Juden im Aargau
Doppeltür-Präsident Lukas Keller: "Auch Jonas Fricker hat Respekt verdient"

Der Vorstand des jüdisch-christlichen Projekts Doppeltür entscheidet über die Zukunft Jonas Frickers als Patronatsmitglied.

Andreas Fretz
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Links: Lukas Keller, Präsident Doppeltür. Rechts: Jonas Fricker, der im Nationalrat Judendeportationen mit Schweinetransporten verglich.

Links: Lukas Keller, Präsident Doppeltür. Rechts: Jonas Fricker, der im Nationalrat Judendeportationen mit Schweinetransporten verglich.

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Das Patronatskomitee des Vereins Doppeltür ist hochrangig besetzt. So stehen etwa die ehemaligen Bundesräte Ruth Dreifuss und Moritz Leuenberger auf der Liste. Auch Nationalrat Jonas Fricker taucht unter den 28 Namen auf. Fricker hatte am Donnerstag letzter Woche den Transport von Schweinen mit der Deportation von Juden nach Auschwitz verglichen. Die Entrüstung war gross. Fricker gab in der Folge seinen Rücktritt als Nationalrat auf die Wintersession hin bekannt.

Ist Fricker nach seinem Vergleich für ein Projekt wie jenes des Vereins Doppeltür noch tragbar? Im Projekt geht es um die christlich-jüdische Symbiose in den beiden aargauischen Dörfern Endingen und Lengnau. Zwischen 1776 und 1866 waren die beiden Gemeinden die einzigen Ortschaften in der Schweiz, in denen Juden leben durften. Vorgesehen ist unter anderem ein Besucherzentrum.

Das Projekt will das einzigartige historische Erbe sichtbar sowie das Alltagsleben der Juden und ihr Zusammenleben mit den Christen in den beiden Dörfern erlebbar machen, Wissenslücken schliessen, Gegenwartsfragen reflektieren. Getragen wird das Projekt von jüdischen, christlichen und weiteren Institutionen.

Fricker bekleidet keine offizielle Funktion, unterstützt aber, wie die anderen Patronatsmitglieder auch, den Verein ideell und fungiert als möglicher Türöffner für potenzielle Geldgeber und Partner. «Was Jonas Fricker im Nationalrat gesagt hat, ist nicht tolerierbar», findet Vereinspräsident Lukas Keller. Es mache ihn sprachlos, dass sich ein Nationalrat mit Vorbildfunktion zu einer solchen Aussage hinreissen lässt, so der ehemaliger Gemeindeammann Endingens weiter.

«Ich empfinde es als Tragödie für Jonas Fricker persönlich. Es gab ja keine Hinweise, dass er Antisemit wäre; und er ist es auch nicht. Deshalb ist die Aussage für mich völlig unverständlich.» Keller gesteht, dass er es kaum aushält, das Video der Parlamentssitzung zwei oder dreimal in Folge anzuschauen.

Verein Doppeltür

Vorstand


> Lukas Keller, Präsident, Endingen
> Franz Bertschi, Gemeindeammann, Lengnau
> Jules Bloch, Präsident Israelitische Kultusgemeinde Endingen
> Herbert Bolliger, Konzernchef Migros
> Dr. Esther Girsberger, Publizistin und Unternehmerin, Zürich
> Dr. Jonathan Kreutner, Generalsekretär SIG, Zürich
> Dr. Carol Nater, Leiterin Historisches Museum Baden
> Roy Oppenheim, Publizist, Lengnau
> Dr. Thomas Pauli-Gabi, Leiter Abteilung Kultur, Kanton Aargau
> Prof. Dr. Jacques Picard, Universität Basel
> Dr. Beat Walti, Rechtsanwalt und Nationalrat, Küsnacht

