Klingnau

Skandalarzt zeigt Nachbarn wegen Beschimpfung an – doch seine eigenen Zeugen machen einen Rückzieher

HIer soll er beschimpft worden sein: Hareshchandra Shah vor seiner ehemaligen Praxis in Klingnau

HIer soll er beschimpft worden sein: Hareshchandra Shah vor seiner ehemaligen Praxis in Klingnau

Der ehemalige Hausarzt Hareshchandra Shah und seine Gattin decken einen Nachbarn in Klingnau mit heftigen Vorwürfen ein. Doch im Rechtsstreit bestätigen ausgerechnet mehrere ihrer eigenen Zeugen die Vorwürfe und schriftlich eingereichte Aussagen nicht.

Der Hausarzt Hareshchandra Shah (83) aus Klingnau, dem die Bewilligung 2019 mit Urteil des Bundesgerichts entzogen wurde, ist dank eines Vergleichs mit einigen Krankenkassen einer Anzeige wegen Betrugs entgangen.

Allerdings sorgt er mit einem anderen Fall selbst für Ermittlungen der Staatsanwaltschaft Brugg-Zurzach. Shah und seine Ehefrau (70), beide deutscher Nationalität, haben letztes Jahr einen Nachbarn (69) an ihrer Wohnadresse in Klingnau wegen mehrfacher Beschimpfung angezeigt. Konkret werfen sie ihm solche an drei Tagen im Jahr 2018 vor:

  • Im Juni soll der Nachbar den Mediziner vor dessen damaliger Praxis in Klingnau als «schwarzes Ausländerarschloch» betitelt haben. Dazu reichte Shah die schriftliche Aussage eines Patienten ein, der diese Version bestätigte. Allerdings hielt der Nachbar dagegen, dass er zu jener Zeit mit seiner Lebenspartnerin in Savognin geweilt habe, was diese auch bestätigte. Der Zeuge führte aus, dass er – nicht wie von Shahs behauptet – die schriftliche Zeugenaussage nur unterschrieben und nicht selbst verfasst habe. Er habe sie gar nicht gelesen, als er sie in der Wohnung des Ehepaars signierte. Auch die Beschimpfung konnte er nicht klar bestätigen.

  • Die Ehefrau des Arztes warf dem Nachbarn vor, dieser habe sie zwei Tage später in der Tiefgarage des Mehrfamilienhauses, in dem beide wohnen, als «Scheisslügnerin» und «Flittchen» beschimpft. Er sei ihr in den Fahrradkeller gefolgt und habe sie als «Nazi» betitelt. Der Beschuldigte bestätigte zwar, dass er der Arztfrau an jenem Tag in der Tiefgarage begegnet sei, aber zu einer anderen Uhrzeit. Die Beschimpfung bestritt er.

  • Der Arzt und seine Gattin behaupteten, dass der Nachbar letztere bei einer verbalen Auseinandersetzung vor dem Mehrfamilienhaus als «Nazischlampe» beschimpft hat. Der Beschuldigte bestätigte der Staatsanwaltschaft zwar das Wortgefecht, nicht aber die Beschimpfung. Nun präsentierte die Arztgattin gleich zwei Zeuginnen, welche ihre Darstellung vor der Staatsanwaltschaft im Wesentlichen bestätigten. Doch keine zwei Wochen später ging bei der Behörde ein Schreiben der zweiten Zeugin ein: Nun teilte sie mit, sie sei weder vor Ort gewesen, noch könne sie die Beschimpfung bestätigen. Sie habe erst den Schilderungen der Arztgattin geglaubt und sei empört gewesen. Deshalb habe sie auf deren Bitte die Aussage gemacht. Ihren Rückzieher begründete sie damit, dass sie die Beschuldigung nicht mit ihrem Gewissen vereinbaren könne. Bei der ersten Zeugin handelt es sich um eine Frau aus dem Raum Dortmund, wo das Arztehepaar über 30 Jahre gelebt hat. Auffällig: Diese Frau hat auch in einem anderen Rechtsstreit mit konträren Aussagen für die Arztgattin ausgesagt.

Die Staatsanwaltschaft stellte das Verfahren allerdings per Verfügung ein. In dieser, die der AZ vorliegt, kam sie zum Schluss: «Es ergaben sich objektiv betrachtet nicht unerhebliche Zweifel an der Richtigkeit der Ausführungen der Privatkläger.»

Die Aussagen der Zeugen seien derart vage, dass die Angaben der Privatkläger nicht genügend untermauert werden. Bei einer Anklageerhebung könne nicht mit einer Verurteilung gerechnet werden. Beim dritten Vorwurf hielt die Staatsanwaltschaft sogar fest, dass Shahs und ihre Zeugin hinsichtlich der angeblichen Anwesenheit der zweiten Zeugin «unwahre Aussagen machten».

Einbruch vorgetäuscht

Die Geschichte erinnert an einen Einbruch, den Shah 2005 in seinem damaligen Wohnort in Schwerte bei Dortmund vorgetäuscht und dazu Rechnungen gefälscht hatte. Der Versicherung meldete er dabei den Diebstahl von medizinische Gerätschaften und zwei Lithografien des berühmten spanischen Malers Juan Miró. Den Wert gaben er und seine Frau mit 35'000 Euro an. Ein Gericht erkannte allerdings zwei Kaufbelege für Praxisgeräte aus dem Jahr 1991 als Fälschungen. Die Adresse des Herstellers enthielt fünfstellige Postleitzahlen – obwohl diese erst 1993 eingeführt wurden. Ein Mitarbeiter fand an jener Adresse stattdessen einen Bauernhof vor.

Das letzte Kapitel in der Geschichte um die Beschimpfung ist noch nicht geschrieben. Der Skandalarzt und seine Frau haben Beschwerde gegen die Einstellungsverfügung der Staatsanwaltschaft eingereicht. Die Verfügung ist somit noch nicht rechtskräftig. Nun muss sich auch das Aargauer Obergericht mit der Sache befassen.

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