Bezirksgericht Zurzach
«Er ist ein Schläger»: Rückfälliger Rentner wird wegen übler Nachrede zur Kasse gebeten

Ein 72-jähriger Schweizer behauptete, dass ein Wirt seine Frau schlage. Erstunken und erlogen, sagte der Angeklagte. Das Bezirksgericht Zurzach sah dies anders: Es verurteilte den Mann zu einer unbedingten Geldstrafe.

Louis Probst
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«Scheiss-Österreicher»: Das Bezirksgericht Zurzach (im Rathaus rechts) sah es als erwiesen an, dass der 72-Jährige einen Wirt beleidigt hat.

«Scheiss-Österreicher»: Das Bezirksgericht Zurzach (im Rathaus rechts) sah es als erwiesen an, dass der 72-Jährige einen Wirt beleidigt hat.

Sandra Ardizzone

«Scheiss-Österreicher und der Vorwurf, ich hätte meine Frau ‹verschwartet›: Das geht nicht. Das darf nicht gehen», beschwerte sich der Privatkläger vor Gericht. «Dabei kenne ich diesen Mann ja gar nicht, und ich habe ihm auch nichts getan.» Nachdem ihm die Äusserungen zu Ohren gekommen waren, hatte er Anzeige erstattet.

In der Folge erhob die Staatsanwaltschaft gegen den Urheber der Äusserungen, einen 72-jährigen Schweizer, Anklage wegen übler Nachrede. Weil der Vorfall noch in die Probezeit fiel, in der sich der Beschuldigte nach einer Verurteilung wegen einer anderen Ehrverletzung befand, forderte die Staatsanwaltschaft eine unbedingte Geldstrafe von 50 Tagessätzen zu je 60 Franken als Gesamtstrafe.

Vor Bezirksgerichtspräsident Cyrill Kramer als Einzelrichter erklärten zwei ehemalige Mieterinnen des Beschuldigten als Zeuginnen, dass dieser ihnen beim Einzug geraten habe, das Lokal in der Nachbarschaft, das der Privatkläger führte, besser zu meiden. Der Wirt sei ein Schläger, der seine Frau schlagen würde.

«Alles erstunken und erlogen»

Nachdem sich das Verhältnis der Mieterinnen zum Vermieter offensichtlich stark getrübt hatte, hatten die beiden das Lokal trotzdem aufgesucht. Dabei waren dem Privatkläger die Äusserungen des Beschuldigten zu Ohren gekommen.

«Das habe ich nie gesagt», erklärte der Beschuldigte. Auf die Frage des Gerichtspräsidenten, weshalb denn die Zeuginnen zu diesen Aussagen hätten kommen sollen, meinte er: «Das ist alles erstunken und erlogen.» Er sei aber – vor zehn oder fünfzehn Jahren – nach einer Zivilschutzübung mit Kollegen im fraglichen Lokal gewesen. Dabei habe die Wirtin eine Sonnenbrille getragen, weil sie ein blaues Auge gehabt hätte. Das habe er jedoch niemandem gesagt.

Im Clinch auch mit den Zeuginnen

Zu den Hintergründen, weshalb sich das Verhältnis zu den Mieterinnen – die ihn anfänglich als charmant bezeichnet hatten – rapide verschlechtert hatte, meinte der Beschuldigte hitzig: «Wenn die eine Hunde hat, die alles verscheissen, und sie nicht putzen will, wie soll ich da noch lieb sein?» Mit der zweiten Zeugin sei es zum Streit gekommen, weil sie dauernd die Fenster offen gelassen und gleichzeitig die Heizung voll aufgedreht habe.

Es sei aber nicht so, dass diese Zeugin alles erfunden hätte, räumte er ein. Das alles käme von einer Drittperson. Nämlich jener Person, der er die erste Verurteilung wegen übler Nachrede zu verdanken hatte. «Es ist nicht wahr, dass ich den Privatkläger und seine Beiz schlecht gemacht habe», wehrte sich der Beschuldigte. «Aber dass wir seine Frau mit einem blauen Auge gesehen hatten, das stimmt.»

Die Probleme, die der Beschuldigte mit seinen Mieterinnen gehabt habe, würden ihn nichts angehen, sagte der Privatkläger. Er habe jedoch schon vorher vernommen, dass der Beschuldigte schlecht über ihn und seine Frau geredet habe. Dieser konterte: «Ich habe nie etwas Schlechtes über diese Beiz gesagt. Ich kenne weder die Küche dort noch sonst etwas.»

Schuldig im Sinne der Anklage

Das Gericht sprach den Beschuldigten im Sinne der Anklage schuldig, und es folgte dem Strafantrag der Staatsanwaltschaft. Damit hat der Beschuldigte neben der Geldstrafe von insgesamt 3000 Franken zusätzlich einige tausend Franken an Gebühren zu tragen.

«Auch wenn ein gewisser Groll gegen den Beschuldigten mitschwingt und das Verhältnis getrübt war, ist es nicht denkbar, dass die Zeuginnen ohne einen Hinweis die Äusserungen erfunden haben sollen», erklärte der Bezirksgerichtspräsident zum Urteil. «Es handelt sich auch nicht um ein Komplott gegen den Beschuldigten. Für das Gericht ist es auch plausibel, dass es dem Privatkläger den Hut ‹gelupft› hat.»

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