Juden im Aargau

Nach Auschwitz-Vergleich: Verein Doppeltür lehnt Ausschluss von Jonas Fricker ab

Jonas Fricker darf im Doppeltür-Patronatskomitee bleiben.

Jonas Fricker darf im Doppeltür-Patronatskomitee bleiben.

Der Vorstand des jüdisch-christlichen Projekts Doppeltür im Aargauer Surbtal hat über die Zukunft Jonas Frickers als Patronatsmitglied einen Entscheid gefällt. Trotz seines Holocaust-Vergleichs bleibt der Grünen-Politiker im jüdisch-christlichen Verein.

Ist Jonas Fricker (40) noch tragbar für den Verein Doppeltür? Diese Frage diskutierte der Vorstand an seiner letzten Sitzung. Auslöser war der Vergleich von Fricker im Nationalrat, als er den Transport von Schweinen mit der Deportation von Juden nach Auschwitz verglich. Fricker entschuldigte sich zwar wenig später, trat aber zwei Tage später dennoch zurück. Nicht zuletzt wegen des grossen Drucks in seiner eigenen Partei, den Grünen. 

Der Doppeltür-Vorstand hat sich dagegen entscheiden, den Badener Politiker Jonas Fricker aus dem Patronatskomitee zu entlassen. «Nach einer Aussprache mit Herrn Fricker und der ganzheitlichen Beurteilung kommt der Vorstand zum Schluss, dass Jonas Fricker im Patronatskomitee verbleiben soll», schreibt er in einer Mitteilung vom Donnerstag. Der Verein gewichte  «die gemachten Aussagen, den respektvollen Umgang mit Personen sowie ein gesundes Augenmass in der Gesamtheit der Angelegenheit. Diese Betrachtung erlaubt eine weitere konstruktive und positive Zusammenarbeit.»

Keine antisemitische Haltung festgestellt

Lukas Keller, Präsident des Vereins Doppeltür, begründet die Entscheidung des Vorstandes folgendermassen: «Eine Delegation des Vorstandes hat Jonas Fricker zum Gespräch getroffen. Wir wollten wissen, wie er zu unserem Projekt steht. Und wir haben ihn noch einmal gefragt, wie es zu jenem inakzeptablen Vergleich kam. Wir stellten im Gespräch fest, dass keine antisemitische Haltung zur Person von Jonas Fricker gehört, sondern eher das Gegenteil davon.» Er habe einen engen Bezug zu Endingen und Lengnau, habe Freunde und Bekannte in den beiden Dörfern. Und Fricker habe in dem Sinne einen Bezug zur jüdischen Geschichte, als dass er sich für Minderheiten einsetze, erklärte Lukas Keller weiter. «Wir hatten den Eindruck, dass es für ihn persönlich ein Verlust gewesen wäre, wenn er sich nicht mehr hätte für unsere Idee einsetzen dürfen.»

Hoch gewichtet habe der Vorstand ebenso seine sofortige Entschuldigung im Nationalrat sowie gegenüber dem Schweizerischen Israelitischen Gemeindebund. «Ausserdem wollten wir ein Zeichen des Respekts setzen, den jede Persönlichkeit verdient hat. Respekt zählt zu den wichtigen Werten, die unser Verein vermitteln will.»

Auf Anfrage der AZ gab Fricker ein kurzes Statement ab: «Gerne trage ich weiterhin zum Gelingen des Projekts Doppeltüre und damit zur lebendigen Vermittlung des jüdisch-christlichen Zusammenlebens bei.»

Zum Patronatskomitee des Vereins Doppeltür gehören bekannte Persönlichkeiten, etwa die ehemalige Bundesrätin Ruth Dreifuss oder der ehemalige Bundesrat Moritz Leuenberger (beide SP). Die Liste umfasst 28 Namen.

Doppeltür: So könnte das Besucherzentrum des Vermittlungsprojekts zwischen Juden und Christen dereinst aussehen. VISUALISIERUNG/ALAN EDBURG

Doppeltür: So könnte das Besucherzentrum des Vermittlungsprojekts zwischen Juden und Christen dereinst aussehen. VISUALISIERUNG/ALAN EDBURG

Beim Projekt Doppeltür geht es um das jüdisch-christliche Zusammenleben in den beiden Aargauer Dörfern Endingen und Lengnau im Bezirk Zurzach. Zwischen 1776 und 1866 nämlich war ihre Niederlassungsfreiheit in der Schweiz stark eingeschränkt. Endingen und Lengnau waren die einzigen zwei Ortschaften, wo Juden in der Schweiz wohnen durften. Entsprechend existiert nirgends sonst im Land eine so grosse Dichte an Baukultur wie in den beiden Surbtaler Dörfern. Hautnah erkennen lässt sich das auf dem Jüdischen Kulturweg. Dieser führt Interessierte an geschichtsträchtige Stätten, etwa zu den beiden Synagogen oder dem jüdischen Friedhof oder Wohnhäusern mit zweiteiligen Eingängen, sogenannten Doppeltüren. Mit diesen wurde die Bestimmung umgangen, wonach Juden und Christen nicht beieinander wohnen sollten. Es entwickelte sich ein respektvolles Neben- und Miteinander – an dieses historische Erbe will der vor wenigen Jahren gegründete Verein unter anderem mit einem Besucherzentrum erinnern.

Beim Start des Projekts fragte der Verein alle Aargauer National- und Ständeräte schriftlich an, ob sie dem Patronatskomitee beitreten wollen. Jonas Fricker füllte das Formular unterschrieben zurück. «Uns ist es wichtig, einen Querschnitt aus Gesellschaft, Politik und Kultur im Komitee zu haben», betonte Lukas Keller gegenüber der AZ

Jonas Frickers Votum im Nationalrat zur Fair-Food-Initiative, 28.9.2017

Jonas Frickers Votum im Nationalrat zur Fair-Food-Initiative (28.9.2017)

Der Aargauer Grünen-Chef Daniel Hölzle sowie die Nationalräte Marianne Binder (CVP) und Andreas Glarner (SVP) über Jonas Fricker, seine Entschuldigung und sein Comeback.

Der Aargauer Grünen-Chef Daniel Hölzle sowie die Nationalräte Marianne Binder (CVP) und Andreas Glarner (SVP) über Jonas Fricker, seine Entschuldigung und sein Comeback.

 (Oktober 2017)

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