Rheintal+

Wieso sich ETH-Doktoranden aus Nigeria, China und Mexiko für die Megafusion Zurzach interessieren

Der Zusammenschluss zur Gemeinde Zurzach beschäftigte nicht nur die Bevölkerung, sondern auch Doktoranden der renommierten Hochschule.

Sie stammen aus China, Australien, Nigeria oder Mexiko und kommen seit einigen Jahren in das 340-Seelen-Dorf Wislikofen: Auch diese Woche befassen sich rund 20 Doktoranden aus verschiedensten Fachbereichen mit der Grossfusion Rheintal+. Im vergangenen September haben acht Gemeinden dem Zusammenschluss zugestimmt, die auf 1. Januar 2022 in Kraft tritt.

Organisator des Kurses ist die ETH Zürich, eine der weltweit führenden Hochschulen. 2011 organisierte die ETH den Kurs «Winter School» zum ersten Mal, zum siebten Mal nun in der Propstei in Wislikofen. «Es ist wichtig für Wissenschafter, ihren Sandkasten, ihr Labor zu verlassen», sagt ETH-Professor Michael Stauffacher, der den Kurs zusammen mit der Dozentin Bin Bin Pearce durchführt. «Insbesondere, wenn der Mensch im Zentrum ihrer Forschung steht.» Dafür eigne sich die Propstei in Wislikofen besonders gut.

Auch an Infoveranstaltung zur Fusion dabei gewesen

Im Zentrum des Kurses steht die Verbindung zwischen Wissenschaft und Praxis. Stauffacher erklärt: «In Wislikofen vermitteln wir den Doktoranden theoretische sowie methodologische Grundlagen und deren praktische Anwendung, wie sie den Dialog zwischen Wissenschaft und Gesellschaft herstellen können – seit 2016 anhand des konkreten Themas Gemeinde­fusion.»

Die Doktoranden und Masterstudenten setzen sich vor allem mit dem Dorf und der Region auseinander. «Da hier die Fusion beschäftigt, ist sie auch seit einigen Jahren Thema des Kurses», erklärt Stauffacher. An verschiedenen Veranstaltungen des zweiwöchigen Kurses können die Doktoranden den Kontakt zur Bevölkerung herstellen. Als Glücksfall bezeichnet der ETH-Professor, dass die Doktoranden in den vergangenen Jahren auch in Projektarbeitsgruppen beisitzen oder an Infoveranstaltungen teilnehmen durften.

Grosser Tag im Dezember 2019: Die Gemeindeammänner unterzeichen in der Propstei Wislikofen den Fusionsvertrag.

Grosser Tag im Dezember 2019: Die Gemeindeammänner unterzeichen in der Propstei Wislikofen den Fusionsvertrag.

Jedes Jahr beschäftigen sich die Doktoranden mit einer bestimmten Fragestellung. 2019 waren es die Auswirkungen des Zusammenschlusses auf Wislikofen. «In diesem Jahr steht die Frage im Zentrum, wie es nach dem gefällten Entscheid weitergeht und was mögliche Schwierigkeiten sein könnten», sagt Stauffacher.

Es habe sich bereits herauskristallisiert, dass es gemeinsame Anlässe braucht, um so die verschiedenen Ortschaften der neuen Gemeinde Zurzach zusammenzubringen. «Die Doktoranden liefern dabei keine Antworten auf komplexe Fragen», sagt Stauffacher. «Sie können aber eine neutrale Perspektive von aussen bieten sowie Inputs und Impulse geben oder der Bevölkerung eine neutrale Plattform bieten, um sich austauschen zu können.»

Offenerer Umgang mit Projekt dank Doktoranden

Für den Wislikofer Ammann Heiri Rohner ist der Austausch mit den Doktoranden eine Bereicherung für das Dorf. «Es ist immer wieder spannend, wie sie mit ihrer Aussenperspektive unsere Gemeinde und die Region wahrnehmen», sagte Rohner am Rande einer Diskussionsrunde mit den Doktoranden, zu der er auch die Bevölkerung geladen hatte. Die Inputs der Wissenschafter würden jeweils mit Interesse aufgenommen. «Die Doktoranden sind zudem sehr positiv an das Thema Fusion herangegangen», sagt Heiri Rohner. Das half sicher auch dabei, dass die Bevölkerung sich so offen dem Projekt gegenüber zeigte», glaubt er.

Dass so ein direktdemokratischer Prozess überhaupt möglich ist, beeindruckte viele Doktoranden. Ivo Kashimana etwa sagte: «Unsere Regierung in Nigeria kümmert sich nicht um die Meinung des Volkes.» Dem stimmte Xin Cheng aus China zu. Sie habe grossen Respekt vor dem ganzen Projekt, gab aber auch zu bedenken: «Um die Region als Ganzes entwickeln zu können, müssten doch alle mitmachen.»

Brockton Feltmann aus den USA konnte die Ablehnung verstehen: «Je kleiner ein Dorf ist, desto wichtiger ist doch jede einzelne Person.» Die Melliker Gemeinderätin Conny Fuchs stimmte dem zu. Die Chilenin Sofia Vargas fand schliesslich lobende Worte für die direkte Demokratie: «Das Nein einer Minderheit wäre bei uns so nie akzeptiert worden.»

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