Patronatskomitee


> Ruth Dreifuss, alt Bundesrätin, Genf
> Moritz Leuenberger, alt Bundesrat, Zürich
> Alex Hürzeler, Regierungsrat Aargau
> Doris Angst, Menschenrechts-Expertin, Hinterkappelen
> Franz Bertschi, Gemeindeammann, Lengnau
> Martina Bucher, Freundeskreis Jüdisches Leben in Tiengen (D)
> Dr. Beat Edelmann, Rechtsanwalt/Notar, Bad Zurzach
> Christine Egerszegi-Obrist, alt Ständerätin, Mellingen
> Corina Eichenberger, Nationalrätin, Kölliken
> Dr. Ron Epstein-Mil, Dipl. Architekt ETH, Zürich
> Yvonne Feri, Nationalrätin, Wettingen
> Beat Flach, Nationalrat, Auenstein
> Sylvia Flückiger-Bäni, Nationalrätin, Schöftland
> Jonas Fricker, Nationalrat, Baden
> Prof. Dr. Felix Gutzwiller, alt Ständerat, Zürich
> Ruth Humbel, Nationalrätin, Birmenstorf
> Prof. Dr. Daniel Jositsch, Ständerat, Zürich
> Joachim Klose, Jüdisches Museum, Gailingen
> François Loeb, alt Nationalrat, Schriftsteller, Merzhausen (D)
> Rolf Lyssy, Autor, Regisseur, Zürich
> Ruedi Noser, Ständerat, Zürich
> Prof. Dr. Thomas Pfisterer, alt Ständerat, Aarau
> Dr. Ellen Ringier, Zürich
> Karen Roth-Krauthammer, Historikerin, Zürich
> Dr. Walter Weibel, Gelfingen
> Cédric Wermuth, Nationalrat, Zofingen
> Ralf Werder, Gemeindeammann, Endingen
> Dr. Herbert Winter, Präsident SIG, Zürich

Das Gespräch mit Fricker suchen

Anfang November hat der Doppeltür-Vorstand seinen nächste programmgemässe Vorstandssitzung. Dabei wird es auch um die Personalie Fricker gehen. «Ich werde vorgängig das Gespräch mit ihm suchen», kündigt Lukas Keller an. Möglich auch, dass man in einem kleineren Rahmen zusammen mit Fricker an einen Tisch sitzt. Eher unwahrscheinlich dagegen, dass man ihn an die Vorstandssitzung einlädt. Keller sagt, dass er das Vorgefallene unaufgeregt diskutieren wolle. «Ein Hauptthema des Vereins Doppeltür ist ja der Respekt vor Andersdenkenden. Genauso verdient nun auch Jonas Fricker unseren Respekt.» Keller betont auch, dass der Schweizerisch

Israelitische Gemeindebund (SIG) die Entschuldigung Frickers angenommen hat.
Bleibt die Frage, ob Fricker nach dem Vorgefallenen der Sache und dem Anliegen des Vereins Doppeltür überhaupt noch glaubhaft dienen kann? «Seine Aussage betraf ja nicht den Verein», sagt Keller, «aber klar ist, dass das Gesagte ein absolutes No-Go ist.» Es stelle sich auch die Frage, was Jonas Fricker für seine Zukunft plane: «Will er überhaupt im Patronatskomitee des Vereins Doppeltür bleiben?»

Doppeltür: So könnte das Besucherzentrum des Vermittlungsprojekts zwischen Juden und Christen dereinst aussehen.

Doppeltür: So könnte das Besucherzentrum des Vermittlungsprojekts zwischen Juden und Christen dereinst aussehen.

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Der Vorstand entscheidet

Über die Aufnahme und den Ausschluss von Patronatsmitgliedern entscheidet der elfköpfige Vorstand. Notfalls mit Mehrheitsentscheid. Als das Projekt gestartet wurde, hat der Verein unter anderem sämtliche Aargauer National- und Ständeräte schriftlich angefragt, ob sie dem Komitee beitreten wollen. Jonas Fricker habe sein Formular ausgefüllt und unterschrieben zurückgesendet. «Uns ist es wichtig, einen Querschnitt aus Gesellschaft, Politik und Kultur im Komitee zu haben», betont Lukas Keller.

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