Tegerfelden
Schnüffelnase im Klassenzimmer: Wie dieser Hund den Unterricht bereichert

Lehrerin Joanna Füglistaler nimmt Vierbeiner «Zulu» in den Unterricht in Tegerfelden mit. Wie die Primarschüler dadurch Respekt erlernen und Selbstvertrauen gewinnen.

Rosmarie Mehlin
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Hund «Zulu» erhält von der Schülerin Nella eine Belohnung, Besitzerin und Lehrerin Joanna Füglistaler schaut zu.

Hund «Zulu» erhält von der Schülerin Nella eine Belohnung, Besitzerin und Lehrerin Joanna Füglistaler schaut zu.

Alex Spichale

Mit seinen vier Beinen ist Hund «Zulu» beim «Fangis»-Spielen gegenüber Zweibeinern gewiss im Vorteil. Jedenfalls theoretisch. Praktisch spielt allerdings das Gelände eine nicht unwesentliche Rolle. Im Schulzimmer voller kleiner Bänke, Stühle, Tische, Trennwände und poliertem Holzboden kommt Zweitklässler Mael mit den Finken an seinen Füssen in den engen Kurven weniger ins Rutschen als «Zulu» mit den Krallen an seinen Pfoten.

Doch halt: Was hat der Hund überhaupt im Schulhaus Tegerfelden zu suchen, und wo steckt die Lehrerin? Sie steht da, schaut begeistert zu, treibt Hund und Bub gar zu noch mehr Tempo an.

«Zulu» gehört Lehrerin Joanna Füglistaler. Die 28-Jährige hat an der Uni Zürich Erziehungswissenschaften studiert. «Ich hatte mir schon immer einen Hund gewünscht und gewusst, dass ein solcher nicht nur in mein Leben, sondern auch in meine Arbeit passen muss.»

Rasse Elo als Familienhund

Der Elo ist eine junge, noch nicht eingetragene Hunderasse. Das Elo-Zuchtprojekt hatte unter dem Namen «Eloschaboro» 1987 in Deutschland begonnen. Als Ausgangs-Rassen der Kreuzung waren Eurasier, Bobtail und Chow Chow gewählt worden.

In ihrem Äusseren sind Elos variantenreich. Je nach Abstammung wiegen sie zwischen 10 und 15 Kilo oder zwischen 22 und 35 Kilo. Ihr Fell ist mittellang und kann jede Farbe haben. Als ruhiger, anhänglicher und gutmütiger Hund hat sich der Elo inzwischen zu einem äusserst beliebten Familienhund entwickelt.

Im Sommer 2018 war «Zulu» als rund drei Monate alter Elo-Welpe zu Joanna gekommen.

«Als ich mich beruflich gegen eine Tätigkeit in der Forschung und für das Lehramt entschieden hatte, begann ich, mich über Hunde in der Schule zu informieren. Nicht nur ich, auch mein Hund sollte eine Beschäftigung haben, die ihm Spass macht und ihn auslastet.»

Was ein Schulbegleithund wie «Zulu» im Unterricht bringt

In der ersten Hälfte dieses Jahres liessen sich Joanna und «Zulu» bei der Firma «Tierisch gut lernen» von Barbara Rufer zum Schulbegleithund-Team ausbilden. «Im Unterricht machen Kinder spielerisch gute Erfahrungen mit Hunden. Manche Kinder gewinnen dadurch mehr Zutrauen und Selbstvertrauen, andere lernen, mehr Respekt zu haben und sich selbst zurückzunehmen.»

Seit Beginn des neuen Schuljahres arbeiten Joanna und «Zulu» gemeinsam an dieser Aufgabe. Füglistaler unterrichtet als Stellvertreterin – und mit Hund – auch 5./6.-Klässler, hauptsächlich aber in der 1./2.Klasse, wo «Zulu» an einem Vor- und zwei Nachmittagen mit von der Partie ist.

