Blick ins Zurzibiet
Ausgefiebert im Zurzibieter Wahlherbst

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Langsam verebbt sie, die Wahlwelle, die uns diesen Herbst viele entschlossene Kandidierende ins Gedächtnis spülte. Denn in unsere Hirnwindungen sollten sie sich auch einbrennen, um dann am grossen Tag via Kugelschreiber zu einem x stilisiert wieder auf einem der vielen Wahlzettel zu landen – diese Menschen, die sich für die Gesellschaft engagieren und sich freiwillig in ihren Dienst stellen wollen.

48 Mutwillige aus unserer Region steckten sich das hehre Ziel Grossrat, 7 konnten punkten – nebst den üblichen Verdächtigen schaffte es selbst jemand, die das so gar nicht auf ihrem Plan hatte und eben erst politische Luft als frischgebackene Gemeinderätin schnupperte. Anfänglich dachte die Gewählte noch an eine Falschmeldung, nun wird sie Anfang Jahr bereits für uns in Aarau im Grossratssaal sitzen – so schnell kann’s gehen, wenn man sich zur Wahl stellt.

Nun hoffen wir, dass unsere sieben in Aarau auch Taten auf ihre plakativen Worte folgen lassen, wenn sie im neuen Jahr ihren Mann und ihre Frau stehen müssen. Ja, man staune, diesmal haben’s doch zwei Frauen ins Siebnergrüppli geschafft, und das, obwohl sich angeblich in unserer Mitte keine Frauen finden liessen. Dabei boten die Wahlzettel der Parteien doch diesmal eine fast ausgewogene Genderbesetzung – mit der Ausnahme, wo nur eine Frau mit sechs Jungs am selben Strick ziehen durfte.

Apropos sieben – am letzten Wahlsonntag wurde noch um den letzten Sitz im Siebnergremium unserer neuen Fusionsgemeinde Zurzach gefiebert. Zwei Frauen und fünf Männer werden dort die nächsten vier Jahre die kommunalen Geschicke in die Hand nehmen. Auffallend, dass nebst einem nicht ganz ausgeglichenen Frau-Mann-Quotient, der Altersdurchschnitt über 50 deutlich übervertreten und die junge Generation unter 40 Jahren gar nicht vertreten ist, obwohl sich explizit eine junge Gemeinderätin aus Baldingen aufstellen liess. Ob es an den Wählenden liegt?

Interessant ist auch, dass wir noch immer den Frauenanteil der jeweiligen Räte zählen und es uns auffällt, wenn beispielsweise wie neu in der Gemeinde Tegerfelden dort drei Frauen die Oberhand haben. Gleichzeitig fällt es uns hingegen kaum auf, dass fünf Männer die Zügel in der Hand haben wie zurzeit (noch) in Kaiserstuhl. Zu den 115 Personen, die in den Gemeinderäten unserer Region tätig sind, zählen 34 Frauen, und nur die männlichen Vertreter leiten den Vorsitz. Warum diese Schieflage?

Nun, offenbar reicht ein halbes Jahrhundert Frauenstimmrecht noch immer nicht aus, um eine Vorbildfunktion und Selbstverständlichkeit der Frauen in politischen Ämtern zu etablieren. Dabei ist wissenschaftlich längst erwiesen, dass gleichgestellte Teams wirtschaftlich wie auch gesellschaftlich die optimale Besetzung sind und in dieser Konstellation bessere Resultate liefern als gleichgeschlechtliche Gruppierungen.

Ein spannendes Projekt, das in diese Richtung zielt und sich der politischen Förderung verschreibt, ist «engage». Die Surbtaler Gemeinden und Würenlingen haben es unlängst in Angriff genommen. Jugendlichen soll aufgezeigt werden, wie politische Mitwirkung funktioniert und wie sie ihre politischen Rechte in ihrer Gemeinde wahrnehmen und ausüben können. Ein sinnvolles Projekt, das hoffentlich bei den jungen Menschen die Lust an der gesellschaftlichen Mitgestaltung weckt und ihnen den Weg zur politischen Teilhabe bahnt.

Es ist wichtig, dass wir von unserem demokratischen Wahlrecht Gebrauch machen – unsere Stimme zählt und kann einiges in Bewegung bringen. Ein Blick aufs aktuelle Wahlgeschehen über dem grossen Teich zeigt, was Wahlteilnahme bewirken kann. Politisches Handeln und Teilhabe aller Generationen gelingt nur dann, wenn wir unsere Kräfte bündeln und zusammen das Beste für unser gesellschaftliches Miteinander aktiv ausloten. Dafür müssen wir alte Zöpfe abschneiden, uns aus den verstaubten Rollenbildern lösen und uns abseits von eingetretenen Pfaden bewegen – wir haben die Wahl, nach der Wahl ist immer vor der Wahl!

Susanne Holthuizen

Die Kommunikationsdesignerin lebt mit ihrer Familie in Lengnau.

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