Bezirksgericht Zurzach
Über 20'000 Kilometer ohne Billet unterwegs: Schwarzfahrer ist nach dem Führerschein auch seine Freiheit los

Der Bezirksrichter verurteilt einen uneinsichtigen Autofahrer zu 12 Monate Haft und über 16‘000 Franken Kosten. Trotzdem kommt er mit einem blauen Auge davon.

Rosmarie Mehlin
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Ins Netz gegangen: Ein Automobilist fuhr jahrelang ohne Führerschein. Auf die Schliche kam ihm die Steuerbehörde.

Ins Netz gegangen: Ein Automobilist fuhr jahrelang ohne Führerschein. Auf die Schliche kam ihm die Steuerbehörde.

Symbolbild/Keystone

Kräftig gebaut, braun gebrannt, beide Arme tätowiert, Millimeterhaarschnitt, kurzer Bart. Seine Heimat ist eine deutsche Hafenstadt an der Ostsee: Benno (Name der Redaktion geändert) könnte glatt als Seemann durchgehen, aber der 47-Jährige ist Strassenbauer.

Seit 13 Jahren arbeitet er in der Schweiz, seit zehn Jahren wohnt er im Zurzibiet. Zu den Baustellen fuhr Benno jeweils mit seinem Privatauto. Seit rund vier Jahren tut er das nicht mehr. Genau genommen hätte er es seit Dezember 2014 nicht mehr tun dürfen: Damals war ihm der Führerausweis auf unbestimmte Zeit entzogen worden. Nichtsdestotrotz hatte Benno sich weiterhin regelmässig hinters Steuer seines Nissans gesetzt, bis er Mitte 2017 erwischt worden war.

Steuerfahnder wird zum Verhängnis

Anfang 2018 hatte das Bezirksgericht Brugg ihn deswegen zu einer bedingten Geldstrafe von 90 Tagessätzen à 160 Franken verurteilt. Doch dann blieb Benno in den Fängen einer Steuerbehörde hängen. Als Deutscher wird ihm eine fixe Quellensteuer erhoben. An eine solche können jeweils nachträglich Abzüge geltend gemacht werden. So etwa beruflich bedingte Autofahrten mit dem Privatwagen, sofern es im massgeblichen Jahr mehr als 20'000 Kilometer waren.

Fürs Jahr 2015 machte Benno zwischen Ende Juni und Ende November 20'142 Kilometer geltend. Er reichte eine detaillierte Auflistung von Fahrten zwischen seinem Wohnort und verschiedensten Destinationen auf – die von Birmensdorf bis Beckenried im Kanton Nidwalden reichten – immer hin und retour.

Ein Steuerbeamter war allerdings nur auf gut 18'000 Kilometer gekommen. Die Angelegenheit – wie sich das für einen Steuerbeamten ziemt – genauer unter die Lupe nehmend, war der Mann dann darauf gestossen, dass Benno mit einem Führerausweisentzug belegt war.

Nunmehr gab es für den einschlägig Vorbestraften kein Pardon mehr: Die Staatsanwältin forderte eine unbedingte Freiheitsstrafe von 12 Monaten sowie den Widerruf der bedingten Geldstrafe vom Bezirksgericht Brugg. Zusammen mit einer Anwältin seiner Rechtsschutzversicherung gelangte Benno zur Einsicht, dass ihm wohl oder übel nichts anderes übrig blieb, als dieses Verdikt zu akzeptieren.

Eine seelische und finanzielle Katastrophe

Ob dieses rechtens ist, musste gestern von Einzelrichter Cyrill Kramer in Zurzach in einem abgekürzten Verfahren überprüft werden. Benno, der eigenen Aussagen zu Folge immer gearbeitet hat, schuldenfrei ist und mit einem Arbeitskollegen eine Wohnung teilt, hat vor einem Monat eine neue Stelle im selben Unternehmen wie der Kumpel angetreten. «So kann ich jeweils mit ihm zu den Baustellen fahren.»

Seine Anwältin hat abgeklärt, dass Benno die Strafe in Halbhaft absitzen, also tagsüber seiner Arbeit nachgehen kann und nur die Abende sowie die Wochenenden hinter Gitter verbringen muss. «Darüber bin ich enorm froh. Müsste ich ganz ins Gefängnis, wäre das für mich seelisch und finanziell eine Katastrophe.» Er könnte die Gelder für die Altersvorsorge nicht zahlen, die Wohnung nicht behalten, und wie es mit der Arbeit weiterginge, wisse er auch nicht. «Dem aktuellen Arbeitgeber habe ich reinen Wein eingeschenkt und er hat mir seine Unterstützung zugesichert.»

Trotz allem mit blauen Auge davongekommen

So betrachtet ist Benno mit einem blauen Auge davongekommen. Denn Richter Cyrill Kramer bestätigte das Urteil. Dazu gehört allerdings auch der Widerruf der bedingten Geldstrafe von 14'400 Franken. Hinzu gesellen sich gut 2000 Franken Anklagegebühr und Gerichtskosten. Die Anwaltskosten hingegen gehen zu Lasten des Staates, so Cyrill Kramer.

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