Die Pfarrwahlkommission der Pfarrei St. Franziskus in Riehen BS beschloss Mitte 2017, Stefan K. als Pfarrer vorzuschlagen. Nach reiflicher Überlegung stimmte der Bischof von Basel, Felix Gmür, elf Monate später zu. Normalerweise hätte K. damit sein Amt am 1. November 2018 antreten können.

In Basel wird ein Pfarrer still gewählt, wenn nicht 100 Stimmberechtigte eine Urnenwahl verlangen. Dies war hier der Fall. Innert sechs Wochen wurden 132 gültige Unterschriften gesammelt, schreibt der «Landbote» diese Woche in einem Artikel. Einige Kirchbürger lehnen K. ab, weil er in Aadorf im Kanton Thurgau 2012 wegen sexueller Handlungen mit einem Buben verurteilt worden war.

Der heute 48-jährige Stefan K. wirkte auch im Aargau. Vor seinem Amtsantritt in Aadorf im Jahr 2000 war der verurteilte Pfarrer zwei Jahre lang in Döttingen tätig gewesen.
Gemäss dem Sprecher der Basler Kirche, Meinrad Stöcklin, findet die Wahl am 10. Februar statt. Die Kirchbürger können K. heute Donnerstag an einer Infoveranstaltung «auf den Zahn fühlen», sagt Stöcklin gegenüber der «Tageswoche» und fügt an, K. sei «sehr, sehr beliebt in Riehen». Die vom Pfarrer selber geplante Aussprache soll Befürworter und Gegner der Wahl zusammenbringen und das Bedürfnis nach Informationen stillen.

Im März 2010 holte die Thurgauer Polizei den damals 40-jährigen katholischen Pfarrer in Aadorf ab und setzte ihn in Untersuchungshaft. Man verdächtigte ihn der «Handlungen gegen die sexuelle Integrität» von Kindern – er soll mehreren Religionsschülern in privatem Rahmen die Füsse massiert haben. Der damalige Basler Bischof Kurt Koch dispensierte den Geistlichen umgehend von allen Verpflichtungen und kurz darauf kündigte der Pfarrer seine Stelle in Aadorf von sich aus.

Schuldig in einem Fall

Zwei Jahre später erliess die Staatsanwaltschaft Frauenfeld einen Strafbefehl wegen sexueller Handlungen mit Kindern und sprach eine bedingte Geldstrafe von 4000 Franken. Es sei in der Zeit von 1999 bis 2010 zwischen dem Beschuldigten und mehreren Jugendlichen zu körperlichen Kontakten gekommen, über Jahre habe er Jugendlichen die Füsse massiert, in einem Fall soll er die Grenze zur Strafbarkeit überschritten haben, hiess es in der Mitteilung der Staatsanwaltschaft. Der Pfarrer akzeptierte den Strafbefehl und damit seine Schuldigsprechung.

Nachdem seine dreijährige Bewährungsfrist abgelaufen war, begann der Geistliche in Riehen aushilfsweise als Pfarrer zu arbeiten, schreibt das «St. Galler Tagblatt». Weil er seine Aufgaben gut erledigte, schlug ihn die Riehener Pfarrwahlkommission im August 2017 zur Wahl vor. Der Basler Bischof Felix Gmür stimmte dem Vorschlag nach einer Bedenkzeit ebenfalls zu. Nach der dortigen Kirchenordnung hätte der Pfarrer nun eigentlich still gewählt werden können. Doch die Stimmberechtigten der Kirchgemeinde setzten die Urnenwahl durch.

Vier Gutachten

Der Basler Bischof Felix Gmür sagte in einem Interview mit der «SonntagsZeitung» vom 9. Dezember 2018: «Zum konkreten Fall liegen mir vier Gutachten vor. Die Wahrscheinlichkeit, dass der Mann erneut einen Übergriff begeht, befinde sich auf einer Skala von 1 bis 9 bei 1, heisst es da. Aber natürlich: Ich kann die Zukunft nicht voraussehen.»

Wie das «St. Galler Tagblatt» weiter schreibt, hatte Daniel Bachmann, Vorgänger des Pfarrers in Aadorf und auch heute wieder Pfarrer dort, dem Verurteilten damals geraten, Rekurs gegen den Strafbefehl einzulegen. Das tat dieser jedoch nicht.

Die beiden blieben auch nach dem Prozess in Kontakt. Bachmann distanziert sich entschieden vom sexuellen Missbrauch Minderjähriger, der «weltweit während Jahrzehnten auch von Kirchenleuten» begangen worden sei. Er befürwortet aber eine zweite Chance für den ehemals in Döttingen und Aadorf tätigen Geistlichen. Die Fussmassagen seien dumm und unprofessionell gewesen, aber in keiner Weise mit qualifizierten Übergriffen und sexuellen Handlungen zu vergleichen. (AZ)