Bad Zurzach
Erzähler entführten im Halbstundentakt in andere Welten

Märchen, Fabeln, englischer Humor: Ein unglaublicher Geschichtenmarkt bot sich den Besuchern am Erzählfestival in Bad Zurzach.

Silvan Merki
Drucken
Jürg Steigmeier erzählt von Hochmut und Fall.

Jürg Steigmeier erzählt von Hochmut und Fall.

Sie entführen ihre Zuhörer dahin, wo Schicksalsfrauen den Lebensfaden spinnen. Und dahin, wo ein kleines, goldenes Vögelchen oder eine unscheinbare Bohne Wünsche erfüllen. Manchmal erzählen sie nur mit Worten, meist gehört aber viel Mimik dazu. Und oft unterstreichen sie mit vollem Körpereinsatz das Gesprochene.

Am Erzählfestival treten Künstlerinnen und Künstler auf, die etwas gemeinsam haben: Sie nehmen ein kleines oder grosses, ein junges oder älteres Publikum auf ihre grossen Reisen der Geschichte mit. Sie lassen es lachen, nachdenken oder sie unterhalten einfach. Rund um das Verenamünster, im halbstündigen Takt erzählen sie an besonderen Orten, so, dass die Besucher zirkulieren und verschiedene Erzähler «ausprobieren» können.

Von Zufriedenheit und Hochmut

Im Propsteikeller nimmt Märchenforscherin Silvia Studer-Frangi ihre Gäste mit nach Sizilien, in den Fabelwald und in den Fernen Osten. Oder auf einen Abstecher ins Calancatal, wo das Märchen von Filu, dem Spinnenmann her kommt. Eine Art Rumpelstilzchen auf Italienisch, das Beelzebub heisst und ein besonders fieses Teufelchen ist. Die halbe Stunde ist schnell vorbei, von draussen dringen die Pfeiftöne von «Des Dudels Kern» herein. Die Formation spielt auf Harmonien, verschiedenen Dudelsäcken und Flöten alte Volksweisen, die wie Geschichten, manchmal lustig und manchmal mystisch oder melancholisch verlaufen.

Lokalmatador Jürg Steigmeier tritt im Fahriété auf, einem alten Zirkuswagen auf vier Rädern, der zum Minitheater umgebaut ist. Es entsteht darin eine besondere Nähe zum Erzähler, der sein Publikum immer einbezieht, ihm Fragen stellt oder Verbindungen aus der Geschichte in die Realität macht. Steigmeier erzählt vom Mann und der Frau aus dem Essigkrug, denen ein kleines goldenes Wunschvögelchen zuerst ein Häuschen, dann einen Hof und dann ein Schloss verschafft. Weil der Mann und die Frau damit immer noch nicht zufrieden sind, wollen sie vom Königs- noch zum Kaiserpaar werden, und zum Schluss gar Gott spielen. Dem Hochmut folgt natürlich der Fall zurück in den Essigkrug.

Und es lauert der Tod

Bei Katharina Ritter darf sich das Publikum das Erzählprogramm aus einem mit längeren und kürzeren Geschichten gefüllten Säckchen ziehen. Man hat es sich in der Jurte bequem gemacht, einem Zelt, in dem man sich die Schuhe auszieht und am Boden um die Erzählerin aus dem Bregenzer Wald Platz nimmt. Sie berichtet vom klugen Gretel, vom dümmlichen, aber glücklichen Katerlieschen und vom Herrn Korbes, dem aus lauter nicht ganz zufälligen Zufällen zu Hause das Dach respektive ein tonnenschwerer Mühlstein auf den Kopf fällt: «Tot.»

Joe Bale ruft laut über den Münsterplatz und verspricht am Eingang des Fahriétés: «Emotions, Drama and a very bad German speech.» Drinnen erzählt der Gast aus Belgien – in ganz einfachem Englisch – von Jack und Mary, dem Ehepaar, das sich nach 30 Jahren Ehe eigentlich satthat. Mary schickt ihren Stubenhocker zum Essen holen. Weil aber Sonntag ist, muss Jack mit der Flinte des Pfarrers jagen gehen. Mit viel Glück erlegt er einen Fisch, drei Enten und auch ein Kaninchen – weil er sich drauf setzt. Das alles natürlich im Ganzkörper-Hausanzug, Joe Bale kennt auch das deutsche Wort: Liebestöter. Jack endet am Sonntag als Kirchgänger, und zwar im eigenen Sarg. Schwarzer, englischer Humor, der sehr gut ankommt in Zurzach.

Aktuelle Nachrichten