Bad Zurzach

Vom Banker zum Priester: Andreas Stüdli ist der neue katholische Pfarrer im Verenamünster

Etwas versteckt hinter dem Verenamünster, der geschichtsträchtigen Kirche von Bad Zurzach steht das alte katholische Pfarramtshaus. Eine halbhohe Mauer grenzt das Grundstück ab und lässt den Besucher dennoch durch das unverschlossene Tor eintreten. Kurzes Überlegen, ob man an der Ziehglocke klingeln soll, schon öffnet der neue Herr des Hauses. Pfarrer Andreas Stüdli steht mit interessiertem Blick und einem gewinnenden Lächeln in der Tür. Seit Ende letzten Jahres ist der 50-jährige Priester hier zu Hause und leitet die Kirchgemeinde, die rund zwei Jahre keinen festen Pfarrer mehr hatte.

«Sie können mich gerne googeln», sagte er am Telefon, als wir einen Termin für das Gespräch vereinbarten. Also google ich. Vom Diakon Andreas Stüdli, der seine Arbeit in Baden aufgenommen hat, ist da die Rede. Davon, dass er ein Quereinsteiger sei und schon einigen Berufen nachgegangen ist. In einem früheren Artikel gibt er als Schüler des Priesterseminars St. Beat in Luzern Auskunft, weshalb sich wohl nur noch so wenige für den Pfarrberuf entscheiden. Von der Priesterweihe in Solothurn im Juni 2017 wird geschrieben. Und schliesslich von der Willkommensfeier in Bad Zurzach.

Andreas Stüdli entspricht nicht dem gängigen Klischee eines katholischen Priesters. Mit seinem Kinnbärtchen, der modernen Brille, in Stoffhose, Turnschuhen und Strickjacke wirkt er eher wie ein Jugendarbeiter. Wohl fühlt er sich aber auch in seiner Priesterkleidung oder dem Messgewand. Allerdings muss der Anlass dazu stimmen. So will er sich von der Fotografin nicht im Gewand ablichten lassen. «Diese feierliche Bekleidung gehört in die Messe», sagt er. Ansonsten zieht er sich eher leger an. «Ich bin auch immer mit dem Velo unterwegs.»

Im Büro im Pfarramt, hinter den dicken Mauern, beginnt er von seinem Werdegang zu erzählen. Überraschend ist sein Lebenslauf. Aufgewachsen ist Stüdli im thurgauischen Weinfelden in einer reformierten Familie. Die Grosseltern bewirtschafteten einen Bauernhof, er machte eine KV-Lehre in einer Grossmüllerei. In der Freizeit engagierte er sich in der reformierten Jugendarbeit. Eines Nachts erwachte der 17-Jährige und wusste: ich werde irgendwann Theologie studieren. Doch bis dorthin sollte es ein langer, ein sehr langer Weg werden.

Jakobsweg als prägende Erfahrung

Nach dem KV war Stüdli fünf Jahre bei einer Privatbank in Zürich tätig. Eine spannende Erfahrung, aber nicht das, «was mein Herz wollte». Deshalb machte er die Matura in der Erwachsenenbildung und schrieb sich an der Uni ein. Doch es war zum Erstaunen seines Umfeldes nicht Theologie, sondern Medizin. «Mir fehlte der Mut », sagt Stüdli heute. Es sei zu früh gewesen. Und überhaupt interessiert ihn vieles. Parallel zum Studium arbeitete er als Pflegefachmann auf einer Onkologie-Station, um seinen Lebensunterhalt zu verdienen. «Es gefiel mir in der Pflege, und ich konnte mir gut vorstellen, Arzt zu werden. Und doch war da der Wunsch nach mehr», umschreibt Stüdli seine Gefühle von damals. 2007 nahm er sich eine Auszeit und machte sich auf die Pilgerreise nach Santiago de Compostela. Zweieinhalb Monate war er auf dem Jakobsweg unterwegs, hatte Zeit für seine Gedanken. «Ich habe meinen bisherigen Lebensweg nochmals abgeschritten.» Mal sei er stundenlang durch die Einöde gewandert, um plötzlich wieder in ein fruchtbares Tal zu kommen. Immer Richtung Westen. Richtung Sonnenuntergang. Eine Spanierin hat ihm erklärt, der Weg nach Compostela sei der Weg zu einem Ende, zum Untergang von etwas. Der Weg nach Hause zurück, ein Weg zum Sonnenaufgang, zu etwas Neuem.

Das Neue sollte bald kommen. Zurück in der Heimat, arbeitete Stüdli parallel zum Spitalalltag als Pflegefachmann auch als Flugbegleiter bei der damaligen Swissair und späteren Swiss – ein Wunsch, den er schon lange in sich getragen hatte. Er wollte die Welt entdecken. Neues kennen zu lernen war ihm wichtig.

Alles geht sehr schnell

Auf einem Flug von Zürich nach New York erzählte ihm eine Arbeitskollegin von einem katholischen Kirchenchor und fragte Stüdli, ob er mitsingen wolle. Man brauche kräftige Männerstimmen. Dass er reformiert sei, spiele keine Rolle. Er sagte zu und erlebte in der katholischen Kirche erstmals eine Liturgie. «Da hatte ich das unglaublich starke Gefühl von Heimkommen. Das war’s! Da gehörte ich hin!»

Dann ging alles schnell: Der Thurgauer wird in der Osternacht 2010 im Alter von 42 Jahren gefirmt – und tritt im Herbst des gleichen Jahres ins Priesterseminar ein. Sein fünfjähriges Studium absolviert er in Luzern, in Fribourg und Paris. Anschliessend Pastoralassistenz im Pastoralraum Frauenfeld und Diakon in der Pfarrei Baden-Ennetbaden. Am Dreifaltigkeitssonntag, am 11. Juni 2017, wird er schliesslich in der Bistumskathedrale in Solothurn vom Bischof von Basel, Felix Gmür, zum Priester geweiht.

Stüdli hat seinen Traum verwirklicht. Einer, den nicht alle verstanden. «Meine Eltern trauten sich nicht, jemandem von meinem beruflichen Entschluss zu erzählen.» Es war die Zeit der fetten Schlagzeilen zu sexuellen Missbräuchen in der katholischen Kirche. Konnte ihr Sohn nicht einen «normalen Beruf» ausüben wie Bankangestellter, Arzt oder Lehrer? Er konnte nicht – nicht mehr. Für ihn war es klar, dass er zum Priester bestimmt war. «Und heute kann ich jeden Tag Ja sagen zu dem, was ich tue. Was will man mehr?»

Und eine eigene Familie? Er muss sich jetzt als Priester an den Zölibat halten. Für junge katholische Pfarrer sei das wohl schwieriger. «Natürlich ist eine eigene Familie eine grosse Lebenserfahrung. Aber ich habe hier mit meiner Kirchgemeinde eine Art Familie gefunden.»

Auch der Widerstand der Eltern und die Fragen der Freunde sind gewichen. Der Vater ist vor ein paar Jahren gestorben, aber zum Schluss hat er die Entscheidung des Sohnes mitgetragen. Und die komplette Abneigung der Mutter wandelte sich in liebevolle Unterstützung. An der Priesterweihe hat sie ihm das Messegewand übergeben. Ab und zu kommt sie in eine Messe ihres Sohnes. Seit Dezember also ins Verenamünster nach Bad Zurzach.

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