Koblenz
Norwegischer Möbelriese kauft Aargauer Traditionsfirma Giroflex – Standort in Frage gestellt

Der renommierte Koblenzer Bürostuhl-Hersteller Giroflex hat einen neuen Eigentümer, den nordischen Konzern Flokk. Der neue Besitzer kann keine Garantie abgeben, dass der Produktionsstandort in Koblenz erhalten bleibt.

Philipp Zimmermann
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Das ist der Standort von Bürostuhl-Hersteller Giroflex Hier in Koblenz, wenige hundert Meter vom Grenzübergang zu Waldshut (D), befindet sich der Hauptsitz und Produktionsstandort von Giroflex. Im Jahr 1972 eröffnete hier Albert Stoll eine Fabrik, die im Laufe der Jahre zu einem Traditionsbetrieb wurde. 
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Hier befindet sich der Eingang. 200 Mitarbeitende beschäftigt das Unternehmen zurzeit (Juli 2017), 130 an diesem Hauptstandort, 50 weitere bei der Tochter Espisa, die sich auch in Koblenz befindet.
Im Juli 2017 hat der norwegische Möbelkonzern Flokk das Koblenzer Traditionsunternehmen übernommen.
Giroflex in Koblenz
Hier befindet sich auch ein Fabrikladen.
Hier befindet sich auch ein Fabrikladen.
Die Warenannahme von Giroflex.
Werbeplakat von Giroflex neben dem Produktionsort und Hauptsitz an der Kantonsstrasse, die viel befahren wird und die zum Grenzübergang Koblenz-Waldshut führt.
Wenige hundert Meter vom Giroflex-Standort entfernt befindet sich die Grenze zu Deutschland (Waldshut-Tiengen). Ein Drittel der Belegschaft wohnt im deutschen Raum.

Das ist der Standort von Bürostuhl-Hersteller Giroflex Hier in Koblenz, wenige hundert Meter vom Grenzübergang zu Waldshut (D), befindet sich der Hauptsitz und Produktionsstandort von Giroflex. Im Jahr 1972 eröffnete hier Albert Stoll eine Fabrik, die im Laufe der Jahre zu einem Traditionsbetrieb wurde. 

Philipp Zimmermann

Flokk hat per 13. Juli alle Aktien des Koblenzer Bürostuhl-Herstellers Giroflex und dessen Gesellschaften in Deutschland, Belgien und der Niederlande übernommen. "Die Parteien haben Stillschweigen zum Verkaufspreis und zu weiteren Einzelheiten vereinbart", heisst es in einer Medienmitteilung von Giroflex. Flokk ist in der Branche noch unter seinem vormaligen Namen "Scandinavian Business Seating" ein Begriff. Giroflex soll als eigenständige Marke im Flokk-Portfolio weiterexistieren. Flokk ist gemäss eigenen Angaben Marktführer in Skandinavien.

«Wir sind stolz darauf, Giroflex in der Flokk-Familie zu begrüssen», erklärt Lars I. Røiri, CEO von Flokk, gemäss Mitteilung. «Unsere beiden Unternehmen verfolgen eine ähnliche Philosophie hinsichtlich Produktdesign und Qualität, konkurrenzieren sich aber kaum, da wir grösstenteils auf unterschiedlichen Märkten tätig sind», führt Røiri aus. «Giroflex passt perfekt in unsere Strategie.»

Für die Giroflex-Produkte sollen dank der Übernahme offenbar neue Märkte erschlossen werden. Giroflex-CEO Frank Forster: «Als Teil einer grösseren Gruppe können wir unser geografisches Verkaufsgebiet erweitern und neue Wachstumschancen erschliessen.»

Giroflex gilt in der Schweiz als führender Produzent von hochwertigen Bürostühlen. 2016 hat das Koblenzer Unternehmen einen Umsatz von 45,5 Millionen Franken erwirtschaftet, 90 Prozent davon in der Schweiz, in Deutschland, Österreich, in den Niederlanden und Belgien und zirka 50 Prozent im Euro-Raum. Entsprechend stark traf das Unternehmen, als die Schweizer Nationalbank Anfang 2015 den Euro-Mindestkurs aufhob und dieser abstürzte. Noch vor rund einem Jahr beschäftigte das Koblenzer Traditionshaus rund 250 Mitarbeiter. Heute sind es noch rund 200. Die Branche steht unter Preisdruck.

