Endingen

Radikaler Tierschützer prangert Heart-Hof an – die Angegriffene: «VgT geht zu weit»

Marion Hoffmann beim Füttern ihrer Hühner auf dem Heart-Hof: Gemäss einem Beitrag in der Zeitschrift des VgT soll sie ihre Tierstation nicht artgerecht führen.

Der bekannte radikale Tierschützer Erwin Kessler prangert die angeblich miserable Haltung von Kaninchen und Hühnern auf einer Anlage im Weiler Loohof an. Die Angegriffene setzt sich nun zur Wehr.

Marion Hoffmann läuft über die Wiese. In der Hand hält sie einen Futterbehälter. Sie schüttelt den Kopf: «Bitte machen Sie sich selbst ein Bild. Ich habe nichts zu verbergen.» Sie gibt einen kurzen Laut von sich und schon kommt die kleine Hühnerschar angerannt. 21 Hühner und 14 Wachteln beherbergt Hoffmann derzeit auf dem Heart-Hof oberhalb von Endingen. Seit diesem Frühjahr lebt sie hier und ist daran, eine Notstation beziehungsweise ein Heim für Kleintiere mit Hühnern, Meerschweinchen und Kaninchen aufzubauen. Die 25-Jährige hat hierzu den Verein Heart-Hof gegründet.

Die vermeintliche Idylle in Hoffmanns kleiner Welt ist allerdings getrübt. Sie ist ins Fadenkreuz des Vereins gegen Tierfabriken, besser bekannt unter der Abkürzung VgT, geraten. Gründer und Geschäftsführer ist der streitbare Aktivist Erwin Kessler. In der jüngsten Ausgabe seines Informationsblatts erhebt der VgT schwere Vorwürfe an die Adresse der Betreiber des Heart-Hofs. «Warnung vor dem ‹Heart-Hof›», lautet die Überschrift des Beitrags.

Die Vorwürfe darin sind gravierend: Nicht jeder der sich Gnaden- oder Lebenshof für Tiere nenne, verdiene diese Bezeichnung tatsächlich, heisst es. Hoffmann wird vorgeworfen, dass sie ihre Tiere nicht artgerecht halte. So seien Hühner und Kaninchen Raubtieren zum Opfer gefallen, das Kaninchengehege habe aus einem Provisorium bestanden, welches an der prallen Sonne stand. Weiter seien schwer kranke Kaninchen total verwurmt und verschnupft gewesen und nicht zum Tierarzt gebracht worden.

Shitstorm in sozialen Medien

«Natürlich ist nicht alles perfekt, aber wir geben uns die grösste Mühe», sagt Marion Hoffmann. Für den Hauptvorwurf seitens des VgT trägt sie mutmasslich nur eine indirekte Schuld. Sie übernahm vom Häslihof in Abtwil, der im Mai dieses Jahres in die Schlagzeilen geriet, sechs kranke Kaninchen. Der Hof wurde inzwischen geschlossen. Über 600 Kaninchen wurden damals auf verschiedene Tierheime verteilt (die AZ berichtete).

Hoffmann, die gerade eine Ausbildung zur Heimtierpflegerin absolviert, sagt aus heutiger Sicht, dass es ein Fehler gewesen sei, die Kaninchen aufzunehmen. «Mein Ziel war es, den Tieren zu helfen.»

Der VgT wurde daraufhin aktiv und stellte den Heart-Hof öffentlich an den Pranger. In den sozialen Medien löste der Artikel einen Shitstorm aus. Hoffmann wurde beleidigt, sie erhielt Hass-Mails, ihr wird die Fähigkeit abgesprochen, Tiere zu pflegen. «Bitte legt diesen Leuten das Handwerk», macht beispielsweise ein Eintrag gegen sie Stimmung. Zudem sei sie von Erwin Kessler am Telefon aufs Übelste beschimpft worden. «Die Vorwürfe haben mich geschockt», so Hoffmann.

Der VgT und sein Chef sind für ihre unzimperlichen Methoden bekannt. Geht es ums Wohl der Tiere, kennt der radikale Tierschützer wenig Erbarmen. «Ich finde, der VgT macht viel Gutes. Hier ging er aber eindeutig zu weit», sagt Marion Hoffmann. Anstatt sie öffentlich zu verunglimpfen, hätte sie einen konstruktiven Dialog begrüsst.

Der VgT kontert: «Spricht man mit Frau Hoffmann, tönt immer alles sehr gut. Doch reden ist leider nicht gleich handeln.» Sie gebe auf der einen Seite vor, eine grosse Tierfreundin zu sein. «Auf der anderen Seite ist sie zu bequem, sich richtig um die Tiere zu kümmern.»

Marion Hoffmann lässt diese Kritik nicht auf sich sitzen. Sie hält fest, dass der VgT mit seinen Vorwürfen nie an sie herangetreten sei, stattdessen habe sich die stellvertretende Geschäftsführerin des VgT ohne ihre Einwilligung Zugang zum Hof verschafft und ein Kaninchen mitgenommen.

Der Verein Heart-Hof, deren Präsidentin Hoffmann ist, verzichtet auf mögliche rechtliche Schritte gegen den Verein gegen Tierfabriken. «Das würde zu viel Energie, Nerven und Geld kosten», sagt Hoffmann. Vielmehr setzt sie auf Aufklärung: «Bei uns ist jeder Besucher willkommen, um sich von der Anlage ein Bild machen zu können.»

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