Milizsystem unter Druck

Tegerfelden gehen die Ammänner aus — die Gemeinde ist im Aargau kein Einzelfall

Die Amtsdauer von Ammännern wird immer kürzer – auch in Tegerfelden. Der Grund liegt aber nicht aber nicht an den Gemeindestrukturen.

Die Amtsdauer von Ammännern wird immer kürzer – auch in Tegerfelden. Der Grund liegt aber nicht aber nicht an den Gemeindestrukturen.

Das Surbtaler Dorf sucht innert sechs Jahren zum dritten Mal einen neuen Gemeindevorsteher. Ist das Zufall? Und wie sieht es bei Aargauer Gemeinden insgesamt aus mit der Besetzung der Gemeinderatsämter?

Letzten Sonntag: In Tegerfelden legten die Stimmbürger nicht nur ihre Ständerats-, Nationalrats- und Regierungsratsempfehlungen in die Urne. Die Stimmberechtigten waren auch aufgerufen, einen neuen Gemeindeammann zu wählen. Doch zu einer Wahl kam es nicht. Kein Kandidat hatte sich zur Wahl aufstellen lassen. Die Stimmen verteilten sich auf einige wenige. 

Nötig wurde dies, weil Lukas Baumgartner Ende März seinen Rücktritt bekannt gegeben hatte. Der Inhaber des Familien eigenen Weinguts begründete seinen Entscheid mit beruflicher Überbelastung.

In Tegerfelden wiederholt sich somit die Geschichte: Innert weniger Jahre sucht die Gemeinde zum dritten Mal einen neuen Ammann. Erwin Baumgartner (2013) und Peter Hauenstein (2017) gaben ihr Amt ebenfalls aus geschäftlichen Gründen ab. Was sie verbindet: Alle drei hatten oder haben leitende Funktionen inne und passen in das Schema des durchschnittlichen Schweizer Milizpolitikers.

Dieser ist zwischen 40 und 64 Jahre alt, männlich, weist einen hohen sozialen Status aus und ist in seiner Gemeinde verwurzelt und gut vernetzt. Beinahe die Hälfte hat einen tertiären Bildungsabschluss, also etwa eine Universität oder eine Fachhochschule besucht. Das ist dem Buch «Milizarbeit», das der Schweizerische Gemeindeverband in diesem Jahr herausgegeben hat, zu entnehmen.

Die Gemeinde befindet sich in bester Gesellschaft

Tegerfelden ist kein Einzelfall: Die Amtsdauer von Ammännern wird tatsächlich immer kürzer. Die Zeiten, in denen Personen ihr halbes Leben in der Exekutive verbrachten, nehmen ab, wie eine Studie vom Zentrum für Demokratie Aarau aufzeigt.

Durchschnittlich steht im Aargau – wie im Zurzibiet – ein Ammann noch rund fünf Jahre an der Spitze der Gemeinde. Der Letzte, der in Tegerfelden sein Amt länger ausübte, war Hans Wanner. Der heutige Ensi-Direktor stand zehn Jahre an der Spitze der Gemeinde.

Das Milizsystem ist das Fundament der Schweiz. Doch es hat zu kämpfen: Die Hälfte der Gemeinden tut sich schwer damit, ihre Gemeinderäte zu besetzen. Das Problem sei chronisch, kommt Projektleiter Markus Freitag, Politikwissenschafter an der Uni Bern und Herausgeber der Erhebung, zum Schluss. Auch der Aargau bleibt von diesem Trend nicht verschont. Die Rücktritte in der laufenden Legislatur sind beträchtlich. 17 Gemeindeammänner, 26 Vizeammänner und 73 Gemeinderäte haben ihr Amt seit 2018 niedergelegt.

Gegenwart zeigt ein trübes Bild

Tegerfelden befindet sich also in bester Gesellschaft. Doch was dagegen tun? Aus dem Ärmel lassen sich neue Kräfte nicht schütteln. Die Gegenwart zeigt ein trübes Bild. An der Ersatzwahl von letztem Sonntag meldete sich kein offizieller Kandidat bzw. keine offizielle Kandidatin. Die vereinzelten Stimmen entfielen teils auf Personen, die früher bereits einmal im Gemeinderat sassen.

Die Wahrscheinlichkeit, dass sie sich für das Amt zur Verfügung stellen werden, erachtet Pascal Zöbel (SVP) daher als gering. Der Vizeammann hat ad interim den Vorsitz von Lukas Baumgartner übernommen. «Wir können Leute nicht in ein Amt zwingen», sagt der 33-jährige Landwirt. Trotzdem wird der Gemeinderat nun aktiv. Er sucht mit den Personen, die auf dem Stimmzettel des ersten Wahlgangs standen, in diesen Tagen das Gespräch, um bei ihnen den Puls zu fühlen.

Nächste Rücktritte bereits angekündigt

Pascal Zöbel ist sich der schwierigen Situation bewusst. «Während sich für eidgenössische und kantonale Parlamente jeweils genügend Kandidaten melden, werde es auf Gemeindeebene zunehmend schwieriger», bedauert er.

Vor allem deshalb, weil Tegerfelden über intakte Strukturen und ein gesundes Dorfleben verfüge, sagt Zöbel. Doch je kleiner ein Ort, umso geringer sei die Auswahl. Das trifft auch auf das Dorf mit den knapp 1200 Einwohnern zu.

Zöbel ist dennoch zuversichtlich, dass sich für den zweiten Wahlgang am 24. November noch Interessierte melden werden. Bis kommenden Mittwoch haben sie Zeit, ihre Kandidatur offiziell einzureichen. Doch selbst wenn sich Personen finden sollten, wird Tegerfelden das Thema aber weiterhin beschäftigen. Mit Pascal Zöbel und Marius Erdin haben bereits jetzt zwei Mitglieder ihren Rücktritt auf Ende der laufenden Legislatur angekündigt.

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Autor

Daniel Weissenbrunner

Daniel Weissenbrunner

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