Meine Mutter hielt wenig von Politik. Mag sein, weil sie als Deutsche die Hitlerzeit erlebt hatte und später wegen der Währungsreform fast ihr ganzes mühsam Erspartes verlor. Ich habe – leider – nie mit ihr über die Gründe für ihre Abneigung gesprochen. Ob sie als junge Frau im Schwarzwald je zur Wahl gegangen ist? Item: Dass die Frauen hierzulande erst 1972 das Stimmrecht bekamen, hat sie herzlich wenig beschäftigt, und wenn ich mit dem Vater über Politik diskutiert oder eher gestritten habe, hätte sie sich wohl am liebsten die Ohren zugehalten.

Um Frauen und deren spezielle Anliegen ging es dabei selten – sie standen ja auch kaum zur Wahl. Politik war Männersache – eine obskure «göttliche Ordnung» wollte es so. Gottlob hat sich seither einiges getan. Ich hab mich jedenfalls höllisch gefreut, als ich erfuhr, wie viele Frauen im Zurzibiet für ihre Rechte eintreten und das am Frauenstreik mit ihren bunten Aktionen auch öffentlich gezeigt haben. «Helvetia wach auf – beweg Dich»! dieser Schlachtruf scheint zu wirken. Noch nie haben sich so viele Frauen für einen Nationalratssitz beworben wie diesmal, und der Aargau macht dabei für einmal keine Ausnahme.

Trotzdem braucht es Mut, sich ins Getümmel um einen Nationalratssitz zu stürzen. Im Bezirk Zurzach sind es gerade zwei Frauen, die sich trauen: Claudia Hauser, die Grossrätin von der FDP aus Döttingen, und Elena Flach, die Präsidentin der SP-Sektion Zurzach aus Rekingen. «Ganz beachtlich» findet man das beim Verein «Zurzibieter Frauen», und ich staune: Sieht so in meiner einstigen Heimat die viel beschworene «Frauenpower» aus?

Die Frage geht an Claudia Hauser. Sie beschwichtigt: Frauen hätten durchaus Chancen, aber sie müssten erstens auch selbst laut sagen, dass sie kandidieren wollten. Und zweitens sei die Konkurrenz natürlich besonders gross in einem wählerschwachen Bezirk mit der Aussicht auf wenige Sitze.

Stimmt. Also vergesse ich für einmal SVP und CVP. Grossrätin Hauser hat jedenfalls den Sprung auf die FDP-Liste locker geschafft. Und in Wahlkämpfen hat sie Erfahrung. «Nah bei den Leuten sein», heisst ihr Motto, sich vernetzen, ein paar Flyer und Inserate reichten heute nicht mehr. So wird denn die 51-jährige Finanzexpertin in den nächsten Wochen durch die Gemeinden tingeln und hart daran arbeiten, dass es mit Bern im dritten Anlauf endlich klappt. Verglichen damit kann Elena Flach den Wahlkampf entspannter angehen. Niemand erwartet von der 27-jährigen Sozialdemokratin, dass sie im ländlich-konservativen Umfeld einen Sitz holt. Aber Übung macht die Meisterin, und möglichst viele Stimmen zu sammeln ist schliesslich auch ein Ziel.

Frauen (stärker) an die Macht? Aber sicher! Bei 32 Prozent in der grossen Kammer und 13 Prozent im Ständerat ist die Forderung ja nicht vermessen. «Bundesrätin werde ich wohl nicht mehr», hat Claudia Hauser in einem früheren Interview einmal scherzhaft gemeint, vielleicht aber reicht es zur ersten Nationalrätin des Bezirks Zurzach?

Ich selbst habe mich von der Politverdrossenheit meiner Mutter übrigens nicht anstecken lassen: Wählen und abstimmen sind für mich Pflicht. Und einmal habe ich sogar kandidiert: Mit Anfang zwanzig als Parteilose für den Einwohnerrat in Wettingen. Gereicht hat es für den 1. Ersatzplatz. Und für ein nettes Foto im Wahlprospekt.