Bezirksgericht
Schwere Vorwürfe nach Bewerbungsgespräch: Einem 37-Jährigen droht der Landesverweis

Der Besitzer eines Gastro-Lokals musste sich vor Bezirksgericht Zurzach wegen versuchter Vergewaltigung und sexueller Nötigung verantworten. Er soll dabei die finanzielle Notlage des mutmasslichen Opfers ausgenutzt haben.

David Rutschmann
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Das Urteil des Bezirksgerichts Zurzach erfolgt schriftlich.

Das Urteil des Bezirksgerichts Zurzach erfolgt schriftlich.

Sandra Ardizzone

Für den 37-Jährigen stand viel auf dem Spiel. Der Besitzer eines Gastronomie-Lokals musste sich vor dem Bezirksgericht Zurzach wegen versuchter Vergewaltigung und sexueller Nötigung verantworten. Dreieinhalb Jahre sollte er ins Gefängnis kommen, danach für zehn Jahre des Landes verwiesen werden – ursprünglich kommt er aus dem Bürgerkriegsland Syrien, genauer gesagt aus der noch heute schwer umkämpften kurdischen Region im Norden des Landes. Bei einer Rückführung, sagte sein Verteidiger im Plädoyer, müsste sein Mandant um Leib und Leben fürchten.

Zum Übergriff soll es im vergangenen Mai gekommen sein. Das mutmassliche Opfer hatte bereits zuvor im Lokal des Beschuldigten ausgeholfen. Finanziell stand die damals gerade 18-Jährige nicht gut da, wünschte sich eine feste Arbeitsstelle. Per Whatsapp stellte der Angeklagte ihr eine 50-Prozent-Anstellung in Aussicht, man verabredete sich für den Folgetag.

Das Bewerbungsgespräch soll schnell ausgeartet sein

Das Gespräch in der Küche soll allerdings nicht lange geschäftlicher Natur gewesen sein. Der Angeklagte habe sie bald gefragt, ob sie ihn befriedigen wolle, habe sie näher zu sich gezogen und ihre Schenkel berührt. Als sie sich abwenden wollte, bedrängte er sie gemäss Anklageschrift der Staatsanwaltschaft von hinten, begrapschte sie und zog ihr die Hose herunter.

Seine Versuche, vaginal in die junge Frau einzudringen, blieben erfolglos – weshalb der Vorfall auch «nur» als versuchte Vergewaltigung und sexuelle Nötigung angezeigt wurde. Der Angeklagte soll sich schliesslich selbst befriedigt haben.

Bereits vor einem halben Jahr hatte der Angeklagte der jungen Frau anzügliche Whatsapp-Nachrichten geschickt. Dabei brachte er seinen Wunsch zum Ausdruck, mit ihr Geschlechtsverkehr haben zu wollen. Gegenüber Gerichtspräsident Cyrill Kramer beteuert die Frau, dass sie nicht damit gerechnet habe, dass es «so weit kommt». Als er sich an ihr vergangen habe, habe sie ihm immer wieder gesagt, dass sie das nicht wolle. Weiter habe sie sich nicht gewehrt – in Anbetracht des griffbereit liegenden Küchenmessers fürchtete sie, er könne ihr gegenüber Gewalt anwenden, würde sie sich stärker zur Wehr setzen.

Nachdem er sich befriedigt hatte, soll ihr der Angeklagte eine 100-Franken-Note in den BH gesteckt haben. Sie habe daraufhin die Hose hochgezogen und sei nach Hause gegangen. Noch auf dem Nach-Hause-Weg schickte sie ihm auf Whatsapp Fotos ihrer ID – offenbar war sie trotz des Vorfalls immer noch an einer Festanstellung interessiert.

Der Verteidiger des Angeklagten sah dies als Indiz an, dass die sexuellen Handlungen einvernehmlich waren. Die junge Frau sagte dem Gericht:

«Ich bestreite nicht, dass ich damals Geldprobleme hatte, ich habe keinen anderen Ausweg als diesen Job gesehen. Doch niemals würde ich mich für Geld prostituieren. Ich habe das sicher nicht freiwillig gemacht.»

Ihre Verteidigerin ergänzte, dass dadurch deutlich würde, inwiefern der Angeklagte die finanzielle Notlage ihrer Mandantin ausgenutzt hatte.

Eine Freundin des mutmasslichen Opfers soll Ähnliches erlebt haben

Erst nach einigen Tagen offenbarte sie sich ihrem Partner, den Eltern und Freundinnen. Eine Freundin berichtete, ähnliche Erfahrungen mit dem Gastro-Betreiber gehabt zu haben. «Da wusste ich, dass ich ihn anzeigen muss. Damit darf er nicht ungestraft davonkommen», so die Frau. Sie forderte als Zivilklägerin 4000 Franken Genugtuung. Sie habe seitdem massive Schlafstörung, könne überhaupt nur mit starken Medikamenten schlafen. Hinzu kämen Panikattacken und Flashbacks – manchmal sei es nur schon zu viel, wenn Personen im Supermarkt hinter ihr stünden. Dreimal folgten Aufenthalte in Königsfelden, einmal wegen eines Suizidversuchs.

«Alles einvernehmlich», so der Angeklagte

Der Verteidiger des Angeklagten versuchte, die psychische Vorerkrankung des mutmasslichen Opfers als Beweis anzuführen, um ihre Glaubwürdigkeit in Frage zu stellen. Dabei warfen die verworrenen Aussagen seines Mandanten mehr Fragen über dessen Glaubwürdigkeit auf. Dieser stritt bei den ersten polizeilichen Einvernahmen sexuelle Handlungen ab. Erst später gab er diese zu. Ihre Blicke seien «auffordernd» gewesen, sie habe sich aufreizend auf seinen Schoss gesetzt und ihre Hose heruntergezogen, um ihn zu verführen. Alles einvernehmlich, die 100 Franken ihr «Lohn».

Für seinen Verteidiger ist diese Version und damit die wissentliche oder unwissentliche Falschaussage der Frau nicht weniger glaubhaft – er forderte den Freispruch seines Mandanten. Sollte das Gericht «wider Erwarten» doch eine Verurteilung vornehmen, dann maximal zwei Jahre Freiheitsstrafe bedingt und in Anbetracht des «Härtefalls» seines Mandanten ohne Landesverweis.

Das Bezirksgericht Zurzach verkündet sein Urteil schriftlich, die Urteilsverkündung hat bei Redaktionsschluss noch nicht stattgefunden.

Haben Sie Erfahrungen mit körperlicher, seelischer oder sexueller Gewalt gemacht? Hier finden Sie Hilfe:
https://opferhilfe-ag-so.ch/
Telefon: 062 835 47 90.
Mail: beratungsstelle@opferhilfe-ag-so.ch

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