Dorfentwicklung
Entsteht hier bald der grösste «Fussgängerstreifen»? Lengnau will sein Zentrum in eine Begegnungszone umwandeln

Tempo 20, Begegnungszonen, mehr Lebensqualität: Das Surbtaler Dorf will sein Zentrum aufwerten. Jetzt liegt der Ball bei der Bevölkerung.

Daniel Weissenbrunner
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Der Dorfplatz in Lengnau: Die Gemeinde will das Zentrum noch stärker in eine Begegnungszone verwandeln.

Der Dorfplatz in Lengnau: Die Gemeinde will das Zentrum noch stärker in eine Begegnungszone verwandeln.

Alex Spichale

Laut Ammann Franz Bertschi (SVP) hat sich Lengnau in den letzten Jahren erfreulich entwickelt. «Schöne Wohnlagen, eine gute Infrastruktur, herrliche Naherholungsgebiete und das ­alles mit einem vernünftigen Steuerfuss.» Das mache den Ort lebenswert, hebt der scheidende Gemeindevorsteher, der bei den Gesamterneuerungswahlen im Herbst nicht mehr antritt, die Vorzüge des Surbtaler Dorfes hervor, in dem heute rund 2800 Menschen leben.

Die positive Entwicklung ist auch mit Herausforderungen verbunden. Beispielsweise die verkehrsmässige Erschliessung. Sie sei die Lebensader des wirtschaftlichen Gedeihens in der Ortsmitte, so Bertschi. Die Vielfalt von Gewerbebetrieben – Gastrobetriebe und Detailhandel– müsse daher erhalten bleiben beziehungsweise gefördert werden.

«Nur dort, wo die Wirtschaft pulsiert, leben die Dörfer.»

In einem öffentlichen Mitwirkungsverfahren, das seit diesem Montag aufliegt und bis zum 14. April dauert, zeigt die Gemeinde mit drei ambitionierte Projekten nun auf, wie sie den Dorfkern aufwerten will. Es geht um die künftige Zentrumsplanung, den Kommunalen Gesamtplan Verkehr und um die Nutzungsstudie der Liegenschaft Krone. Ein entsprechender Planungskredit wurde an der Gemeindeversammlung im Herbst 2019 verabschiedet.

Fussgänger sollen sich sicher frei bewegen können

Der Zentrumsbereich von Lengnau, so die Gemeinde, müsse in den nächsten fünf bis zehn Jahren umfassend saniert werden. Damit bereits kurzfristig eine positive Veränderung erlebbar werde und darüber hinaus die Verkehrssicherheit aller Verkehrsteilnehmenden verbessert werden könne, initiiert der Gemeinderat nun einen Verkehrsversuch mit einer Begegnungszone, der ein Jahr dauern wird. Fussgängerinnen und Fussgänger dürfen darin die gesamte Verkehrsfläche benutzen und sind gegenüber Fahrzeugen vortrittsberechtigt.

Die Höchstgeschwindigkeit beträgt 20 km/h. Für alle Fahrzeuge Parkieren ist nur an gekennzeichneten Stellen erlaubt. Mit einer Begegnungszone entsteht quasi ein einziger grosser Fussgängerstreifen im Zentrum, erklärt der zuständige Raum- und Verkehrsplaner Thomas Belloli.

Sollte der Versuch erfolgreich ausfallen, was unter anderem anhand der Rückmeldungen aus der Bevölkerung beurteilt werde, könne mit einer erneuten Ausschreibung das Projekt auf einfache Weise in eine definitive Lösung überführt werden, sagt Gemeinderat ­Marcel Elsässer (SP), der in der Arbeitsgruppe mitwirkt. Sollte der Versuch nicht die gewünschten Verbesserungen erzielen, würde er ohne grossen finanziellen Verlust abgebrochen werden, sagt Elsässer.

Probleme bei der Verkehrssicherheit beheben

Nach Abschluss der Versuchsanlage der Begegnungszone soll der Wettbewerb für die Zentrumsgestaltung gestartet werden. Ziel sei es, die Probleme bei der Verkehrssicherheit zu beheben, die Verkehrsführung zu optimieren und die öffentlichen Räume gestalterisch aufzuwerten, erklärt Städtebauer Samuel Flückiger, der ebenfalls der Arbeitsgruppe angehört.

Die Liegenschaft Krone ist ein Sanierungsfall. Der vordere Teil soll bestehen bleiben, der hintere würde abgerissen und mit einem Mehrzweckraum und einer Spielgruppe neu genutzt.

Die Liegenschaft Krone ist ein Sanierungsfall. Der vordere Teil soll bestehen bleiben, der hintere würde abgerissen und mit einem Mehrzweckraum und einer Spielgruppe neu genutzt.

Alex Spichale

Um der zukünftigen Verkehrsentwicklung in der Gemeinde und der Region Rechnung zu tragen, erarbeitet die Gemeinde überdies einen Kommunalen Gesamtplan Verkehr (KGV). Zentral seien die Verbesserung der Verkehrssicherheit aller Verkehrsteilnehmenden sowie eine siedlungsverträg­liche Abwicklung des Verkehrs auf den Gemeindestrassen, insbesondere im Zentrum. Im Rahmen eines ausgearbeiteten Konzepts wird auch die Umnutzung der Liegenschaft Krone empfohlen. Das Gebäude nimmt im Zentrum eine bedeutende Position ein. Untersuchungen der bestehenden Gebäudeteile hätten ergeben, dass das bestehende Gebäude aufgrund der schlechten Bausubstanz umfassend saniert werden müsse.

«Krone»: Nur der hintere Teil soll abgerissen werden

Zusammen mit der benachbarten Synagoge wird die Liegenschaft Krone im Inventar schützenswerter Ortsbilder in der Schweiz aufgeführt. Beim Hauptbau dürfen daher kaum Abbrüche vorgenommen werden. Nach Überprüfung mehrerer Optionen mit Umbau- bzw. Neubaumassnahmen auf der Parzelle der Kronen-Liegenschaft schlägt die Studie nun die Sanierung des vorderen Teils des Gebäudes und einen Ersatzneubau für den hinteren Teil in Richtung Schulanlage vor.

Die Nutzungen im Erdgeschoss des Hauptgebäudes bleiben wie bisher dem Dienstleistungsgewerbe wie Bäckerei und Café/Restaurant erhalten. Das Ober- und Dachgeschoss soll für Büroräumlichkeiten genutzt werden. Der hintere Gebäudeteil würde abgerissen und weicht einem Neubau. Im Erdgeschoss kann die Spielgruppe die Räumlichkeiten mit Bezug zur Schulanlage nutzen. Ein multifunktional nutzbarer Mehrzwecksaal soll die Hauptnutzung im ersten Obergeschoss bilden. Anfang April will die Gemeinde bei der Bevölkerung den Puls fühlen, um herauszufinden, wie die Lengnauer den Plänen gegenüberstehen.

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