Lengnau/Endingen

«Mehr Mythos als Fakt»: Was hat es mit den berühmten Doppeltüren wirklich auf sich?

In Lengnau und Endingen sind auch heute noch zahlreiche Doppeltüren zu finden, die von der jüdischen Geschichte im Surbtal zeugen.

In Lengnau und Endingen sind auch heute noch zahlreiche Doppeltüren zu finden, die von der jüdischen Geschichte im Surbtal zeugen.

Mit zwei Hauseingängen umgingen Juden und Christen in Lengnau und Endingen einst das Verbot, unter einem Dach wohnen zu können. Dafür sind die beiden Dörfer über die Schweizer Grenzen hinaus bekannt. Eine Kunsthistorikerin sagt jetzt, nicht alle Ansichten zu den Doppeltüren seien korrekt.

Rund drei Jahre sind seit der Gründung des Vereins Doppeltür vergangen. Das aufwendige Projekt für ein Besucherzen­trum mit internationaler Ausstrahlung hat die Vermittlung der jüdisch-christlichen Geschichte von Endingen und Lengnau zum Ziel. Die beiden Surbtaler Dörfer waren von Ende 1776 bis 1866 die einzigen Ortschaften in der Schweiz, in denen sich Juden dauerhaft niederlassen und eigene Gemeinden gründen durften. Davon zeugen noch heute die Doppeltüren an zahlreichen Häusern. Damit wurde früher eine Bestimmung umgangen, wonach Juden und Christen nicht unter einem Dach wohnen durften. So zumindest die gängige Lehrmeinung. Dies sei aber mehr Mythos als Fakt, sagt Kunsthistorikerin Edith Hunziker. Diese These vertrat sie diese Woche an der Generalversammlung des Vereins Doppeltür – und löste damit eine Diskussion aus.

Edith Hunziker inventarisiert für den Kanton Kunstdenkmäler des Surbtals, darunter auch die Doppeltürhäuser in Lengnau und Endingen, und arbeitet zurzeit zusammen mit Thomas Manetsch an einem Kunstdenkmälerband. An der Generalversammlung stellte sie die ersten Ergebnisse ihrer Recherchen vor. Unter anderem jene zu den Doppeltürhäusern, denen sie unterdessen in den Quellen nachgehen konnte. Dafür hatte sie in die Brandkataster aus dieser Zeit geblickt, um das Baujahr und die Besitzverhältnisse ermitteln zu können. «Das Doppeltürhaus ist ein sehr komplexes, vielschichtiges Phänomen, um das sich mehr Mythen, Vermutungen und Halbwahrheiten ranken, als gesichertes Wissen und historisch belegbare Fakten bekannt sind», sagt Edith Hunziker. Ihre Recherchen hätten nun gezeigt, dass einige Ansichten zu den Doppeltüren revidiert werden müssten.

Unbestritten: Doppeltüren sind Zeugnis der Geschichte

Fakt ist: Die Doppeltürhäuser stehen im Zusammenhang mit der jüdischen Geschichte der beiden Dörfer Lengnau und Endingen. Das bestätigt auch Edith Hunziker. «Zwar sind Häuser mit zwei Eingängen auch in anderen Regionen zu finden, aber nicht in diesem Ausmass wie im Surbtal. Die Doppeltüren sind und bleiben ein wichtiges Symbol.» Sie kann anhand ihrer Quellen aber belegen, dass bei nur ganz wenigen Häusern Juden und Christen unter einem Dach wohnten und gleichzeitig auch beide Besitzer des Hauses gewesen sind. Sie bestätigen jedoch, dass Christen Häuser bauten und sie danach dank einer Sonderbewilligung des Kantons an Juden verkauften. Edith Hunzikers Recherche zeigt ausserdem: «In keinem schriftlichen Dokument ist von ‹Doppeltüren› die Rede.»

Dass Juden und Christen mit den zwei Hauseingängen ein Verbot der Obrigkeit aus dem 17. Jahrhundert umgangen hätten, zusammen unter einem Dach zu wohnen, könne zwar anfänglich eine Rolle gespielt haben, diese spezielle bauliche Lösung zu wählen. Allerdings sei dann zu fragen, wieso man vor allem im 19. Jahrhundert Doppeltürhäuser gebaut habe, als von einem solchen Verbot schon lange nicht mehr die Rede war. Denn die Kunsthistorikerin korrigiert auch die bisherigen Annahmen zur Bauzeit. «Die meisten der erhaltenen oder durch alte Fotografien überlieferten Gebäude sind erst im 19. Jahrhundert entstanden, eine weitaus kleinere Zahl dürfte aus der zweiten Hälfte des 18. Jahrhundert stammen; keines geht auf das 17. Jahrhundert zurück.»

«Gesetzgeberische Vorgabe spielt wohl geringere Rolle»

Edith Hunziker vermutet, dass ein wesentlicher Faktor für den Bau der Doppeltüren die zunehmende räumliche Enge in den beiden Dörfern war. «Doppeltüren sind eine extrem platzsparende Lösung zur Erschliessung von Geschosswohnungen.» Aber auch hier gelte es, noch einiges an Forschungsarbeit zu leisten, beispielsweise mit Hilfe von Quellen wie der ersten Volkszählung von 1850, die möglicherweise Auskunft über Mietverhältnisse geben könne. Auch von noch geplanten Hausbesichtigungen verspricht sie sich weitere Erkenntnisse. «Vielleicht spielen beispielsweise die gesetzgeberischen Vorgaben eine viel geringere Rolle als bisher vermutet.»

Die Ausführungen von Edith Hunziker zu den Doppeltüren sorgten an der Generalversammlung diese Woche für Staunen und kontroverse Diskussionen. Zwar freut sich der Verein über ihre Recherchen. «Damit kommt Licht in die Geschichte der Liegenschaften», sagt Vereinspräsident Lukas Keller. «Ihr Vortrag beleuchtete aber nur einen Aspekt, das ist zu einseitig.» Er weist darauf hin, dass Juden gar keine Häuser besitzen durften und deshalb auch gar nicht als Besitzer aufgeführt werden konnten. Erst 1866 auf Bundes- und 1879 auf Kantonsebene erhielten die Juden die Niederlassungsfreiheit und die Gewährung aller Bürgerrechte. Das schliesse aber nicht aus, dass sich Juden vorher bauwilligen Christen als Geldgeber angeboten und danach einen Hausteil gemietet hätten. «Die starke Konzentration von Doppeltürhäusern in Endingen und Lengnau – sie sind sonst kaum und sehr selten zu finden – ist kein Zufall und deutet auf die besondere Geschichte von Juden und Christen im Surbtal hin», erklärt er.

Lukas Keller nennt ein weiteres Argument, das auf Zusammenleben von Juden und Christen unter einem Dach hindeutet: Er macht auf die Einkerbungen für die Mesusa an den Eingängen aufmerksam. Die Mesusa enthält einen Pergamentstreifen mit hebräischen Versen aus der Tora und dient dazu, das Haus zu segnen. «Diese Einkerbungen findet man bei allen Häusern mit zwei Eingängen – und das immer nur bei einer der beiden Türen», sagt Keller. Nur ein einziges Haus weise an beiden Eingängen eine Kerbe auf. «Das zeigt, dass in diesem Haus beide Wohnungen in jüdischer Hand waren. Tatsächlich wurde das ganze Haus um 1902 von einer jüdischen Familie erworben, nachdem es vorher während rund 100 Jahren sowohl von Juden und Christen gemeinsam bewohnt worden war.»

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