Plötzlich Hochdeutsch: Der grosse Moment für «Zulu»

Als am Donnerstagvormittag nach der grossen Pause 14 Kinder ins Zimmer der zweiten Klasse stürmen, pfuust «Zulu» seelenruhig in seinem Transportzelt hinter dem Schreibtisch der Lehrerin. Schreiend suchen sich die neun Mädchen und fünf Buben einen Platz, um zu basteln, zeichnen, Schreibübungen zu machen.

Nachdem zuvor Werken und Gestalten auf dem Stundenplan stand, können sie jetzt frei entscheiden, wonach ihnen der Sinn steht. Nach einer Viertelstunde aber gilt es, vier Tische ordentlich zu platzieren und auf den dazu gestellten Bänken Platz zu nehmen.

Primarschul-Lehrerin Joanna Füglistaler nimmt dreimal pro Woche ihren Hund Zulu in den Unterricht in Tegerfelden mit.
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Die 28-Jährige hat an der Uni Zürich Erziehungswissenschaften studiert.
Die Schülerinnen und Schüler repetieren, was sie «Zulu» gegenüber tun respektive lassen müssen.
«Nicht anfassen», «nicht anstarren», «nicht den Namen sagen», «nicht am Schwanz ziehen», «nicht verfolgen».
«Zulu» sucht ein Etui...
... im Klassenzimmer.
Nella versteckt das Etui nochmals.
Am Schluss darf die Belohnung nicht fehlen.

Primarschul-Lehrerin Joanna Füglistaler nimmt dreimal pro Woche ihren Hund Zulu in den Unterricht in Tegerfelden mit.

Alex Spichale / ZUR

«Zulu» ist aufgewacht und spitzt die Ohren: Plötzlich wird Hochdeutsch gesprochen – der grosse Moment naht. Aber zuerst prüft Frau Lehrerin, ob in Sachen Verhaltensregeln nichts vergessen gegangen ist. Nacheinander müssen Luana und Elias, Samira, Annika, Mikail und was für hübsche Namen sie sonst noch aufruft, repetieren, was sie «Zulu» gegenüber tun respektive lassen müssen: «Nicht anfassen», «nicht anstarren», «nicht den Namen sagen», «nicht am Schwanz ziehen», «nicht verfolgen» – halt, stopp: Das mit dem Verfolgen gilt natürlich beim «Fangis»-Spielen nicht.

Die Belohnung am Schluss darf nicht fehlen

Und genau das steht heute auf dem Programm. Mit einem runden Etui in der Schnauze speedet «Zulu» auf Frauchens Kommando los – Mael hintendrein. Trotz dem Nachteil mit den Krallen, nimmt «Zulu» die Kurven in Formel-1-Manier, um auf Joannas Kommando brav still zu stehen. Nun bekommt der Bub das Etui, kriecht damit unter einen Tisch und versteckt sich hinter einem Ventilator.

«Zulu» weiss genau, um was es beim «Versteckis»-Spiel geht. Sie hält die Nase zuerst in die Luft, dann auf den Boden, läuft zick zack und findet schliesslich Mael respektive das Etui, das offensichtlich wunderfein durftet.

Nun ist Nella an der Reihe. Beim «Fangis» ist sie superstark, doch knapp kommt sie nicht an den Vierbeiner heran. Der lässt sich von Joanna widerstandslos das Etui aus der Schnauze nehmen, das Nella nun verstecken muss. Sie findet, so auf die Schnelle, nur ein Versteck, das für «Zulus» Nase keine grosse Herausforderung ist.

Nella ist nur ganz kurz enttäuscht, denn sie darf dem Vierbeiner nun die Belohnung für seinen Einsatz überreichen: Im Etui nämlich steckt eine Tüte mit Hunde-Guddel, die «Zulu» mit Begeisterung sanft von Nellas Hand nimmt. Danach zieht er sich wieder in sein Transportzelt zurück, während für die 14 Kinder der Ernst des Zweitklässler-Lebens weitergeht.

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