Bezirksgericht Zurzach

Junge Frau legte Feuer in einer Kapelle und biss einen Polizisten – nun erhält sie eine milde Strafe

„Ich dachte, es sei ein Traum“: Kirchenbrandstifterin vor Gericht

„Ich dachte, es sei ein Traum“: Kapellen-Brandstifterin vor Gericht

Vor zwei Jahren legte eine junge Frau in der Kapelle Full-Reuenthal ein Feuer. Nun stand sie vor dem Bezirksgericht Zurzach und gab an, sie sei damals unter Drogeneinfluss gestanden. Angeklagt war sie wegen Brandstiftung, Gewalt, Körperverletzung und Drohung.

Sie ist klein und trägt ihr langes dunkles Haar streng zu zwei Zöpfen geflochten. Grad so, als wolle Jasmin (Name geändert) noch immer Kind sein. Ein Kind, das die bald 23-Jährige nie so richtig hatte sein können, war sie doch in äusserst misslichen familiären Verhältnissen aufgewachsen. Die Mutter sei, sagt sie, Alkoholikerin gewesen, der Vater nicht mehr als Samenspender. Irgendwann hatte sie die Schule geschmissen, mit 14 erstmals Alkohol getrunken, Drogen waren ebenso auf dem Fuss gefolgt, wie Schulden, Sozialamt, Beistandschaft.

Weil sie Bussen für Schwarzfahren nicht bezahlte – nicht bezahlen konnte –, hatte sie erst kürzlich 13 Tage hinter Gittern verbracht. Und gestern nun galt es für Jasmin wirklich ernst: Beschuldigt unter anderem der versuchten Brandstiftung, versuchten Körperverletzung, Gewalt und Drohung gegen Behörden und Beamte, musste sie sich in Zurzach vor Gericht verantworten.

Da sass sie nun – in hautengen schwarzen, gelöcherten Jeans, weissen Turnschuhen und senfgelbem Pulli – von Angesicht zu Angesicht Gerichtspräsident Cyrill Kramer gegenüber. Ihre Arme und Beine waren ständig in Bewegung; die Fragen des Richters beantwortete sie ebenso wortreich wie vage. Sätze wie «ich weiss nicht mehr» und «daran kann ich mich nicht erinnern» waren Standard.

Kapelle und Buschauffeur fielen der Angeklagten zum Opfer

Zum einen war ihr zur Last gelegt, in der Nacht vom 17. Juni 2017 gemeinsam mit ihrem damaligen Freund (separates Verfahren) in der Kapelle Reuenthal Gedenkkerzen angezündet zu haben. «In der Folge rissen die beiden aus mehreren Gebetsbüchern Seiten heraus und legten diese auf die Kerzen, sodass eine grosse Flamme entstand», steht in der Anklageschrift. «Ich glaub schon, dass das stimmt, weiss es aber nicht.» Sie habe die Flammen «irgendwie schön gefunden», sei «vom LSD etwas gecrasht» gewesen. Das Feuer war irgendwann – Schaden von über 30'000 Franken hinterlassend – von selbst erloschen. Als die Polizei Jasmin rund drei Monate später in der Jugendherberge Baden festnahm und aufs Revier führte, hatte sie spontan «dasch dänk wäge Brandschtiftig», gesagt.

Vor Gericht beteuerte die junge Frau, dass sie sowohl dem Alkohol als auch den Drogen heute gänzlich abgeschworen habe. Im Juni letzten Jahres allerdings war das noch nicht der Fall gewesen. Damals hatte sie – offensichtlich sternhagelvoll – so um Mitternacht herum in Baden am Busbahnhof Ost hinterrücks eine Flasche gegen einen Buschauffeur geworfen, die diesen glücklicherweise verfehlte. Jasmin war dem Mann gefolgt und hatte ihm mehrfach einen vollen Turnbeutel gegen den Kopf geschlagen, ihn angespuckt und beschimpft.

Angehörige der Stadtpolizei Baden konnten Jasmin schliesslich aufgreifen. Auf dem Weg zum Posten betitelte Jasmin eine Polizistin und einen Polizisten mit Ausdrücken wie «Hängetittenschlampe», «dreckige Nutte», «Naziglatze» oder «Wixer» um nur eine kleine Auswahl der «Schlötterli» zu nennen. Als Jasmin von den Beamten zwecks fürsorgerischer Unterbringung nach Königsfelden überführt wurde, biss sie – dort angekommen – einen Polizisten in die Hand. «Wenn ich betrunken bin, mache ich immer Scheiss», erklärte Jasmin vor Gericht. Immerhin, konterte Gerichtspräsident Kramer, habe sie offensichtlich auch im Vollsuff «noch über ein erstaunliches Vokabular an Schimpfwörtern verfügt».

Der Staatsanwalt klagte die 23-Jährige insgesamt acht Verbrechen und Vergehen an. Dafür sei Jasmin zu einer Freiheitsstrafe von 18 Monaten plus 600 Franken Geldstrafe – beides bedingt mit einer dreijährigen Probezeit – sowie einer zu bezahlenden Busse von 1000 Franken zu verurteilen. In seinem Plädoyer betonte er, dass Jasmin erwiesenermassen zwar psychisch nicht ganz gesund, aber dennoch voll schuldfähig sei. Dies vor allem, weil sie sich sehr wohl des Einflusses von Alkohol- und Drogenkonsum auf ihr Verhalten bewusst ist, selber sage, dass sie dadurch aggressiv werde und Scheisse baue.

Richter: «Jugend entschuldigt nicht alles»

Die Verteidigerin betonte, dass Jasmin heute vollständig auf Alkohol und Drogen verzichte und verzweifelt ihren Weg im Leben suche. Tatsächlich ist Jasmin begeistert von einem zweiwöchigen Schnuppern bei einem Metzger und hofft, dort eine Lehre machen zu können. Ihre Anwältin forderte verschiedene Freisprüche, allen voran vom schwerwiegendsten Delikt – der Brandstiftung. Sie habe die Kapelle mitnichten anzünden wollen. Eine Geldstrafe von 180 Tagessätzen à 10 Franken bedingt auf zwei Jahre und 600 Franken Busse – so der Antrag der Verteidigerin.

Das Gericht sprach Jasmin lediglich vom Vorwurf des Hausfriedensbruchs frei. «Es ist nicht erwiesen, dass sie und ihr Freund gewaltsam in die Kapelle eingedrungen waren.» In den übrigen Punkten schuldig, wurde die junge Frau zu 12 Monaten Haft und 200 Franken Geldstrafe, beides bedingt mit 3-jähriger Probezeit, verurteilt, sowie 600 Franken Busse, die bei Nichtbezahlen in 6 Tage Haft umgewandelt werden.

«Wir haben lange überlegt», so Präsident Kramer, «und schliesslich den Vorfall in Baden etwas leichter gewichtet als die Staatsanwaltschaft.» Zwar entschuldige die Jugend nicht alles, aber angesichts der Tatsache, dass Jasmin einen sehr schwierigen Start ins Leben hatte und psychisch kränkelt, erachtet das Gericht eine mildere Strafe als angemessen. «Wir wünschen Ihnen, dass sie nun endlich Stabilität, Strukturen und Eigenständigkeit in Ihr Leben bringen können», schloss Richter Kramer.

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