Keine Garantie für Zurzibieter Arbeitsplätze

Flokk hat erst vor kurzem den schwedischen Bürostuhl-Hersteller Malmstolen sowie den Lounge-Möbel-Spezialist Offecct in seine Gruppe einverleibt. Der Konsolidierungsprozess in der Branche schreitet damit voran. "Die Flokk Gruppe ist bestrebt, ihre Position als Marktführer in Schlüsselmärkten zu festigen."

Ein Bekenntnis für den Produktionsstandort Koblenz und damit für die 200 Mitarbeitenden dort gibt der neue Eigentümer nicht ab. "Das Management beider Unternehmen wird nun eine eingehende Analyse vornehmen. Ziel ist es, die nachhaltigsten Chancen und Möglichkeiten zu definieren, um das zukünftige Geschäftswachstum zu unterstützen", heisst es in der Mitteilung. Frank Forster sagt, dass für Koblenz keine Standortgarantie abgegeben werden könne. Die Analyse solle bis Ende Jahr vorgenommen werden. Dazu gehört auch die Frage der Arbeitsplätze. Ein Drittel der 180 Arbeitskräfte in Koblenz wohnen im benachbarten Deutschland, 50 sind beim Tochter- und Zulieferunternehmen Espisa beschäftigt. Die Kunststoffspritzguss-Firma hat auch Sitz in Koblenz.

156 Millionen Franken Umsatz

Flokk hat Produktionsstätten in Røros (Norwegen), Zwolle (Niederlande) sowie Hunnebostrand, Tibro und Nässjö (Schweden). 2016 hat der Konzern einen Umsatz von rund 156 Millionen Franken erzielt. Eigentümer von Flokk ist seit Oktober 2014 das Private-Equity-Unternehmen Triton. Der Konzern beschäftigt 650 Mitarbeitende.

Giroflex, früher Stoll Giroflex, besteht in Koblenz seit fast 150 Jahren. Albert Stoll (1836-1897), im benachbarten Waldshut (D) aufgewachsen, eröffnete mit seinem Teilhaber Max Klock im Jahr 1872 in einer Baracke beim Bahnhof Koblenz einen Zweigbetrieb für die Holzstuhl-Produktion, wie es im Buch zur Firmengeschichte von 1990 heisst. In Waldshut bestand damals der Mutterbetrieb.

Erst im Februar 2016 war es zum letzten Eigentümerwechsel bei Giroflex gekommen. Bis dahin war Giroflex zu je 50 Prozent im Besitz von Erwin Hort und Urs Forster, der 50 Jahre lang für die Firma tätig war. Hort verkaufte seine Anteile an die Familie Forster. Frank Forster, Sohn von Urs Forster, wurde per 30. Januar 2016 in die Verwaltungsräte der Gruppengesellschaften gewählt. In der Giroflex-Geschäftsleitung sind mit dem Verkauf keine Wechsel geplant.

Von Federdreh zu Giroflex

Albert Stoll I. hatte die Fabrik in Koblenz 1872, also vor 145 Jahren. Sein gleichnamiger Sohn entwickelte in den 20er-Jahren den Urvater des modernen Bürostuhls. Der weltweit patentierte "Federdreh" war der erste Arbeitsstuhl mit drehbarer Säulenfederung und beweglicher Rückenlehne. Er wurde zum wichtigsten Umsatztreiber für das Koblenzer Unternehmen.

Albert Stoll III., der Enkel des gleichnamigen Firmengründers, ersetzte 1948 den Namen "Federdreh" durch "Giroflex", um die Marke international verwendungsfähig zu machen. "Giroflex" ist ein Kunstwort, zusammengesetzt aus griechisch-lateinisch-italienischen Wurzeln. Den "Federdreh" hatte Albert Stoll II., Sohn des Gründers, 1926 auf den Markt gebracht und ihn ein Jahr später patentieren lassen. Neu waren der Kippmechanismus des Sitzes zu allen Seiten und die Federung, die in den senkrechten Tubus eingebaut wurde.