Bezirksgericht Zurzach
Wirt muss Traum von eigener Dorfbeiz unter Schuldenberg begraben – nach dem Konkurs kommts jetzt noch dicker

Nach der grossen Freude folgte die Ernüchterung: Nach weniger als zwei Jahren musste ein Gastronom die beliebte Dorfbeiz wieder schliessen. Das Bezirksgericht Zurzach verurteilt den 52-Jährigen nun zu einer bedingten Freiheitsstrafe wegen Veruntreuung und Misswirtschaft.

Rosmarie Mehlin
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Nach 22 Monaten musste die beliebte Dorfbeiz in einem kleinen Dorf wieder schliessen. (Symbolbild)

Nach 22 Monaten musste die beliebte Dorfbeiz in einem kleinen Dorf wieder schliessen. (Symbolbild)

Alexandra Wey/Keystone

Im März 2018 herrschte Freude in und um ein kleines Dorf in der Region: Nach langer Durst- (und Hunger-)Strecke wurde die beliebte Dorfbeiz mit Saal endlich wieder geöffnet. Mit Begeisterung wurde Victor (Name geändert) als neuer Eigentümer willkommen geheissen. Doch nur knapp 22 Monate später herrschte Ernüchterung, ja bittere Enttäuschung im Ort: Das Restaurant mit gutem Ruf schloss bereits wieder die Tore.

Als im Januar 2020 der Konkurs über das Unternehmen verhängt wurde, verfügte der 52-jährige Deutsche noch über rund 7600 Franken Aktive. Diesen gegenüber standen Gläubigerforderungen von knapp 502'000 Franken. Victor wurde beschuldigt der Veruntreuung, der Misswirtschaft und der Unterlassung der Buchführung.

In der Anklageschrift sind acht Privatkläger aufgeführt, darunter auch eine Metzgerei, ein Motorradhändler und eine Hausarztpraxis. Beziffert ist nur eine der geschuldeten Summen, jene eines Geschäftsmannes, der Victor zwischen März und Dezember 2018 in sieben Tranchen ein zinsloses Darlehen in Gesamthöhe von 130'000 Franken gewährt hatte.

Mit Darlehen private Rechnungen bezahlt

Das Darlehen war zweckgebunden, wollte Victor damit doch bereits bestehende Bankkredite mit höheren Zinsen tilgen und dadurch mit nur noch einem Gläubiger einen besseren Überblick über seine angespannte finanzielle Situation gewinnen. Statt bestehende Kredite abzulösen, nutzte Victor das Darlehen allerdings direkt zur Begleichung von privaten und geschäftlichen Rechnungen, oder überwies es auf das gemeinsame Konto von sich und seiner Lebenspartnerin.

Er sei ein leidenschaftlicher Gastronom, so Victor vor Einzelrichter Cyrill Kramer am Bezirksgericht Zurzach. Als solcher war er Besitzer eines Catering-Unternehmens, als er im März 2018 – zeitgleich mit der ersten Darlehens-Tranche – besagtes Restaurant übernahm. Auf Budget oder Business-Plan verzichtete Victor und ging Handgelenk mal Pi davon aus, dass ein Tagesumsatz von 2400 Franken für den Betrieb reichen würden. Effektiv jedoch wäre ein Tagesumsatz von mindesten 8000 Franken notwendig gewesen.

Die Staatsanwältin warf dem Beschuldigten denn auch unter anderem «leichtsinniges Benützen von Krediten» sowie «arge Nachlässigkeit in der Berufsausübung» vor. Nicht erst als Restaurant-Besitzer, sondern auch schon ab 2014 als Inhaber des Cateringunternehmens hatte Victor zwar zeitweise ein Kassabuch geführt, jedoch ohne jegliche Buchungen einzutragen. Stattdessen hatte er nur Belege seiner gastronomischen Geschäftstätigkeit aufbewahrt.

Der 52-Jährige hatte sowohl die Beschuldigung der Anklägerin als auch das Strafmass akzeptiert. Somit kam es vor dem Bezirksgericht Zurzach zu einem sogenannten abgekürzten Verfahren, indem Einzelrichter Cyrill Kramer den Vorschlag prüfen musste.

Nach Konkurs folgte der Zusammenbruch

Bei der kurzen Befragung zur Person durch den Richter stellte sich heraus, dass Victor seit vielen Monaten krankgeschrieben ist und noch Taggeld beziehe. Kurz nach der Konkurseröffnung war er zusammengebrochen, drei Monate stationär behandelt worden. Er sagte:

«Ich hatte gerade versucht, bei einer Eventagentur wieder Fuss zu fassen, als der Zusammenbruch kam.»

Zurzeit könne er temporär bei einem Kollegen in einer Badi-Beiz aushelfen. «Ich hoffe, Ende Jahr wieder 80 Prozent arbeiten zu können. Ein Belastungstest der IV ist noch ausstehend.»

Victor, geschieden und bereits Grossvater, möchte am liebsten auch weiterhin im Bereich Gastronomie tätig sein. Wie es denn, so Richter Kramer, zu diesem ganzen Debakel und den enormen Schulden habe kommen können? «Rückblickend war der Grund, dass ich nicht versagen und um jeden Preis gegen aussen etwas darstellen wollte. Ich musste einfach immer weitermachen.» Nein, er habe nie daran gedacht, dass das Ganze strafrechtlich in eine Sackgasse münden könnte.

Cyrill Kramer bestätigte den Schuldspruch und das Strafmass gemäss Anklage und erhob es zum Urteil: Zwölf Monate Freiheitsstrafe bedingt auf zwei Jahre und 2000 Franken Busse, so das Verdikt. Dies sei angemessen, auch weil Victor nicht vorbestraft ist. Schliesslich hielt der Richter noch fest, dass der Verurteilte die Zivilforderungen im Grundsatz anerkennt.