Blick ins Zurzibiet
Schoggihasen und Pessach – oder eine jüdische Geschichte zu Ostern

Jetzt, da ihr an allen Ecken wieder die Schoggihasen entgegenhoppeln, denkt unsere Kolumnistin plötzlich an Pessach, das jüdische Frühlingsfest, das um die gleiche Zeit wie Ostern gefeiert wird.

Ursula Hürzeler
Merken
Drucken
Teilen
Die Synagoge in Lengnau: Hier startet der jüdische Kulturweg.

Die Synagoge in Lengnau: Hier startet der jüdische Kulturweg.

Alex Spichale

«Schreiben Sie nie ohne Not über religiöse Themen» hat mir zwar einst ein Kollege beim Aargauer Volksblatt geraten und er wusste weiss Gott, wovon er sprach: Kurz vor meinem Stellenantritt in Baden hatte nämlich der damalige Redaktor Otmar Hersche die blendende Idee, regelmässige Predigtkritiken zu verfassen. Und – wen wundert’s – damit nicht nur betroffene Pfarrer, sondern auch einen Teil der katholischen Leserschaft vergrault.

Item: Ich möchte von Pessach erzählen und wie ich doch noch ein wenig vom jüdischen Leben mitbekam. Eher spät zwar, denn ich entsinne mich nicht, dass die Zwangsansiedlung der Juden in Endingen und Lengnau während meiner neunjährigen Schulzeit in Zurzach je Thema war, obwohl die beiden Surbtaler Gemeinden in der Nachbarschaft bis ins 19. Jahrhundert schweizweit ja die einzigen Orte waren, in denen sich die Juden niederlassen durften.

Ursula Hürzeler Die gebürtige Zurzacherin ist eine der prägendsten Medienstimmen des Landes. Sie moderierte das «Echo der Zeit» und «10vor10». Hürzeler lebt heute in Bern.

Ursula Hürzeler Die gebürtige Zurzacherin ist eine der prägendsten Medienstimmen des Landes. Sie moderierte das «Echo der Zeit» und «10vor10». Hürzeler lebt heute in Bern.

Alex Spichale

In unserer Klasse gab es kein jüdisches Kind, und so beschränkten sich die interkonfessionellen Erfahrungen darauf, dass wir einmal ein reformiertes Gspänli in die frühmorgendliche Messe im Verenamünster schmuggelten und ihm eine Hostie zum Probieren gaben.

Nicht in einen Kibbuz nach Israel, sondern als Au-pair nach London

Womit ich wieder bei Pessach bin. Die Matze, die ich einst am Seder, am Vorabend des achttägigen Festes, in Tel Aviv ass, schmeckte ganz ähnlich – nämlich nach nichts, ungesäuert eben. Für mich war die ganze Zeremonie mit den biblischen Lesungen zur Flucht aus Ägypten, dem speziellen Essen und dem Wein im Kreis einer Grossfamilie kulturelles Neuland.

Anders als manche meiner Freunde ging ich nach der Lehre als Au-pair nach London und nicht in einen Kibbuz nach Israel, was Ende der Sechziger-, anfangs der Siebzigerjahre in Mode war. Nach der Rückkehr schwärmten die vorwiegend männlichen Volontäre jeweils von der internationalen Kommune-Stimmung und erzählten wie mein Bruder Wädy hauptsächlich von der Mühsal, Eier zu greifen und später die Hühner für den Schlachthof zusammen zu treiben.

Besonders erstrebenswert schien mir das nicht. Ich erinnere mich aber noch gut an den ersten Besuch im jüdischen Friedhof zwischen Endingen und Lengnau: Die hebräischen Zeichen faszinierten mich als Kind genauso wie die Erklärung, dass die bereits uralten, teils verwitterten Grabsteine dort «ewig» stehen bleiben sollten. Lang ist’s her. Seither ist die damals weitverbreitete Sympathie für das tapfere kleine Volk im Nahen Osten einer gewissen politischen Skepsis gewichen, und auch in der Schweiz gibt es Holocaustleugner oder Hakenkreuz-Schmierereien.

Judentum ist inzwischen fixer Bestandteil im Lehrplan 21

Nicht alles habe einen antisemitischen Hintergrund, sagt Roy Oppenheim, der Initiant des jüdischen Kulturwegs, der bei der stattlichen Synagoge mitten in Lengnau beginnt. Oft stecke Unwissenheit, jugendliche Wichtigtuerei dahinter. Er ist deshalb froh, dass die Aufklärung über das Judentum jetzt ein fixer Bestandteil im Lehrplan 21 ist. Das Interesse sei eindeutig gestiegen, findet auch Jules Bloch, einer der letzten jüdischen Einwohner in Endingen und verweist auf die zehntausend Besucher, die jährlich an Führungen teilnehmen.

Dass sich jüngst die eidgenössischen Räte starkgemacht haben für ein nationales Holocaust-Mahnmal, mag er nicht gross kommentieren. Gedenktafeln gebe es schon viele, sagt er, und 75 Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg sei es dafür wohl auch etwas spät. Jules Bloch selbst fühlt sich mit seiner Familie wohl in Endigen und freut sich auf Pessach. Zuerst aber komme noch der traditionelle religiöse Frühlingsputz, sagt er schmunzelnd. Erst nach dem Gespräch fällt mir ein: Ich habe ihn gar nicht gefragt, ob er dabei seiner Frau helfen dürfe.

So oder so: Frohe Ostern für alle und ein schönes Pessachfest!