Gericht
Genervter Autofahrer erhebt Einsprache – und muss eine noch höhere Busse bezahlen

Zwei Beschuldigte standen wegen Verletzung von Verkehrsregeln in Zurzach vor dem Einzelrichter. Das Überholmanöver ging zwar glimpflich aus – trotzdem kommt es einen der Fahrer teuer zu stehen.

Rosmarie Mehlin
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Das Überholmanöver ereignete sich hier Eingangs Döttingen.

Das Überholmanöver ereignete sich hier Eingangs Döttingen.

Archivbild: Daniel Weissenbrunner

Es war ein Dienstagabend im Juni 2019, abends kurz vor 18 Uhr. Reto (alle Namen geändert) war mit seiner Mutter und einer Torte auf der Surbtalstrasse unterwegs zum 20. Geburtstag seiner Freundin. Hinter dem BMW folgte ein Opel, dessen Fahrer Stefan (56) es offenbar pressanter hatte als Reto (26). Jedenfalls schloss er von Endingen an mehrfach nahe auf den BMW auf und betätigte die Lichthupe.

Als Reto eingangs Döttingen den Motor von 80 km/h auf die erforderlichen 50 km/h drosselte, wurde es Stefan zu bunt und er überholte Reto, indem er links an der dortigen Verkehrsinsel vorbeifuhr. Nachdem Stefan das Auto danach sehr knapp vor dem BMW wieder auf die rechte Spur zog, wich Reto seinerseits auf die Gegenfahrbahn aus und überholte den Opel. Beim Wiedereinbiegen touchierte der BMW mit seinem Heck die linke Front des Opels.

Wegen einfacher Verletzung mehrerer Verkehrsregeln wurde Reto von der Staatsanwältin mit einer Anklageschrift zu einer Verhandlung vor Gericht verpflichtet. Stefan hingegen – obwohl der mehrfachen, teils groben Verletzung des Strassenverkehrsgesetzes beschuldigt - bedachte die Staatsanwältin mit einem Strafbefehl. Diesen hätte Stefan so akzeptieren, die Rechnung von 1000 Franken Busse plus 1255 Franken für Gebühren sowie Polizeikosten bezahlen können und der Fall wäre für ihn erledigt gewesen. Stefan aber erhob Einsprache.

Entscheid zwischen Vollbremse oder Überholen

So sassen die zwei Männer, beide mit ihrem Anwalt, in Zurzach vor Einzelrichter Cyrill Kramer. Der wollte zunächst wissen, wie Stefan auf die Idee gekommen sei, links an der Insel vorbeizufahren. «Nachdem Reto nicht nur auf 50 km/h, sondern auf vielleicht 40 km/h hinuntergebremst hatte, wurde mein Abstand zu ihm plötzlich so gering, dass ich mich blitzartig zwischen einer Vollbremsung und dem Überholen entscheiden musste», sagt er. Die Lichthuperei und das zu nahe Aufschliessen zwischen Endingen und Döttingen gestand Stefan ein. Das Verhalten von Stefan auf der Fahrt von Endingen sei, so Reto, selbst seiner Mutter aufgefallen: «Sie fragte mich, ob ich den kenne.»

Eingangs Döttingen habe er ganz normal abgebremst. «Als der Opel nach dem Überholen ganz knapp vor uns einschwenkte, sind meine Mutter und ich sehr erschrocken und ich bin auf die Gegenfahrbahn ausgewichen.» Als er das Überholmanöver abschliessen wollte, habe Stefan beschleunigt, glaubt Reto. Ihm warf die Staatsanwältin vor, im Feierabendverkehr ohne Rücksicht auf allfälligen Gegenverkehr überholt zu haben. Dies hätte vermieden werden können, so die Anklägerin, wenn Reto nach rechts, statt auf die Gegenfahrbahn ausgewichen wäre. Dafür sei der 26-Jährige mit einer Busse von 300 Franken zu bestrafen.

Trotz einfacher Verletzung gibt es eine Busse

«Strafe muss sein, aber die richtige», sagte Stefans Anwalt. Grundsätzlich stimme zwar, dass sein Mandant links von einer Verkehrsinsel vorbei gefahren sei, «doch war das keine grobe, sondern nur eine einfache Verletzung der entsprechenden Verkehrsregel, hat er damit doch niemanden gefährdet.» Denn einerseits handle es sich nicht um eine Insel in einem Fussgängerstreifen und andererseits habe er klar erkennen können, dass es keinen Gegenverkehr gab. Dafür sowie den ungenügenden Abstand beim Hintereinanderfahren und das Lichthupen sei eine Busse von 500 Franken angemessen.

Retos Verteidiger forderte hingegen einen Freispruch. Mit akribischen Berechnungen und Aufzeichnungen von Beschleunigungen und Bremswege im Verhältnis zu Distanzen legte sich der Anwalt tüchtig ins Zeug. Und er hat Erfolg: Der 26-jährige Reto wird freigesprochen. «Die Anklage fusst darauf, dass er nach links, statt rechts ausgewichen ist. Zentral aber ist einzig der Fakt, dass Reto überhaupt erst hatte ausweichen müssen», schlussfolgerte Richter Kramer.

Obwohl das links an der Insel Vorbeifahren von Stefan keine grobe, sondern eine einfache Regelverletzung war, sprach Kramer den 56-Jährigen in allen drei Punkten schuldig. Nebst 1000 Franken Busse muss Stefan nun 2455 Franken Gebühren sowie seinen Anwalt bezahlen.

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