Beznau/Leidstadt
Bei einer möglichen AKW-Katastrophe: Deutsche Nachbarn haben keine Fluchtroute für den Notfall

Ein neues Konzept soll bei einem nuklearen Ernstfall in den Reaktoren Beznau und Leibstadt die Verkehrslenkung im Kreis Waldshut regeln. Bis jetzt existiert noch kein Evakuierungsplan.

Daniel Weissenbrunner
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Besorgter Blick in Richtung Schweiz: Bei einem gravierenden Störfall bei Beznau (Bild) oder Leibstadt gäbe es im Landkreis Waldshut keine Fluchtrouten.

Besorgter Blick in Richtung Schweiz: Bei einem gravierenden Störfall bei Beznau (Bild) oder Leibstadt gäbe es im Landkreis Waldshut keine Fluchtrouten.

Sandra Ardizzone

Fast drei Jahre stand der älteste und umstrittenste Schweizer Atomkraftreaktor wegen Sicherheitsbedenken still. Seit vergangener Woche ist Block 1 des AKW Beznau nun wieder am Netz. Die Wiederinbetriebnahme des Meilers auf Döttinger Gemeindegebiet sorgte schweizweit für heftige Reaktionen. AKW-Gegner kritisieren den Entscheid der Nuklearaufsichtsbehörde Ensi. Ihr Vorwurf: Man gebe damit grünes Licht für ein waghalsiges Experiment, das die Gesundheit von vielen gefährde.

Auch auf Deutscher Seite sorgte das Rauffahren des Meilers für Zündstoff. Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann setzt sich nachdrücklich für das Abschalten von Beznau 1 ein.

Im Landkreis Waldshut beschäftigt man sich derzeit auch mit der Frage, wie im Falle einer möglichen Katastrophe, die Bevölkerung evakuiert werden kann. Das Regierungspräsidium Freiburg will nun für den Kreis Waldshut raschmöglichst einen entsprechenden Evakuierungsplan erarbeiten, der bei einem radiologischen Notfall durch die grenznahen Kernkraftwerke Leibstadt und Beznau greifen soll. Wie eine Verkehrslenkung bei einer Evakuierung funktioniert, ist bislang aber noch ungeklärt, schreibt der «Südkurier».

Ernstfall ab 100 Millisievert

Nicht in jedem ausserordentlichen Fall ist aus Behördensicht eine Evakuierung die erforderliche Massnahme, teilt das zuständige Regierungspräsidium mit. Laut den Vorgaben des Katastrophenschutzes kommt eine vorübergehende Räumung erst in Betracht, wenn es aufgrund eines Ereignisses in einem Kernkraftwerk zu einer möglichen Freisetzung von radioaktiven Stoffen kommt, die unter anderem den Richtwert von 100 Millisievert durch Inhalation überschreiten, heisst es.

Die Schweiz und Deutschland haben den Ablauf der Kommunikation diesbezüglich in einem Konzept festgelegt. Sollte es zu einem radiologischen Ernstfall in einem AKW kommen, muss der Betreiber die Meldung an das rund um die Uhr besetzte zuständige Führungs- und Lagezentrum übermitteln. Von dort werden der Katastrophenschutz des Regierungspräsidiums, das Landratsamt Waldshut und die Leitstellen informiert, so die Behörden.

Plan bis Ende Jahr

Bei einem Ernstfall geht das Regierungspräsidium davon aus, dass sich zwei Drittel der Bevölkerung selbst in Sicherheit bringen. Besonders auf der «kritischen Infrastruktur» liegt im Notfallplan das Augenmerk – dazu zählen Krankenhäuser, Altenheime, Schulzentren oder Kindergärten.

Gemäss Regierungspräsidium fehlen für den Landkreis Waldshut bislang die Fluchtrouten. Im Fall einer Evakuierung bestehe keine Verkehrsplanung. Noch dieses Jahr soll durch das Landratsamt Waldshut, das Polizeipräsidium Freiburg und die Stadt ein entsprechender Evakuierungs- und Verkehrsplan erstellt werden. Das Landratsamt bestätigt, dass es Vorüberlegungen zur Verkehrslenkung, zu den Sammelstellen sowie zu den Transportmitteln gibt, die sich im zukünftigen Konzept wiederfinden sollen.

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