Kolumne: Blick ins Zurzibiet
Wenn weniger mehr ist: Ein Hoch auf das Brockenhaus

Unsere Kolumnisten Ursula Hürzeler war schon vor Jahrzehnten mit ihrer Mutter im «Brocki» in Zurzach. Jetzt kehrt sie zurück und stellt fest, dass die dortigen Secondhand-Schätze nichts von ihrer Faszination eingebüsst haben.

Ursula Hürzeler
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Die heutige «Brocki» an der Promenadestrasse in Bad Zurzach.

Die heutige «Brocki» an der Promenadestrasse in Bad Zurzach.

Lovey Wymann

Halt. Stopp! Lesen Sie nicht weiter ... diese Kolumne ist ein Fake. Ich habe sie abgesagt. Ich bin müde, ausgepowert – mir fällt nichts ein. Und das,
obwohl ich diesen Sommer häufiger als sonst im Zurzibiet war. Sie kennen es: Regen, ein paar Sonnenstrahlen, Wind. Für längere Erkundigungstouren, Spaziergänge war es mir zu unbeständig. Also habe ich im Haus meines Bruders geräumt: Kleider in Säcke gepackt, Geschirr aussortiert, Ordner gesichtet. Was sich alles so ansammelt in einem Leben!

Die gebürtige Zurzacherin Ursula Hürzeler ist eine der prägendsten Medienstimmen des Landes. Sie moderierte das «Echo der Zeit» und «10vor 10». Hürzeler lebt heute in Bern.

Die gebürtige Zurzacherin Ursula Hürzeler ist eine der prägendsten Medienstimmen des Landes. Sie moderierte das «Echo der Zeit» und «10vor 10». Hürzeler lebt heute in Bern.

Alex Spichale

10 000 Gegenstände besitze jeder Mensch in unseren Breitengraden, habe ich kürzlich gelesen. Schön wär’s, hab ich gedacht – bei mir sind’s sicher mehr. Item. In Rietheim hab ich nicht nur Schränke geleert – ich bin auch immer wieder abgetaucht in frühere Zeiten. Da, ein Foto von unserem angebauten Haus in Zurzach an der Pfauengasse, die später zum Katzensteigweg wurde: vom Gartenhag bis zum Waldrand und gegenüber der Strasse, Wiese, Kühe, daneben ein Bächlein.

Viel Überflüssiges gab es im Haushalt damals nicht. Dafür fehlte schon der Platz. Rüstabfälle bekamen die Kaninchen, den Süssmost holten wir im Keller mit einem Krug direkt vom Fass, und Kleider wurden bei fünf Kindern sowieso weitergereicht. Sorge tragen zu dem, was man hatte, war selbstverständlich: Einmal im Jahr – oder war es häufiger? – kam zum Beispiel ein Scherenschleifer vorbei, der die stumpfen Messer wieder schärfte, und Geschenkpapier wurde glatt gestrichen, über eine Rolle gelegt und später wiederverwendet. Eine Gewohnheit, die ich übrigens übernommen habe ... Eine Lachnummer in meiner Familie! Aber so vergesse ich jedenfalls nie, woher ich komme.

Räumen heisst auch, konfrontiert zu werden mit der eigenen Geschichte. Was macht man zum Beispiel mit dem Familienwappen an der Wand, den Traumfängern, den selbstgezimmerten Tischen oder den kupfernen Schöpfkellen? Ausmisten mache glücklich, es befreie, behauptet die japanische Influencerin Marie Kondo. Ich kann da nur den Kopf schütteln. Bei mir ist das Loslassen, Abschiednehmen immer mit ausgiebigem Abwägen und Herzschmerz verbunden. «Schmeiss das Zeug doch einfach weg. Aus-Schluss», rät mein Mann, wenn er miterlebt, wie schwer ich mich tue. Aber: Vergesst es! Ich argumentiere mit der Nachhaltigkeit, mit dem CO2, das gespart wird, wenn intakte Dinge weiterhin gebraucht werden.

Klar, der Entsorgungshof in Klingnau ist praktisch, aber gottlob gibt’s auch Brockenhäuser! Das Brocki in Bad Zurzach war schon im Leben meiner Mutter fester Bestandteil: Jahrelang – oder waren es Jahrzehnte? – pilgerte sie jeweils einmal pro Monat hinter den Bahnhof (manchmal mit, manchmal ohne Kuchen), um dort beim Gemeinnützigen Frauenverein mitzuhelfen. Meistens stand sie in der Möbelhalle. Im Winter war’s da oft dermassen kalt, dass ihr fast die Hände abfroren, aber auf’s Brocki liess sie nichts kommen. Vielleicht ist also meine Vorliebe für Gebrauchtes genetisch bedingt. Denn ja, ich gestehe: Ich kaufe häufiger etwas, als ich bringe. Und das nicht nur im Zurzibiet, sondern schweizweit. Dabei überkommt mich bisweilen eine quälende Scham: Wie kann man nur derart viele Dinge abschleppen. Einzig, weil man sie schön findet oder günstig?

Ich versuche, mich zu bessern. Auch wenn die Zurzacher Brocki am neuen Standort eine ausgesprochene Versuchung bleibt. Mit einer Superbedienung obendrauf. Sogar meine Tochter hat dort kürzlich einen Entsafter gekauft. Dabei weigert sie sich fast immer standhaft, selbst wertvolle Secondhand-Schätze von mir anzunehmen. «Brauch’ ich nicht», sagt sie dann. Und ich bin hin- und hergerissen von so viel Vernunft! Auch wenn ich finde, dass der grasgrüne Sparfrosch mit den vielen Strassverzierungen ausgezeichnet in ihre Wohnung gepasst hätte.
Noch voll im Räumungsstress, aber herzlich, Ursula Hürzeler.

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