Unheimlich brodelts im kleinen Kupferkessel – obwohl  da nirgends Feuer brennt. Ständig verändert sich die Farbe der dampfenden Flüssigkeit. Im Turm, dem Wahrzeichen von Kaiserstuhl, hat die Alchemie Einzug gehalten. Mit vielen Fläschchen mit geheimnisvollen Tinkturen und Essenzen und mit allerlei Rezepturen. Sogar ein Traktätchen über den berühmten Galenius liegt da. Seine Lehre von den Körpersäften dürfte allerdings dem Skelett auf der Bahre kaum mehr auf die Beine helfen. Draussen vor dem Turm zeigt der Alchemist seinem staunenden Publikum, wie sich die Farbe einer Flüssigkeit auf geheimnisvolle Weise durch blosses Umschütten von einem Glasröhrchen ins andere verändern lässt.

Entspannte Atmosphäre

Die Alchemie am Eingang zum Städtchen steht sozusagen am Anfang des Mittelalterfestes. „Das Fest findet zum fünften Mal statt“, sagt Sonja Böhm vom Mittelalterverein Kaiserstuhl, der hinter dem Anlass steht. „Wir hatten vor zehn Jahren gefunden, dass sich die wunderschöne Kulisse des Städtchens für einen solchen Anlass ideal eignet. Inzwischen ist das Mittelalterfest gewachsen. Es unterscheidet sich aber von den Mittelalter-Anlässen, die von professionellen Anbietern durchgeführt werden. Es soll ein Fest für Familien sein und den Kindern etwas bieten.“

Speziell für die Kinder ist denn auch der Drachenpfad angelegt worden, der über verschiedene Stationen zu einer Schatztruhe in einem finsteren Gewölbe führt. „Das Mittelalterfest, das gerademal sechs Leute, gewissermassen so nebenbei auf die Beine stellen, wird jeweils von 1500 bis 2000 Personen besucht“, erklärt Sonja Böhm. „Das tönt nach nicht sehr viel. Die entspannte und ruhige Atmosphäre wird aber geschätzt – auch  von den Marktfahrern und den Mittelaltergruppen. Heute führen wir sogar eine Anmeldeliste. Das war nicht immer so.“ Das Mittelalterfest, das unter dem Patronat der Stadt Kaiserstuhl steht und durch den Richner-Fonds unterstützt wird, hat sich jedenfalls etabliert.

Buntes Treiben

Im Städtchen und vor der Stadtmauer herrscht am Samstagnachmittag buntes Treiben. Rund um die Kirche zu St. Katharinen haben die Marktfahrer ihre Stände aufgebaut. Gewappnete Ritter messen sich in der Kunst des Schwertkampfes. Und die aus Tschechien angereiste Musikgruppe „Canora“ zieht mit ihren Dudelsäcken, Pauken und Trommeln das Publikum in den Bann mittelalterlicher Musik. In der Grossen Rheingasse lädt die Culinarium-Schenke zur Einkehr. Dicht umlagert ist das Mäuseroulett. Erwartungsvoll harren die Spieler des Augenblicks, in dem Mäuserich Arthur – als lebendige Roulettkugel – in eines der Häuschen schlüpft.

Auch das Ritterlager unter Obstbäumen vor der Stadtmauer gibt Gelegenheit, ins Mittelalter einzutauchen. Kinder vergnügen sich als Ritter in Vollmontur beim Turnier. Es gilt, mit der Lanze Ringe zu erhaschen und das Schild des hölzernen Roland zu treffen. In ihrem Zelt entführt die Erzählerin Susanna das Publikum in die Märchenwelt. Für das „über 18 Lenze zählende Volk“ kündet sie abends sogar eine frivole Geschichte an.

Daneben haben Mittelalter-Darstellergruppen ihre durchaus komfortabel ausgestatteten Zelte aufgeschlagen. Unter ihnen die Sippe der „Wolfsbrüder“. Diese Gruppe hat sich, wie eines ihrer Mitglieder sagt, der Wikinger um die Zeit des 10. Jahrhunderts  verschrieben und sie möchte die Klischees über die Nordmänner als räuberische Barbaren etwas korrigieren.