Döttingen
«In den Döttinger Trauben steckt noch mehr Potenzial»

Michael Kaben ist seit Frühling der neue Geschäftsführer der Weinbaugenossenschaft Döttingen. Der 34-Jährige will deren Produktion modernisieren – und dabei auch veraltete Traditionen aufbrechen.

Samuel Buchmann
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Michael Kaben ist der neue Geschäftsführer der Weinbaugenossenschaft Döttingen – und will neues Know-how ins Winzerdorf bringen.

Michael Kaben ist der neue Geschäftsführer der Weinbaugenossenschaft Döttingen – und will neues Know-how ins Winzerdorf bringen.

Samuel Buchmann

Michael Kaben wirkt fremd im Döttinger Trottenstübli: Sein lachsfarbenes Poloshirt und die modische Brille wollen nicht so recht zu den weissen Spitzenvorhängen und dem geblümten Plastiktischtuch passen. Der 34-Jährige ist seit diesem Frühling neuer Geschäftsführer der Weinbaugenossenschaft Döttingen. Will heissen: Er produziert aus Trauben diverser Döttinger Weinbauern eigenhändig rund die Hälfte aller Weine, die aus dem Winzerdorf stammen. Und er ist auch gleich zuständig für den Verkauf und das Marketing. Bis vor kurzem war das alles Benno Wägers Job. 32 Jahre lang. Eine lange Tradition.

Sein Nachfolger Michael Kaben ist die Antithese von Tradition. Er ist gelernter Optiker, wie schon sein Vater und sein Grossvater. Doch mit 27 Jahren hängte er den Beruf und damit die Tradition seiner Familie an den Nagel. «Ich wollte zurück zur Natur. Etwas mit meinen Händen machen.» Er absolvierte ein Praktikum auf einem Weingut im Tessin. Danach ging er nach Bordeaux, wo er Weinbautechnik studierte, während er sich auf einem Weingut bis zum Produktionsleiter hocharbeitete. Im Studium lernte Michael Kaben seine heutige Frau Şeyma kennen, die aus Istanbul stammt. Und so verschlug es ihn nach seiner Ausbildung in einen Winzerbetrieb in der Türkei. «Eine Lovestory», wie er sagt.

Ein Kulturschock

Nun, zwei Jahre später, ist der Schaffhauser zurück in der Schweiz. Vom romantischen französischen Weingut und der exotischen Türkei in ein ländliches Aargauer Dorf – ein Kulturschock? «Vielleicht», sagt Kaben. «Man denkt, in der Schweiz seien die Geräte moderner als in der Türkei, aber so ist es nicht.» Das komme von der Schweizer Mentalität: Man setzt auf Altbewährtes. «Das ist nicht grundsätzlich schlecht, bedeutet aber, dass manche Schweizer Winzer der ausländischen Konkurrenz in technischer Hinsicht hinterherhinken.»

Auch in Döttingen sind einige Gerätschaften nicht mehr ganz auf dem neusten Stand der Dinge. Das will Michael Kaben ändern und einiges in neue Ausrüstung investieren. «Zum Glück ist der Vorstand für Veränderungen offen.» Er zeigt auf die grossen Tanks, in denen der Wein reift. «Die waren lange üblich, aber ihre Temperatur lässt sich nicht steuern.»

In modernen Betrieben seien die Tanks isolierte Edelstahl-Behälter, die man kühlen kann. Auch die Maischenpumpe, welche die Trauben vom Erdgeschoss in den Estrich und schliesslich in die Tanks pumpt, sei mittlerweile überholt. Heute setze man auf schonende Verfahren, welche die Trauben nicht verletzen. So werden weniger unerwünschte nicht reife Tanine freigesetzt, das Aroma wird fruchtiger und intensiver – alles Dinge, die einen direkten Einfluss auf Weinqualität haben.

«Das soll nicht heissen, dass der Döttinger Wein bis jetzt schlecht war. Doch in den Trauben steckt noch mehr Potenzial», sagt der neue Geschäftsführer. Ähnlich sehe es bei der Vermarktung aus: «Die Etiketten der Flaschen sind nicht mehr zeitgemäss.» Das sei wichtiger als man denkt, denn das Design entscheide oft mit darüber, ob eine Flasche im Einkaufswagen landet oder nicht.

Es wird klar: Michael Kaben will den Laden umkrempeln, den Döttinger Wein modernisieren und veraltete Traditionen aufbrechen – in einer Genossenschaft, die vorwiegend aus alteingesessenen Mitgliedern besteht, die viel auf ihre Tradition geben. «Das ist nicht immer leicht», gibt Kaben zu. Doch genau diese Herausforderung reize ihn. «Mein Ziel ist es, den Döttinger Wein über die Kantonsgrenzen hinaus bekannt zu machen.» Bald wird er die erste Chance dazu erhalten. Dann nämlich, wenn in ein paar Wochen die Erntesaison und die Weinproduktion beginnt – allerdings nochmals mit der alten Anlage.

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