin ich 20 Jahre im Gemeinderat. Ich hätte danach sowieso aufgehört.»