Kleindöttingen
«Auf der Rennbahn werden sie zur Granate»: Warum diese Halter mit ihren Hunden durch die ganze Schweiz kurven

Auf der Sandbahn in Kleindöttingen lieffen am Sonntag 102 Windhunde um die Wette. Für die Halter sind ihre Vierbeiner mehr als ein Hobby; es ist eine Lebensaufgabe.

Sandra Meier
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Es rumpelt in den verschlossenen grünen Boxen. Hundegebell durchschneidet die von Anspannung aufgeladene Luft, ungeduldiges Fiepen. «Sch, gleich kannst du den Hasen jagen», versucht eine Frau, ihr Tier zu beruhigen. Plötzlich schnellen die vergitterten Tore hoch. Vier schlanke Hunde sausen wie Blitze – braun, weiss, schwarz, braun – heraus. Rennen, fliegen fast. Ihre galoppierenden Schritte hallen über den Platz. In Windeseile haben sie die Strecke von 480 Metern zurückgelegt.

Sobald die Türen hochgehen, flitzen die Hunde los: Impressionen vom Windhundrennen.

sam

Auf der einzigen Sandbahn der Schweiz in Kleindöttingen messen sich am Sonntag Afghanen, Greyhounds oder Whippets. Sie alle zählen zur Rasse der Windhunde: schlanke Hetzhunde, die ihre Beute mit den Augen jagen. Ursprünglich wurden sie dazu trainiert, gesundes Wild im Laufen einzuholen. Die Rennen sind quasi ein Ersatz, um ihren Jagdinstinkt zu befriedigen. Mit bis zu 75 km/h jagen sie dem elektrisch gezogenen Hasenfell hinterher. Nur der Gepard rennt schneller.

Der Wettkampf Summer-Trophy, organisiert vom Windhundrennverein Kleindöttingen (WRK), lockt Teilnehmer aus der ganzen Schweiz und dem nahen Ausland an. Neben Kleindöttingen gibt es hier zu Lande nur drei weitere Rennbahnen. Auf dem Feld nebenan reihen sich Camper um Camper aneinander.

«Es ist das Adrenalin, das uns gefällt», sagt Susanne Borloz. Mit ihrem Mann Marcel und ihren fünf Windhunden sind sie aus dem Kanton Waadt angereist. «Richtig angefressen» seien sie von den Rennen. Ihren Wohnwagen haben sie sich extra angeschafft, um an den Wettkämpfen in der Schweiz und im Ausland teilzunehmen. «Im Innern des Campers ist alles für die Hunde eingerichtet, wir sitzen meistens draussen und brauchen keinen Schnickschnack», sagt die 62-Jährige lachend.

Susanne Borloz mit drei ihrer fünf Windhunde vor dem Camper.

Susanne Borloz mit drei ihrer fünf Windhunde vor dem Camper.

Sandra Meier

Rennen ist ihre Passion

Vom anderen Ende der Schweiz reiste Isabel Bänziger an. Die Windhundzucht ist der 59-jährigen St.Gallerin quasi in die Wiege gelegt worden, wie sie sagt. Heute besitzt sie zehn Hunde – eine Lebensaufgabe, die sie erfüllt. «Zu Hause sind die Hunde total entspannt und friedlich, aber auf der Rennbahn werden sie zur Granate», sagt sie lächelnd. Rennen sei ihre Bestimmung, ihre Passion, ist die Frau mit der Kurzhaarfrisur überzeugt. Ihre Augen blitzen auf.

Aus St.Gallen angereist: Isabel Bänziger.

Aus St.Gallen angereist: Isabel Bänziger.

Sandra Meier
«Manche glauben, es sei Tierquälerei, dass man die Hunde rennen lässt – ich sage, es ist Tierquälerei, sie nicht rennen zu lassen»,

sagt auch Walter Brändle aus Bergdietikon. Der 74-Jährige war 15 Jahre lang WRK-Präsident und hält seit 40 Jahren Windhunde. Einer davon läuft am Wettkampf ebenfalls mit. Brändle freut sich aber nicht nur auf das Rennen, sondern auch viele altbekannte Gesichter wieder zu sehen.

Es ist das erste Windhundrennen, das in diesem Jahr in Kleindöttingen durchgeführt wird. Coronabedingt konnte bereits im letzten Jahr nur ein Teil der Wettkämpfe stattfinden. «Das spüren wir natürlich in unserer Vereinskasse», sagt Rennleiterin Vanessa Kunz (32). Immerhin habe man mit Schutzkonzepten zumindest die Trainings früher wieder aufnehmen können. Und das ist wichtig. Um fit für die Rennen zu werden, müssen die Tiere ähnlich wie Leichtathleten beim Sprint trainiert werden. Kunz weiss, wovon sie spricht: Gemeinsam mit ihrem Freund hält die Schöftlerin sechs orientalische Windhunde. Die Liebe zu den Tieren verbindet sie: Kennen gelernt haben sie sich vor rund sechs Jahren an einem Rennen.

Seit zwei Jahren Rennleiterin: Vanessa Kunz (32).

Seit zwei Jahren Rennleiterin: Vanessa Kunz (32).

Sandra Meier

Wieder und wieder schnellen die vergitterten Tore hoch. Bereits in zwei Wochen findet in Kleindöttingen die Schweizermeisterschaft statt. Auch Susanne und Marcel Borloz werden dafür wieder mit ihrem Camper aus der Waadt in den Aargau kurven: «Zwei unserer Hunde stehen unter besonderem Druck: Sie müssen ihre Titel verteidigen.» Das Ehepaar hat sich komplett dem Rennfieber verschrieben: «Wir sind pensioniert und haben ja Zeit», lachen sie.

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