Stauproblem
Koblenz wehrt sich weiterhin gegen zweite Grenzbrücke – Deutschland will Forderungen erfüllen

«Der Fokus liegt zu stark auf einer Brücke»: Der Koblenzer Gemeindeammann Andreas Wanzenried kritisiert, dass ein weiterer Grenzübergang zu stark im Vordergrund steht.

Stefanie Garcia Lainez
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Der Kanton und Deutschland wollen die Stausituation in Koblenz entschärfen.

Der Kanton und Deutschland wollen die Stausituation in Koblenz entschärfen.

Alex Spichale (13.5.2020

Täglich fahren rund 15'000 Fahrzeuge über die Koblenzer Rheinbrücke und verursachen teilweise Kilometer lange Staus. Seit Jahren kämpfen die Politiker in Koblenz und der Region für eine Entschärfung des Problems am viertstärksten befahrenen Grenzübergang der Schweiz. Ende September unterzeichneten der Kanton Aargau und das Bundesland Baden-Württemberg mit dem sogenannten «Letter of Intent» eine Absichtserklärung mit dem Ziel, den grenzüberschreitenden Verkehr entlang des Hochrheins zu verbessern.

Für Deutschland ist damit eine langersehnte zweite Brücke zwischen Koblenz und Waldshut schon fast greifbar, wie es in deutschen Zeitungen heisst. Doch in Koblenz wünscht man sich, dass zuerst schneller umsetzbare Massnahmen angegangen werden. Nun macht Deutschland erste Zugeständnisse.

Der Koblenzer Gemeindeammann Andreas Wanzenried (parteilos) kritisiert, dass ein zweiter Rheinübergang zu stark im Vordergrund steht. «Für Deutschland ist klar, dass bis in fünf Jahren eine Brücke gebaut wird», sagt er. Dabei soll ennet des Rheins zuerst der noch fehlende Ausbauschritt des letzten Brückenprojekts endlich umgesetzt werden, der Ausbau der Strasse B34, die zum Zoll führt. Eine Forderung, die schon länger im Raum steht.

Danach sollen kurz- und mittelfristig umsetzbare Massnahmen in Angriff genommen werden, wie der Ausbau von Park-and-Ride-Angeboten auf deutscher Seite und die Abstimmung der grenzüberschreitenden ÖV-Fahrpläne, um längere Wartezeiten beim Umsteigen zu vermeiden. Eine zweite Brücke bei Koblenz soll erst dann in die Überlegungen miteinbezogen werden, wenn die grenzübergreifende Verkehrsstudie vorliegt und so die Konsequenzen einer zweiten Brücke bekannt sind, verlangt Wanzenried.

«Auch dann werden für die Schweizer Seite Überlegungen zu einer allfälligen Brückenlösung nur im Verband mit allen Verkehrsträgern und grossregional zu betrachten sein.» Im ersten Quartal 2021 werden die Ergebnisse der Studie erwartet.

Deutschland verspricht Abstimmung ÖV-Fahrplans

Die Forderungen aus Koblenz scheinen nun auf offene Ohren im Landkreis Waldshut gestossen zu sein. Zwar ist eine zweite Rheinbrücke auf deutscher Seite nach wie vor ein zentrales Thema. Doch der Landkreis teilt auf Anfrage mit, bis zum Fahrplanwechsel 2027 den grenzüberschreitenden ÖV besser aufeinander abstimmen zu wollen, wenn möglich, bereits ein Jahr früher.

So soll der ÖV «für den Berufs-, Gelegenheits- und Freizeitverkehr erheblich attraktiver werden». Dies soll für eine Entlastung des Individualverkehrs sorgen. Bezüglich zweiter Brücke wolle der Landkreis zuerst die Veröffentlichung der Verkehrsstudie abwarten – wie von Koblenz gefordert. Danach möchte er eine vertiefte Betrachtung der Rheinübergänge durchführen mit allen betroffenen Fachstellen in der Schweiz und in Deutschland wie den Gemeinden, dem Regionalverband Hochrhein-Bodensee und dem Regierungspräsidium Baden-Württemberg. «Dies nicht nur für den Grenzübergang Waldshut–Koblenz, sondern auch für den Raum Bad Säckingen.»

Trotz der erzielten Erfolge will sich der Koblenzer Gemeinderat nicht zurücklehnen und sich weiter vehement dafür einsetzen, dass der Fokus nicht nur auf einer weiteren Brücke liegt, sondern auf dem gesamten Verkehr von Fussgängern über Velofahrern bis zum Auto- und LKW-Verkehr. Ein erstes Gespräch mit dem Aargauer Verkehrsdirektor Stephan Attiger fand bereits statt.

Ein nächstes steht bald bevor. «Dabei gilt es zu analysieren, wo mit welchen Massnahmen eine gute Wirkung erzielt werden kann», sagt Carlo Degelo vom kantonalen Departement Bau, Verkehr und Umwelt (BVU). Ein zweiter Rheinübergang bei Koblenz ist im kantonalen Richtplan als Vororientierung zwar eingetragen.

Der Kanton verspricht aber «eine gesamtverkehrliche Überprüfung». Im ersten Halbjahr 2021 soll aufgrund des «Letter of Intent» ein Begleitgremium die Arbeit aufnehmen, unter Einbezug der Region und der Gemeinde Koblenz sowie auf der deutschen Seite des Regionalverbands Hochrhein-Bodensee und der Kreisstadt Waldshut-Tiengen.

Die Koblenzer Verkehrskommission will aber nicht nur den Austausch mit dem Kanton weiter forcieren, sondern auch mit Parlamentariern oder Vertretern der deutschen Seite regelmässig das Gespräch suchen.

Ammann Wanzenried betont: «Lösungen müssen beiden Seiten etwas bringen, deshalb müssen wir auch gemeinsam und grenzübergreifend denken.» Das Ziel müsse sein, Stau künftig zu verhindern mit einer zahlbaren Lösung für beide Seiten. «Daran arbeiten wir seit Jahren.»