Interview
Standortförderer über die Lage im Zurzibiet: «Corona macht uns nicht zur Krisenregion»

René Utiger, Präsident des Wirtschaftsforums Zurzibiet, und Standortförderer Peter Andres erklären, wie das regionale Gewerbe das Jahr 2020 gemeistert hat.

Daniel Weissenbrunner
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Peter Andres (links) und René Utiger versprühen Optimismus und bedanken sich bei der Bevölkerung für die Unterstützung in diesem Jahr. Die Taschenaktion läuft heute Mittwoch im Zurzibiet an.

Peter Andres (links) und René Utiger versprühen Optimismus und bedanken sich bei der Bevölkerung für die Unterstützung in diesem Jahr. Die Taschenaktion läuft heute Mittwoch im Zurzibiet an.

Sandra Ardizzone

Wir treffen René Utiger, Präsident des Wirtschaftsforums Zurzibiet, und Peter Andres, Standortförderer im Bezirk, zum Gespräch im Büro von Utigers Werbeagentur in der Badener Altstadt. Draussen ist es ausladend grau, drinnen blicken die beiden Wirtschaftsleute auf das Coronajahr zurück. Ihre Bilanz erstaunt.

Peter Andres, das ist nicht uncharmant gemeint. Sie sind der Älteste in dieser Runde. Die Frage drängt sich deswegen auf: Haben Sie in Ihrem langen Wirtschaftsleben eine vergleichbare Krise wie die aktuelle schon einmal erlebt?

Peter Andres: Nein, natürlich nicht in dieser Breite. Es gab schon Bau- oder Finanzkrisen, aber die waren sehr branchenspezifisch. Die Coronapandemie ist eine Krise, in der Mann, Frau, die ganze Familie betroffen sind.

Und die Ölkrise in den Siebzigerjahren?

Andres: Damals war in erster Linie unsere Mobilität eingeschränkt. Wir waren aber nicht an Leib und Leben gefährdet. Wenn man jetzt nicht aufpasst, kann man daran sterben. Jetzt ist unsere Gesellschaft bedroht.

Angesichts dieser Dimensionen: Wie hart hat die Pandemie die Wirtschaft im Zurzibiet bisher getroffen?

René Utiger: Das ist nicht einfach zu beantworten, denn das Zurzibiet ist ja keine Insel. Wir sind heute alle stark vernetzt. Es ist auch noch zu früh, um das abschliessend zu beurteilen. Aber mein erster Eindruck ist, dass wir die Krise bisher sehr gut gemeistert haben. Uns ist nicht bekannt, dass ein Stellenabbau im grösseren Stil stattgefunden hat.

Auf was führen Sie das zurück?

Utiger: Weil wir vermutlich etwas bodenständiger unterwegs sind und über ein gutes Fundament verfügen. Wir haben beispielsweise nicht die Trend-Branchen, die wie Pilze aus dem Boden schiessen und dann wieder verschwinden. Wir sind eher klassischer orientiert im Zurzibiet, und das kommt uns jetzt zugute. Natürlich gibt es Ausnahmen. Ich kenne Beispiele von Gewerblern, die während des Lockdowns ihren Laden schliessen mussten und nicht wussten, wie es weitergeht. Aber wir haben viele Arbeitsplätze im Gesundheitswesen und im Energiesektor, die krisenresistent sind.

Zu den Personen

Peter Andres

Der 69-Jährige ist seit vielen Jahren in verschiedenen Funktionen im Zurzibiet tätig. Aktuell ist der Inhaber einer Beratungsfirma VR-Präsident von Bad Zurzach Tourismus und Standortförderer für den Bezirk. Andres lebt in Bad Zurzach. (dws)

René Utiger

Der 46-Jährige ist seit zwei Jahren Präsident des Wirtschaftsforums Zurzibiet. Die Dachorganisation bündelt die Interessen ihrer rund 700 Vereinsmitglieder. Utiger ist Inhaber einer Werbeagentur in Baden. Er lebt mit seiner Familie in Endingen. (dws)

Ist Ihnen bekannt, wie viele Arbeitsplätze wegen Corona verschwunden sind?

Utiger: Nein, solche Zahlen haben wir nicht. Aber es gab keine Massenentlassungen. Das zeigt sich im Übrigen auch in der Arbeitslosenstatistik, die bei 3,5 Prozent liegt und stabil ist.

Experten befürchten, dass die Konkurswelle erst nächstes Jahr einsetzt. Macht Ihnen das keine Sorgen?

Utiger: Das ist der berühmte Blick in die Kristallkugel. Aber ja, ich gehe davon aus, dass wir den Gürtel etwas enger schnallen müssen.

Andres: Was ich als Standortförderer gerade feststelle, ist, dass durch den teilweisen Engpass von Lieferketten Firmen die Produktion zurück in die Schweiz holen wollen. Ich hatte in letzter Zeit deswegen interessante Gespräche.

Firmen, die ins Zurzibiet kommen möchten?

Andres: Genaueres kann ich dazu nicht sagen. Aber Tatsache ist, dass wir bei uns verschiedene Industrieflächen haben, die man wiederbeleben könnte.

Utiger: Ich möchte anfügen, dass ich im Frühling als Unternehmer einige schlaflose Nächte hatte. Jede Krise hat aber bisher gezeigt: Wer Mut hat und bereit ist, zu investieren, geht gestärkt daraus hervor. Teilweise erlebe ich unterdessen Wochen, in denen der Eindruck entsteht, als gäbe es Corona nicht.

Sind die Zurzibieter mutig?

Andres: Ich schliesse mich René Utiger an. Ich erlebe das Zurzibiet überhaupt nicht als Krisenregion, sondern stelle nach wie vor eine sehr optimistische Stimmung fest. Und was mich bisher schwer beeindruckt hat: Wie sich das Gewerbe untereinander hilft, um die Dienstleistung aufrechtzuerhalten.

Utiger: Das sehe ich ähnlich. Eine grosse Stärke im Zurzibiet besteht darin, dass man sich kennt. Das ist in anderen Regionen etwas anders.

Und es gibt im Coronajahr messbare Lichtblicke. Fast 120 neue Firmengründungen gab es in den ersten neun Monaten. Demgegenüber halten sich Wegzüge und Zuzüge die Waage.

Andres: Das ist tatsächlich sehr erfreulich. Sie unterstreicht, dass trotz des schwierigen Umfelds bei uns eine Dynamik vorhanden ist.

Welche Branche verzeichnete den grössten Zuwachs?

Andres: Ganz klar der Dienstleistungssektor. Und wir werden den Bereich in Zukunft noch ausbauen. Mehr kann ich im Moment nicht sagen. Sie werden aber nächstes Jahr auf der Liste der Neuansiedlungen auftauchen. Nur so viel: Google ist nicht dabei. (lacht)

Der Anlass des Gesprächs ist die Coronakrise. Wenn man Ihnen zuhört, klingt das alles andere als pessimistisch.

Utiger: Ich möchte die Auswirkungen der Pandemie nicht runterspielen. Die letzten Monate haben aber gezeigt, dass in unserer Region ein Geist herrscht, der die Krise erträglicher macht...

Andres: ...und sich für die Zeit danach positiv auswirken könnte.