Gilberte de Courgenay

Was diese Würenlinger mit der bekanntesten Wirtstochter der Schweiz verbindet

Nicole Fricker mit ihren Eltern Maurice André Montavon und Iréne: Sie singt, er sammelt Artikel über seine Grosscousine.

Nicole Fricker mit ihren Eltern Maurice André Montavon und Iréne: Sie singt, er sammelt Artikel über seine Grosscousine.

Musik bestimmt das Leben von Nicole Fricker. Genauer der Gesang. Und das ohne jede Übertreibung. «Es gibt keinen Tag, an dem ich nicht singe», sagt die 55-Jährige. Fricker tritt mit der Operettenbühne Bremgarten auf. Sie ist Mitglied der Schola Cantorum Wettingensis, des Classic Pop Jazz Chors Vocalino, sie ist Kantorin in Zürich. Darüber hinaus singt sie an ihrem Wohnort Würenlingen im Kirchenchor, wo sie auch Vizepräsidentin der Kirchenpflege ist und im Pfarreirat sitzt. Gesangsunterricht nimmt die ehemalige Pharma-Assistentin bei Christa Gygax, der Mutter des früheren Fussballprofis Dani Gygax.

Dass Fricker ein musikalisches Gen erhalten hat, ist kein Zufall. In ihrem Familienstammbaum finden sich Pianisten, Jazzmusiker, Musikprofessoren und die legendärste Serviertochter, welche die Schweiz je gekannt hat: Ihre Cousine dritten Grades war Gilberte Montavon, besser bekannt als Gilberte de Courgenay.

Eine Frohnatur mit grosser Ausstrahlung

Montavon wurde als drittes Kind des Uhrenmachers Gustave und seiner Frau Lucine Montavon 1896 im jurassischen Courgenay geboren. «Als sie zehn Jahre alt war, gab ihr Vater die Uhrenmacherei zugunsten der Führung des Hôtel de la Gare auf», erzählt Daniela Frickers Vater, Maurice André Montavon. Der heute 80-Jährige, der mit seiner Frau Iréne in Effingen lebt, hat seine Grosscousine noch gekannt und erlebt. Wenn ihr Bruder, der berühmte Komponist, Dirigent und Pianist Paul Montavon ein Konzert gab, gehörten er und Gilberte ebenfalls zu den Zuhörern. «Sie war eine Frohnatur mit einer grossen Ausstrahlung», sagt der ehemalige Ingenieur, der im Bereich Dampfturbinen bei Escher Wyss in Zürich, und bei Brown Boveri und Motor Columbus in Baden berufliche Karriere machte.

Gilbertes charismatisches Wesen wurde zum Sinnbild der geistigen Landesverteidigung: Sie ist 18-jährig, als im August 1914 der Erste Weltkrieg ausbricht. Oberbefehlshaber der Schweizer Armee, General Ulrich Wille, schickt Schweizer Truppen in den Pruntruter Zipfel; die Grenzen werden auch in der Ajoie von führenden Mächten bedroht. Courgenay wird bis zum Kriegsende zum Truppentreffpunkt und Ersatzheimat für Tausende Soldaten und Offiziere. Sie begegnen sich im Hôtel de la Gare. «Und Gilberte war deren Schwarm», sagt Maurice André Montavon.

Ins kollektive Gedächtnis des Landes gräbt sich die Wirtstochter schliesslich dank Soldatensänger Hanns In der Gand. Er widmet ihr 1917 das Lied «La petite Gilberte de Courgenay». 1939 erscheint ihre Geschichte auch als Roman und Theaterstück, das am Schauspielhaus Zürich uraufgeführt wird. Und Regisseur Franz Schnyder verfilmt 1941 Courgenays Leben mit Anne-Marie Blanc in der Titelrolle. «Wir wurden immer wieder gefragt, ob Gilberte im Film nicht zu heldenhaft oder sie sogar als verführerisches Mädchen dargestellt wurde», sagt Maurice André Montavon. Das sei nicht der Fall. Man habe nichts verschönert. «Ich habe sie in Natura genauso unbeschwert erlebt.» Nach ihrer Heirat mit dem Kaufmann Ludwig Schneider zieht Gilberte nach Zürich, wo sie 1957 an den Folgen einer Knochenkrebserkrankung stirbt.

An der Wiedereröffnung des Hôtel de la Gare gesungen

Für Maurice André Montavon und Nicole Fricker bleibt ihre berühmte Verwandte in lebhafter Erinnerung, was nicht zuletzt mit der wechselhaften Geschichte des Hôtel de la Gare in Courgenay zusammenhängt. Das Lokal war 2001 nach vierjähriger Schliessung und gründlicher Renovation durch eine Stiftung mit einem Volksfest wiedereröffnet worden.

Für Nicole Fricker ein Tag, der für sie unvergessen bleiben wird: In Anwesenheit von Vertretern der Kantons- und Bundesbehörden wurde ihr die Ehre zuteil, zusammen mit einem Chor «La petite Gilberte de Courgenay» vorzutragen. «Das Lied gehört zu unserer Familie. Es ist zu einem Leitfaden in unserem Leben geworden.» Auch deshalb schlüpft Fricker bis heute in die Rolle der kleinen Gilberte und singt das Lied an Anlässen.

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Autor

Daniel Weissenbrunner

Daniel Weissenbrunner

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