Giulio und Mathias (Namen geändert) sind fast gleich alt. Sie kennen sich nicht, doch am selben Tag und am selben Ort hat innert einer Dreiviertelstunde ein Laserstrahl das Leben von beiden zumindest vorübergehend einschneidend verändert. Es war an einem Sonntag im Mai dieses Jahres. Schönes Wetter hatte Giulio und Mathias unabhängig voneinander zu einer Motorradfahrt in den Schwarzwald gelockt. Auf der Heimfahrt waren sie zwischen Schneisingen und Ehrendingen in eine Lasergeschwindigkeitsmessung der Polizei geraten.

Um 11.48 Uhr wurde eine 800er-Kawasaki mit 147 km/h auf dem Tacho gemessen. Im Sattel sass der 53-jährige Giulio. Um 12.32 Uhr erfasste das Lasergerät eine BMW-1200-Enduromaschine mit einer Geschwindigkeit von 173 km/h, am Lenker der 52-jährige Mathias. Beiden Fahrern wurde der Führerausweis auf der Stelle abgenommen und die Maschinen wurden beschlagnahmt. Zwei Wochen später waren die Motorräder ihren Besitzern zurückgegeben worden. Die Führerausweise sind sie immer noch los. Und das hat – nebst den strafrechtlichen Sanktionen – für beide einschneidende Folgen.

Massive finanzielle Einbussen

Dem Ersuchen um verkürztes Verfahren von Mathias, der sein Vergehen unumwunden zugegeben hatte, war stattgegeben worden. Wegen qualifizierter grober Verkehrsregelverletzung hatten sich die Staatsanwältin und er auf 15 Monate Freiheitsstrafe bedingt und 2500 Franken Busse als Sanktion geeinigt. Dies wurde gestern vor dem Bezirksgericht Zurzach unter Leitung von Cyrill Kramer zum Urteil erhoben.

In der vorgängig kurzen Befragung von Mathias stellte sich heraus, dass die – nach Toleranzabzug – Überschreitung der signalisierten Höchstgeschwindigkeit um 88 km/h massive Auswirkungen auf die Erwerbstätigkeit des 52-Jährigen hat. Seit 30 Jahren bei derselben renommierten Firma als Verkaufsleiter im Aussendienst in der ganzen Schweiz tätig, ist Mathias aufs «Billett» angewiesen.

Als es weg war, hat die Firma zwar extra für ihn eine Innendienst-Stelle geschaffen, was aber mit einer Lohnkürzung um 25 Prozent verbunden ist. Zudem fallen Provisionen und Bonus zwischen 18 000 und 20 000 Franken weg. Bezahlen muss Mathias nebst der Busse auch die Untersuchungskosten und Anklagegebühr in Höhe von rund 2400 Franken; die Verhandlungskosten fallen bei einem verkürzten Verfahren mit 1000 Franken relativ gering aus.

Die Verhandlung gegen Giulio fiel, mit den Plädoyers von Anklägerin und Verteidigerin, rund dreimal länger aus. Seit 35 Jahren lebt der Italiener in der Schweiz und spricht doch kaum Deutsch. Verheiratet und Vater von drei erwachsenen Kindern, arbeitet er als Maurer seit 26 Jahren in derselben, auf die Sanierung von Tunnels spezialisierten Firma. Seine auf die ganze Schweiz verteilten Einsatzorte erreichte er jeweils mit einem Firmenwagen. Ohne Führerschein ist Giulio jetzt vollständig auf die Unterstützung durch Kollegen angewiesen. Immerhin musste er keine finanziellen Einbussen hinnehmen.

«Bin alles andere als ein Raser»

Er sei, betonte der bis dahin auch im Strassenverkehr bestens beleumundete Giulio vor Gericht, «alles andere als ein Raser». Auch er leugnete nichts, betonte jedoch, er habe nur kurz das Gas aufgedreht, «auf, wie ich dachte, 100 bis 120 km/h. Ich sass erst zum zweiten Mal auf der Maschine und es war mir nicht bewusst, dass sie so rasch so schnell wird.» 63 km/h zu schnell waren es.

Laut Gesetz ist eine Überschreitung von mehr als 60 km/h ausserorts mit einer Freiheitsstrafe von mindestens einem Jahr zu ahnden. Die Staatsanwältin forderte 14 Monate bedingt und 2000 Franken Busse. Die Verteidigerin betonte, Giulio habe weder vorsätzlich gehandelt noch andere Verkehrsteilnehmer ernsthaft in Gefahr gebracht; eine bedingte Geldstrafe von 10 000 Franken und 2500 Franken Busse seien angemessen. Das Gericht aber folgte einstimmig dem Antrag der Anklägerin. Nebst Busse, Anklage- und Untersuchungskosten muss Giulio 2500 Franken Verhandlungsgebühr berappen – summa summarum also einiges mehr als die 5000 Franken, die er monatlich verdient.