Endingen
Liebe auf den ersten Blick, Expansion und eine Katastrophe: Die bewegte Zeit von Bäckermeister Ruedi Alt

Die Bäckerei Alt in Endingen feiert ihr 30-Jahre-Jubiläum und schaut auf eine bewegende Schaffenszeit zurück.

Susanne Holthuizen
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Bäckermeister Ruedi Alt (.) und sein inzwischen ausgelernter Lehrling Noah Jeggli. Alt hat den 2. Preis für den Berufsbildner 2021 gewonnen.

Bäckermeister Ruedi Alt (.) und sein inzwischen ausgelernter Lehrling Noah Jeggli. Alt hat den 2. Preis für den Berufsbildner 2021 gewonnen.

Susanne Holthuizen

Es ist meist kurz nach Mitternacht, wenn Ruedi Alt, der Bäckermeister, das Licht in seiner Backstube anknipst und mit den Vorbereitungen beginnt, bevor dann um halb fünf seine Belegschaft eintrifft. Das macht er schon seit dreissig Jahren so, sechsmal die Woche, und am Sonntag seien es nur zwei oder drei Stündchen, meint der ruhelose Vielarbeiter.

Zweieinhalb Jahre haben Jeannette und Ruedi Alt aus dem Thurgau nach einer geeigneten Bäckerei gesucht, als sie in Endingen im Februar 1991 den Betrieb der Familie Meisel übernahmen. Es war die 19. Unternehmung, die sie sich anschauten und Liebe auf den ersten Blick: Hier konnten sich Jeannette und Ruedi Alt vorstellen, Arbeit und Familie unter einen Hut zu bekommen. Er war 25 Jahre jung und mit Jeannette hatten sie gerade ihr erstes Kind bekommen – drei weitere sollten noch folgen.

Jahre der Expansion: Der Betrieb läuft auf Hochtouren

Während Jeannette Alt den Laden führte und sich gleichzeitig um die Familie kümmerte, brachte Ruedi die Produktion auf Hochtouren. Der Betrieb lief gut und bald schon dachte das arbeitsame Paar an Expansion. 1995 entsteht eine Filiale in Ehrendingen und 1997 wird am Standort Endingen der Laden ausgebaut, und zur Freude der Bevölkerung um eine kleine Kaffee-Bar erweitert.

Nun geht es Schlag auf Schlag: Vor der Jahrtausendwende eröffnen sie ihr drittes Geschäft, den «Chämibeck» im Aarecenter Döttingen. Kurz danach investieren sie zwei Millionen Franken in eine neue Backstube am selben Standort. 2003 erfolgt die Geschäftseröffnung in Untersiggenthal und 2005 jene in Turgi. Inzwischen ist der Personalbestand auf 39 Mitarbeitende angewachsen und Ruedi Alts Arbeitstage werden immer länger. «17 bis 20 Stunden und eine Siebentagewoche waren da keine Ausnahme», sagt der leidenschaftliche Bäcker rückblickend.

Hochwasser als Befreiungsschlag

So sehr er seine Arbeit auch liebt, die Verantwortung wird allmählich zur Belastung und die Zeit fehlt ihm an allen Ecken und Enden. Als dann 2007 die Aare über die Ufer steigt und den Döttinger Betrieb lahmlegt, wird sich Ruedi Alt bewusst, dass die Katastrophe eigentlich sein Befreiungsschlag ist. Mit seiner Frau beschliesst er, den Betrieb zu verkleinern und sich wieder auf seine Kernkompetenz, das Backen, zu besinnen.

Kurzerhand wird die Endinger Backstube behelfsmässig zur Hauptproduktionsstätte umfunktioniert. Alle packen mit an, die Mitarbeitenden wie auch die Lieferanten. «Gebacken wurde draussen und geschnetzelt in einem Bau-Container auf dem Vorplatz», beschreibt Ruedi Alt die Wende. Offenherzig berichtet er über die fehlende Zeit für seine Lehrlinge und das Zukurzkommen seiner Familie. «Ich habe eine Kehrtwende gemacht und die Ausbildung unserer Lehrlinge in den Fokus gestellt.»

Heute hält er mit jedem seiner Lernenden wöchentlich eine sogenannte «Schulstunde» ab, wo Theorie repetiert und Praktisches geübt wird. Die Motivation seiner aktuell 18 Mitarbeitenden ist ihm eine Herzensangelegenheit, dafür wurde er dieses Jahr mit dem Berufsbildnerpreis «Zukunftsträger» ausgezeichnet. Sein Lehrling Noah Jeggli hatte ihn dazu angemeldet, weil sich Ruedi Alt eben noch Zeit für seine Lernenden nimmt.

Sohn Joël übernimmt das Zepter Ende Jahr

Ende Jahr wird Ruedi Alt nun das Zepter an seinen Sohn Joël weiterreichen. Dieser hat schon die 2015 eröffnete Filiale «Im Böndlern» in Ehrendingen geführt und zwischenzeitlich die Hotelfachschule absolviert. Ruedi Alt, der innovative Bäcker, der die Region mit Leckereien wie die Endinger Nusstorte und verschiedensten Brotkreationen verwöhnte, wird sich in den Unruhezustand begeben – um, wie er zwinkernd hinzufügt, wohl bald mit einem neuen Projekt wieder von sich hören zu lassen.

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