Döttingen
Das Zurzibiet unter den Füssen von Carlo Janka und Lara Gut

Die Firma Hess & Co aus Döttingen produziert die Skikerne fast aller grossen Marken. Die Bretter der Profis unterscheiden sich deutlich von jenen für Normalsterbliche.

Samuel Buchmann
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Die Firma Hess & Co aus Döttingen produziert die Skikerne fast aller grossen Marken.
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Aus den Stämmen entstehen lange Holzbahnen.
Diese dünnen, flexiblen Holzplatten werden einst Skikerne.

Die Firma Hess & Co aus Döttingen produziert die Skikerne fast aller grossen Marken.

Samuel Buchmann

Heute beginnt wieder das grosse Rasen – an der Skiweltmeisterschaft in Vail und Beaver Creek fahren Carlo Janka, Lara Gut und Konsorten um die Wette. Was die wenigsten Zuschauer wissen dürften: Die Bretter unter den Füssen der Athleten stammen allesamt aus dem Zurzibiet.

Genauer gesagt aus Döttingen. Hier steht nämlich die Fabrik der Hess & Co AG. Sie produziert unter anderem Skikerne aus Holz – und ist darin unangefochtene Marktführerin. Fast alle namhaften Skimarken beziehen ihre Holzkerne aus Döttingen: zum Beispiel Head, Rossignol, Völkl und Atomic. Auch in den Spezialanfertigungen für ihre Rennfahrer verbauen die Hersteller Kerne der Firma Hess. Doch was steckt drin in einem solchen Rennski?

Vom Baum zum Ski

Kurz gesagt: Holz. Es stammt zu 90 Prozent aus regionalen Aargauer Wäldern. Vom Baum bis zum Skikern ist es natürlich ein langer Weg. Er beginnt mit einer Sauna für die Stämme: Drei Tage liegen sie in einem Dampfbad. Dann sind sie feucht genug, um «geschält» zu werden. Das ist nicht etwa nur das Entfernen der Rinde. Vielmehr wickelt eine Maschine die Bäume ab wie ein Spitzer einen Bleistift. Es entstehen lange, dünne Holzbahnen. Weitere Maschinen schneiden diese Platten zu und trocknen sie. In einer Presse werden sie zu riesigen, geschichteten Blöcken, die wieder zu Brettern verschnitten werden. Daraus entstehen schliesslich die Skikerne.

Je nach Modell steckt anderes Holz drin, sind sie dick oder dünn, breit oder schmal. Ein Abfahrtsski ist zum Beispiel aus harten Hölzern wie Buche. Er ist ausserdem sehr dick und fast nicht tailliert. «Das muss er sein, weil die Rennfahrer mit grossem Druck und sehr schnell fahren. Trotzdem muss der Ski wie auf Schienen laufen. Ein flexibler Ski würde flattern wie verrückt», erklärt Jürg Mock, Verkaufsleiter der Hess & Co AG. Er weiss genau, welche Eigenschaften die Hölzer haben und wie man sie am besten kombiniert. Beim Gang durch die Produktionshallen wirft er einen Blick auf einen Zettel an einem Bretterhaufen. «Eine Bestellung der Marke Head: aussen Furnier aus Esche und Oukume, in der Mitte Massivholz. Das könnte ein Ski für Lindsey Vonn sein.»

Die Hersteller betreiben einen unvorstellbaren Aufwand, um «ihren» Athleten das bestmögliche Material zu bieten. Bevor ein Ski den Weg an ein Weltcuprennen findet, wird er mehrere Male getestet und abgeändert. Zudem haben die Profis nicht einfach nur ein paar Ski. «Für jede Disziplin braucht es ein anderes Modell. Manche Fahrer besitzen hundert oder gar mehr», sagt Mock. Es sei für die Hersteller ein wichtiges Geschäft, einen Spitzenfahrer zu sponsern. «Die Absatzzahlen der Marken steigen und fallen mit dem Erfolg ihrer Athleten.»

Dabei sind die Skier der Profis für normale Konsumenten gar nicht erhältlich. Selbst die als «Worldcup-Ski» angepriesenen Modelle sind nur eine Weichei-Variante der Originale. Das sei auch gut so, meint Jürg Mock. Für Normalsterbliche seien die Rennmodelle gänzlich ungeeignet: «Um mit einem echten Abfahrtsski eine Kurve zu fahren, braucht es unheimlich viel Kraft. Das macht keinen Spass.» Skier für die breite Allgemeinheit sind deshalb deutlich flexibler und stärker tailliert. Sie schlucken Unebenheiten besser und ziehen die Kurven fast von alleine.

Holz ist das einzig Wahre

Solche Skier machen den Löwenanteil der Produktion aus. Einige hunderttausend Ski- und Snowboardkerne verlassen gemäss Jürg Mock die Döttinger Fabrik pro Jahr. In letzter Zeit sind es etwas weniger geworden, denn das Wintersport-Geschäft stagniert. Zudem leidet das Unternehmen unter dem starken Franken: Rund 70 Prozent der Produkte gehen ins Ausland, hauptsächlich in den Euroraum.

Schon oft hätten die Hersteller andere Materialien ausprobiert, sagt Mock, aber bisher sei nichts so flexibel und langlebig wie Holz. In günstigen Skier steckt zwar in der Regel ein aufgeschäumter Kunststoff, darüber rümpft der Fachmann aber die Nase: «Ein solcher Ski hält nicht sehr lange. Der Kunststoff deformiert sich schnell und bricht im Extremfall sogar.» Der Holzkern hingegen übersteht praktisch alles, Belag und Kanten verschleissen früher. Dafür kosten solche Latten auch mindestens 500 Franken.

Zurzibieter, die diese Woche mit den Rennfahrern mitfiebern, können sich also mit jedem Sieger ein wenig freuen – vielleicht ist er auf Holz aus dem Wald hinter ihrem Haus zu Gold gefahren.

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